Interview: "Jetzt kommt Indien auf uns zu"
VON MATTHIAS ROSCHER - zuletzt aktualisiert: 06.04.2009 - 11:33Düsseldorf (RPO). Uwe Kerkmann, der neue Leiter des Düsseldorfer Wirtschaftsförderungsamtes, verteidigt den Wettbewerb der Kommunen in einer Region um die Ansiedlung neuer Unternehmen. In Asien zieht Düsseldorf seine Kreise über China und Japan hinaus.
In der offiziellen Lesart der Wirtschaftsförderung steht Düsseldorf trotz Wirtschaftskrise gut da. Weht hier dennoch nicht ein anderer Wind?
Uwe Kerkmann: Düsseldorf ist mit seiner Internationalität und seinem Branchenmix breit aufgestellt. In keiner unserer Branchen beträgt der Anteil an der Gesamtzahl der Beschäftigten mehr als zehn Prozent. Denken Sie jetzt mal an Stuttgart oder Rüsselsheim mit ihrer Abhängigkeit von der Autoindustrie.
Dafür betonen wir besonders gerne unsere Stärke als Dienstleistungszentrum.
Kerkmann: Auch im öffentlichen Dienst und bei den sonstigen Dienstleistungen liegt der Anteil der Beschäftigten bei nicht mehr als zehn Prozent. Diese breite Aufstellung hat uns übrigens sehr geholfen, als vor etwa zehn Jahren die I-Commerce-Blase platzte.
Die Zahl der Unternehmen mit Kurzarbeit ist im Bezirk der Agentur für Arbeit inzwischen auf mehr als 300 angestiegen. Wie kann die städtische Wirtschaftsförderung helfen?
Kerkmann: Die Situation ist nicht so, dass wir uns ausruhen können. Auch wir müssen die Ärmel aufkrempeln und besonders jetzt dafür sorgen, dass die Rahmenbedingungen für die Unternehmen, die bereits in Düsseldorf sind und die, die noch kommen wollen, maßgeschneidert stimmen.
Muss sich die städtische Wirtschafförderung in Zeiten der Krise neu definieren?
Kerkmann: Ich glaube nicht. Wir haben einen großen Instrumentenkoffer für die unterschiedlichsten Lagen. Wir kümmern uns um jedes einzelne Unternehmen, wenn es uns braucht. Grundsätzlich gilt: Wir bieten als Stadtverwaltung den besten Service, die Politik sorgt für gute Rahmenbedingungen. Noch einmal: in jeder Lage, in guter wie in schlechter.
Kurzarbeit, drohende Insolvenzen, die Zahl der Arbeitslosen steigt in Deutschland. Düsseldorf ist auf Dauer doch keine Insel der Seligen?
Kerkmann: In ihrer ganz schlimmen Form erreicht uns die Krise hoffentlich nicht. Wir haben 2008 rund 15 000 neue Arbeitsplätze schaffen können, davon 1000 im gewerblichen Bereich. Dabei legen wir unseren Focus auch auf die industriellen und gewerblichen Betriebe. Viele haben mit ihren Produkten sogar international die Marktführerschaft erobert. Denken Sie an Demag Cranes, an das Sprinter-Werk von Daimler oder Komatsu. Die Düsseldorfer Unternehmen sind sehr dynamisch, und ich glaube nicht, dass sie erlahmen. Die Stimmung ist nicht so negativ.
Ist das im Konsumbereich anders?
Kerkmann: Ich gebe zu, dass auch wir eine wirtschaftliche Delle haben. Aber gehen Sie einmal mit offenen Augen durch die Stadt. Ich sehe zum Beispiel keine Krise, wenn ich die Menschen beim Einkaufen beobachte. Ich habe drei Jahre in Berlin gelebt, dort waren die Straßen wie in Düsseldorf immer voll. Im Gegensatz zu Düsseldorf waren die Leute in Berlin aber nie mit so vielen Einkaufstüten unterwegs.
In der Ansiedlungspolitik war Düsseldorfs Verhältnis zu den Nachbarn in den vergangenen Jahren in erster Linie vom Wettbewerb bestimmt. Gemeinsame Auftritte gab es allenfalls auf der Tourismusmesse in Berlin. Ist diese Denke überholt?
