Düsseldorfer Universität: Joschka Fischer will neue Vision von Europa
VON ANANDA MILZ - zuletzt aktualisiert: 02.06.2010 - 08:32Düsseldorf (RPO). Eigentlich wollte sich Joschka Fischer bei seiner zweiten Vorlesung an der Heinrich-Heine-Universität dem Thema "Europa und seine Nachbarn" widmen. Doch warf er als Gastprofessor wie bereits bei seiner Auftaktrede vor fünf Wochen sein Konzept um.
Erneut bezog der ehemalige Vizekanzler und Außenminister Stellung zur aktuellen Lage der EU und zur Finanzkrise. Dabei führte er seinen rund 600 Zuhörern im Audimax der Uni die "harte Realität" vor Augen, in der, wie er selbst betonte, "die Finanzwölfe Einzug gehalten haben auf der europäischen Schafswiese."
Union der Solidarität gefragt
Doch nicht nur mit Wortgewandtheit und Sprachwitz gelang es Fischer, Studenten, Zuhörer älteren Semesters und Personal aus Forschung und Lehre gleichermaßen zu fesseln. Jenseits aller Parteigrenzen präsentierte sich Fischer als Botschafter Europas, übte nicht nur an den derzeitigen Entscheidungsträgern Kritik, sondern räumte auch in seiner eigenen aktiven Zeit Fehler ein: "Ich selbst war beim Thema Europa oft zu zögerlich, ging zu viele Kompromisse ein, war zu wenig Visionär."
Dritte Vorlesung
Dienstag, 22. Juni, 16 Uhr, Konrad-Henkel-Hörsaal 3 A. Im Hochschulradio 97,1 wird die Aufzeichnung von Fischers Vorlesung vom Dienstag am Donnerstag ab 18.30 Uhr übertragen.
Denn gerade in der "schwersten Krise der Europäischen Union" seien die Visionäre die eigentlichen Realisten. Diese These beleuchtete Fischer aus verschiedenen Perspektiven, ging auf die Folgen eines schwachen Euro gleichermaßen ein wie auf die politischen Konsequenzen eines Zerfalls der Europäischen Union.
Nur eine Union der Solidarität, die nach dem Staatsbankrott Griechenlands nach vielem Hin und Her äußerst zögerlich auf den Weg gebracht wurde, könne die Zukunft Europas und somit die Zukunft jeder einzelnen dazugehörenden Nation sichern.
Gefragt seien dabei vor allem die Kernstaaten Frankreich und Deutschland, die ihre wirtschaftspolitischen Differenzen überwinden und nach vorne denken müssten. "Wir brauchen eine neue Vision von Europa und müssen diese unbedingt in den demokratischen Prozess integrieren – für eine wahre Geburtsstunde Europas", appellierte Gastprofessor Fischer am Schluss seiner Rede.
Seine 45-minütige Bestandsaufnahme sorgte neben der ein oder anderen kritischen Stimme bei der anschließenden Diskussionsrunde vor allem für lobende Worte, etwa von der Romanistik-Professorin Vittoria Borsò: "Ihr Vortrag, Herr Fischer, war klarer als jede aktuelle Debatte im Parlament."
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