Rosenmontag: Die letzte Session in Uniform
VON STEFANI GEILHAUSEN UND THOMAS BUSSKAMP (FOTOS) - zuletzt aktualisiert: 21.02.2012 - 17:15Düsseldorf (RP). Sieben Jahre lang hat Dieter Höhbusch die Polizeieinsätze am Rosenmontag geleitet. Gestern waren es gut 900 Beamte, die auf sein Kommando hörten, um rund um den Zug die Sicherheit in Düsseldorf zu gewährleisten. "Ein eingespieltes Team", sagt der Polizeidirektor. Und er wird es vermissen. Nächstes Jahr ist er um diese Zeit im Ruhestand.
Stunden bevor es losgeht, macht Dieter Höhbusch gern "einen Gang durchs Gelände". Mal reinriechen in die Atmosphäre, ein Gefühl bekommen für die Stimmung. Das hat dem Leiter der Polizeidirektion Gefahrenabwehr / Einsatz vor Jahren mal ein Vorgesetzter beigebracht und "das hat sich bewährt." Wetten würde er zwar nicht auf den friedlichen Verlauf des Rosenmontags, doch sein Bauchgefühl nach dem Rundgang über die Cecilienallee ist gut. "Das wird ein schöner Tag."
Um 8.30 Uhr hat Höhbusch mit seinen Mitarbeitern aus dem Stab in der Polizeikantine gefrühstückt, Rührei mit Schinken und dazu Kaffee. Das ist eine feste Rosenmontagstradition wie sein anschließender Kurzbesuch bei den Kollegen vom Verkehr. Alles in Ordnung auf den Straßen der Stadt, Am frühen Morgen hat es auf der Autobahn ein paar Glatteisunfälle gegeben. Aber in der City ist die Kradstaffel längst unterwegs. "Und wo die Motorräder fahren, ist es nicht glatt."
Er kommt nicht durchs Haus ohne noch ein gutes halbes Dutzend Hände zu schütteln. "Rosenmontag", sagt Höhbusch, "ist ein bisschen wie Familientreffen. Dann sind alle im Präsidium." Sogar die Fortbildungs-Beamten haben die Büros in Heerdt gegen die Einsatzzentrale am Jürgensplatz getauscht. Schnelles Hallo im Foyer, wo Tische und Bänke aufgestellt sind. Dann geht's raus an die Cecilienallee.
Kurz nach neun ist es gar nicht so einfach, dort hin zu kommen. Der Polizeiführer hat die Zeiten für die Straßensperren selbst angeordnet. Jetzt kommt sein Fahrer nicht mehr durch den Tunnel. Und am Graf-Adolf-Platz rollen die ersten Mottowagen über die Kreuzung. Für Jacques Tillys Darstellung des Rechten Terrors, dessen Pistolenlauf von Polizei, Justiz und Verfassungsschutz gehalten wird, hat der Polizeichef keinen Blick. Er schaut auf die Absperrungen vorm GAP 15. "Da wird es manchmal eng, wo die Hammer Dorfjugend feiert. Das müssen wir im Auge behalten" sagt er zu Oberkommissarin Patricia Prechel, die seit einer Woche bei ihm hospitiert.
Auf der Cecilienallee ist noch wenig los. Gerade mal zwei Motivwagen hat Rainer Sieg von der CC-Zugleitung schon eingewiesen. "Haben wir eigentlich nichts besseres zu tun?", begrüßt er lachend den Polizeidirektor und wird sofort wieder ernst. Die Anfahrt von der Wagenbauhalle zum Aufstellungsort war erstmals nicht über die Berlinier Allee geführt worden, weil es da wegen des Kö-Bogens zu eng geworden ist. "Über den Südring ist das richtig gut", sagt Sieg jetzt. "Das sollten wir immer so machen." Höhbusch legt die Stirn in Falten und macht im Kopf eine Notiz: "Das müssen wir mal sehen."
Aus dem Büdchen dröhnt Musik. "Die Karawane zieht weiter, der Sultan hat Durst". Höhbusch singt leise mit und nimmt im Vorbeigehen Maß am Wagen der Mercedes-Niederlassung. Der überdimensionale Geländewagen als Elektroauto ist knapp unter zehn Meter lang. "Geschickt gemacht", sagt Höhbusch. "So brauchen sie nur vier Wagenengel." So heißen die Begleiter, die nach dem Sicherheitskonzept neben jedem Fahrzeug gehen müssen. Ab zehn Metern Gespannlänge sind sechs Engel Pflicht.