Kerkmann: Alle Kommunen befinden sich in einem großen Konkurrenzumfeld. Am Ende ist immer entscheidend, wo ein Unternehmen die Gewerbesteuer zahlt. Aber wichtig ist auch, dass Arbeitsplätze und Wirtschaftskraft in der Region bleiben.
Scheitert der Gedanke an ein Stadt- und Kreisgrenzen überschreitendes Marketing also am kommunalpolitischen Egoismus?
Kerkmann: Das kommt darauf an. Für Japaner zum Beispiel sind Düsseldorf und die Region zunächst einmal gleich wichtig. Weil wir uns aber über die Jahrzehnte hinweg zum wichtigsten Standort Japans auf dem europäischen Festland entwickelt haben, werden wir diesen Vorsprung gegen jede Konkurrenz verteidigen.
Und China?
Kerkmann: Das ist schon ein anderes Thema. Hier war zwischen Köln und Düsseldorf einige Zeit lang die Frage, wer spielt die Vorreiterrolle für ansiedlungsbereite Chinesen. Düsseldorf hat sich am schnellsten zu einem bedeutenden China-Standort in Deutschland entwickelt. An diesem Beispiel zeigt sich auch, wie sehr der Wettbewerb ein probates Mittel dafür ist, dass alle sich anstrengen. Das tut dann dem einzelnen Standort gut, aber auch der Region.
Wie machen Sie einem Unternehmen aus Asien klar, dass Düsseldorf im Vergleich zu Neuss, Meerbusch oder Ratingen der bessere Standort ist?
Kerkmann: Da sind wir wieder bei den Rahmenbedingungen. Es gibt keine Kommune, die drei japanisch und drei chinesisch sprechende Mitarbeiter in der Wirtschaftsförderung hat. Es geht dabei nicht nur um Sprachkenntnisse, sondern auch um das kulturelle Verständnis. Für Chinesen ist Düsseldorf ein fremdes Terrain, deshalb brauchen sie eine intensive Betreuung. Dazu gehört eine Stadtverwaltung, die ihre Sprache spricht.
Der gute Ruf Düsseldorfs in Japan und China ist durch eine zähe Außenpolitik mit intensiver Reisediplomatie, vor allem durch den verstorbenen Oberbürgermeister Joachim Erwin, begründet worden. Täuscht der Eindruck, dass im Augenblick Funkstille herrscht?
Kerkmann: Wir haben keine Funkstille, sondern viele Projekte in der Planung, die jetzt einen Reifegrad erreicht haben.
Verraten Sie uns etwas.
Kerkmann: Wir beginnen jetzt mit Investitionsseminaren in Japan. Im September kommt China an die Reihe. Dann stecken wir mitten in der Vorbereitung für unseren sechs Monate dauernden Auftritt auf der Weltausstellung in Shanghai im kommenden Jahr. Als logische Folge kommt Indien auf uns zu. Hier sind wir mit der Deutsch-Indischen Handelskammer schon im Gespräch. Sie hat ihren Sitz zum Glück in Düsseldorf.
In jüngster Zeit wurden die Stimmen lauter, dass Düsseldorf sich in messeschwachen Zeiten besser vermarkten und das Potenzial im Städtetourismus stärker ausschöpfen muss. Überlässt die Wirtschaftsförderung das Feld alleine der Düsseldorf Marketing und Tourismus GmbH?
Kerkmann: Standortmarketing und Stadtmarketing treffen sich mit ähnlichen Argumenten. Die Wirtschaft interessiert sich sehr für den Freizeitwert unserer Stadt, für Veranstaltungen in LTU-Arena, Philipshalle, Schauspielhaus und Oper. Oder für das Programm unserer Museen und Galerien. Wir von der Wirtschaftsförderung argumentieren stark mit dem Vorteil eines Flughafens als Tor zur Welt oder der Messe als Plattform für internationale Beziehungen. Das sind auch Themen, die in unserem neuen Düsseldorf-Film vorkommen werden.
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