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Robert Gernhardt mit Heine-Preis ausgezeichnet: "Kann es das Dichten richten?"

VON MAIKE SCHULTE - zuletzt aktualisiert: 13.12.2004 - 16:42

Düsseldorf (dto). „Sie haben meinen Verdacht erhärtet, dass der Mensch unbegrenzbar belobbar ist – es tut gut, das hin und wieder am eigenen Leibe erfahren zu dürfen“, freute sich Schriftsteller, Lyriker und Karikaturist Robert Gernhardt anlässlich der Verleihung des Heine-Preises bei einem Festakt im Düsseldorfer Rathaus. OB Joachim Erwin überreichte die mit 25.000 Euro dotierte Auszeichnung und hob die Nähe zum größten Dichtersohn der Stadt hervor: Mit „Witz und Popularität, Verständlichkeit und Selbstironie“ verfügten beide über Eigenschaften, die vom ernsthaften deutschen Publikum gelegentlich nur mit spitzen Fingern angefasst würden.

Preisträger Robert Gernhardt, 1937 in Estland geboren, gehört zu den Stars der Satire-Zeitschriften Pardon und Titanic. Anfang der 80er Jahre gelang ihm der Durchbruch zum „anerkannten Gegenwartsliteraten“, wie er einmal voller Selbstironie bekundete. Die Palette seiner Werke umfasst Kinderbücher, Zeichnungen, Essays, Erzählungen und vor allem Gedichte. Seine Parodierkunst demonstrierte er einmal mehr 1998 mit dem Band „Klappaltar. Drei Hommagen“, in denen er sich mit Respekt und Lust den Dichtern Heine, Brecht und Goethe widmete. Den Rezensenten lieferte er damit das Stichwort, Gernhardt selbst sei in die Tradition der großen deutschen Dichter zu stellen.

Wie Heine pflege er einen uneigentlichen, antipathetischen und ironiegetränkten Ton, hob Literaturwissenschaftler Michael Maar in seiner Laudatio hervor: „Er ist wie Heine befähigt zum Hedonismus, aber wie Heine lügt er sich nicht in die Tasche.“ In der Geschichte des Heine-Preises habe es kaum jemanden gegeben, den die Ehrung berechtigter traf, schloss Maar weiter: Mit blühendem Nonsens wie „Paulus schrieb an die Apatschen: Ihr sollt nicht nach der Predigt klatschen“ begann Gernhardts literarische Karriere. „Doch Komisches und Unheimliches, das Schöne und das eigentlich Grässliche fließen in Gernhardts ganz still ineinander“, beschrieb Maar die weitere literarische Entwicklung Gernhardt. Wie Heine sei er ein großer Mann der Aufklärung. Und nicht so harmlos, wie er auf den ersten Blick scheine. Gernhard sei ein Panther, wenn auch „ein ausgesprochen netter Panther“.

Heines Lachen hätte ihn vor Jahren sicherlich noch stärker interessiert, erläuterte der Preisträger in seiner Dankesrede. Mittlerweile erscheine ihm das Leiden des Dichters in seinen Versen aus der „Matratzengruft“ jedoch bedenkenswerter, was wohl auch in Zusammenhang mit einer überwundenen Krebserkrankung stehen dürfte. Unter der großen Überschrift „Kann es das Dichten richten?“ waren Leid und Dichtung dann auch das große Thema seiner Rede. Lange Zeit durch eine Muskellähmung ans Bett gefesselt, war Heine „imstande, wenigstens für die Dauer eines fünfstrophigen Gedichts Ordnung zu schaffen“, analysierte Gernhardt. Dichtung als Distanzmittel auch beim Leser: Der könne anhand eines Gedichts das "mitleiderregende Was" „mitleidslos“ auf seine formale Qualität hin prüfen, Lachen über den Inhalt nicht ausgeschlossen.

Auch Gernhardt reagierte literarisch auf seine eigene Erkrankung, 2004 erschien ein fünfzigzeiliger Liederkranz, die „K-Gedichte“. „Sie beschreiben Krankheit, Krieg und Kunst in einer Wiese, dass Heine zweifellos neben allem Mitgefühl aufgrund eigener verwandter Erfahrungen seine Freude daran gehabt hätte“, lobte Erwin. Und ganz klammheimlich schlich sich in Gernhardts Worte der Düsseldorfer Dichter ein. „An meinem Bett in der Winternacht als Wärterin Frau Sorge wacht“, heißt es bei beim bettlägerigen Heine. Und Gernhardt dichtet im Krankenhaus: „Frau Sorge traf am Krankenbett des Gernhardt den Herrn Kummer. „Herr Kummer, das ist aber nett! Wir wolln den Gernhardt-Schlummer nicht störn, doch wenn er mal erwacht, läuft die bewährte Nummer: Sie kümmern sich, dass er sich sorgt, ich sorge für den Kummer.“ Doch im Kummer wollte Gernhardt an diesem Tag nicht enden. Schließlich feierte er, genau wie Heine, am Montag Geburtstag, und zwar einen „glücklichen“, wie er zum Abschluss seiner Rede betonte.

Als 15. Preisträger des Heine-Preises kann sich Gernhardt nun in eine illustre Kollegenschar einreihen. Zu den bisherigen Preisträgern zählen beispielsweise Carl Zuckmayer, Sebastian Haffner, Walter Jens, Carl Friedrich von Weizsäcker, Max Frisch, Hans Magnus Enzensberger und Elfriede Jelinek. Einen Nobelpreis könne man ihm allerdings nicht garantieren, kommentierte OB Erwin in Anspielung auf die österreichische Autorin zum Abschluss des Festaktes.


 
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