An der Gulaschkanone der Gerresheimer Bürgerwehr lehnt Höhbusch die angebotene Bratwurst ab. "Dann eben nächstes Jahr", sagt Kurt-Jürgen Peters, der die Feldküche betreut. Dabei wird Höhbusch nächstes Jahr ganz sicher nicht am Zoch sein. Zum 1. Februar 2013 wird er pensioniert. Und im Ruhestand kann sich der Essener höchstens mal einen Karnevalsbesuch daheim in Kupferdreh vorstellen. Das sagt er dem Feldkoch aber nicht, winkt fröhlich "Helau" und macht sich auf zum Rathaus.
"Stehen die Truppen?" fragt er im Raum gegenüber vom Jan-Wellem-Saal, in dem sich die Jecken schon warm schunkeln. "Alles bestens", sagt Dino Conti-Mica im Namen der Koordinierungsgruppe, die hier ihre Laptops aufgeklappt hat. CC-Zugleiter Wolfgang Becker, die Berufsfeuerwehr, der Sicherheitsdienst und Polizist Volker Ende sollen hier die Geschehnisse im Auge behalten. Und im Ohr, per Digitalfunk, den das CC angeschafft und den auch die Feuerwehr erstmals testet. "Das funktioniert super", schwärmt Feuerwehrmann Michael Brüls Höhbusch von der Technik, die bei der Polizei gerade erst erprobt wird.
Und dann gibt's doch eine erste Schadensmeldung: Auf der Friedrichstraße hat der Wagen der Närrischen Wehrhähn' einen Falschparker "verschoben", wie Becker formuliert. Ohne große Folgen, der Zeitplan läuft. Und Dieter Höhbusch mischt sich im Jan-Wellem-Saal kurz unter die Jecken, begrüßt Bürgermeisterin Strack-Zimmermann und CC-Chef Jürgen Rieck. Der ist wie er heute zum letzten Mal von Amts wegen im Zoch-Geschäft.
Um halb elf lässt sich Höhbusch an der Garderobe Jacke und Dienstmütze geben. Die Mützenpflicht für seine Beamten hat er für heute aufgehoben. Rasche Inspektion auf dem Marktplatz und vorm Uerige, wo jetzt Absperrgitter stehen. "Das geht nicht mehr anders. Das wird sonst zu eng hier." Jetzt sieht alles gut aus. Zwischen den Pflastersteinen haben sich winzige Scherben festgesetzt. Kein Vergleich zu früheren Zeiten, sagt Höhbusch und gerät fast schon ins Schwärmen über eine der besten Entscheidungen der vergangenen Jahre, "wenn nicht sogar die beste": Für's Glasverbot gebe es keine Alternative.
Auf dem Burgplatz sehen Polizeianwärter mit gemischten Gefühlen ihrem ersten Rosenmontags-Einsatz entgegen. Höhbusch begrüßt jeden mit Handschlag. Der Kontakt zu seinen Kollegen liegt ihm genauso am Herzen wie deren Verpflegung, die er im LVA-Hochhaus begutachtet, wo sich die Kradfahrer aufwärmen und es für die Beamten ein kalt-warmes Buffet gibt. Abschnittsleiter Norbert Adamek gibt seinen Leuten dort gerade letzte Anweisungen. Freundlich sollen sie sein, aber sich nicht zum Narren halten lassen.
Auch die Verkehrskadetten haben hier ihre Zentrale aufgeschlagen, und Simon Höhner von der Verkehrswacht grummelt, weil er noch keine Funkgeräte für alle hat. Die hätte das CC schon am Vorabend bringen sollen, sagt Höhbusch und macht wieder eine mentale Notiz für die Manöverkritik, die in den nächsten Tagen folgen soll. Dann werden aus den mentalen Notizen so genannte Problemzettel geworden sein, die alle Beteiligten über die Punkte mitbringen, an denen irgendetwas hakt.
Punkt zwölf nimmt Höhbusch seinen Platz in der Führungsstelle ein. Bei den 25 Beamten am großen Tisch laufen alle Meldungen rund um den Rosenmontagszug ein, während die Bilder aus der City aus dem Internet an die Wand geworfen werden. Als dort der Prinzenwagen erscheint, wird Höhbusch sauer. "Vier Wagenengel – das sind doch viel zu wenig." Er ordnet die Zählung der Begleiter an. "Wenn das nicht eingehalten wird, können wir uns das Sicherheitskonzept auch gleich sparen", zürnt er. Kurz darauf kommt die Bestätigung: Die Sicherheitsfirma hat die Wagenengel falsch verteilt. "Das werden wir nächstes Jahr besser machen", sagt Höhbusch, und meint mit "wir" das CC, dessen Vertreter in der Führungsstelle zerknirscht nickt.
Um 18 Uhr endet der Einsatz dort für alle. Die Polizeiinspektion Mitte ist jetzt für die Jecken in der Altstadt zuständig. Höhbusch verabschiedet sich in den Feierabend. Ein bisschen Wehmut nach diesem letzten Rosenmontagszug-Einsatz, sagt er, ist schon dabei. "Mir werden die Kollegen fehlen."
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