Jacques Tilly: "Wagenbau ist wie Marathonlaufen"
zuletzt aktualisiert: 09.01.2012 - 09:10Düsseldorf (RP). Für Düsseldorfs Karnevalswagenbauer Jacques Tilly und sein Team beginnt jetzt die heiße Phase: In sechs Wochen müssen alle Wagen fertig sein. Auf die Mottowagen, Aushängeschilder des Rosenmontagszuges, darf man gespannt sein. Selten war die Themenlage so gut.
Noch sechs Wochen bis zum Rosenmontagszug. Liegen Sie gut in der Zeit?
Jacques Tilly Was, nur noch sechs Wochen? Das wird aber jetzt ein kurzes Interview, ich muss schnell zurück zur Arbeit. Denn wie üblich sind wir enorm im Rückstand. Ich würde sagen: Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst.
Geben Sie uns einen Überblick: Wie lange dauern die Vorbereitungen, wann muss was fertig sein, nach welchem Plan gehen Sie die Arbeit an?
Tilly Die Bauzeit beginnt inzwischen schon im Frühling und endet Rosenmontag spätestens um sechs Uhr morgens. Die politischen Wagen entstehen ja wie immer am Schluss der Bauzeit, um möglichst nah am Puls der Zeit zu sein. Aber dass einer unserer Künstler mit Farbe und Pinsel dem schon auf die Straße rollenden Wagen hinterherlief, ist nur ein Gerücht.
Rosenmontagszug
Unter dem Motto „Hütt dommer dröwer lache“ wird der Rosenmotagszug in Düsseldorf am 20. Februar losziehen. Start ist bereits um 12.30 Uhr ab Josef Beuys Ufer. 72 Wagen werden dafür gebaut, auf 6,5 Kilometern Zuglänge tummeln sich rund 5500 Jecke und 45 Musikgruppen.
Sie machen den Karneval jetzt schon seit fast dreißig Jahren mit. Kommt da keine Langeweile auf?
Tilly Ich finde es selbst erstaunlich, dass ich nach fast 30 Jahren Dienstzeit – gefeiert wird aber erst die 33 –noch immer so begeistert dabei bin – ohne das geringste Burnout-Symptom!
Hatten Sie wirklich niemals Erschöpfungszustände?
Tilly Nein, in der Halle nennen mich manche sogar ironisch den Terminator: innen metallisches Skelett, außen menschliches Gewebe. Für ich ist der Rosenmontagszoch einfach die ideale Bühne, meine humoristische Ader, gepaart mit einer gewissen Portion Angriffslust, auszuleben. Und ich bin dem Comitee Düsseldorfer Carneval für diesen Freiraum, in dem ich mich so hemmungslos austoben darf, wirklich sehr dankbar.
Und wieso gehen Ihnen die Ideen nicht aus?
Tilly Die Ideen fallen mir nicht wie von selbst zu, das ist wirklich harte Arbeit, Denkarbeit. Seitenweise skizziere ich zumeist mittelmäßige Ideen in meinen Block, bis endlich mal etwas Brauchbares dabei ist. Das ist wie Gold sieben: Ab und zu ist, wenn man Glück hat, ein kleines Goldstückchen dabei. Aber das geht nicht ohne Fleiß und Anstrengung. Manchmal bin ich dabei tagelang nicht ansprechbar. Dann sitze ich mit Kopfhörern autistisch versunken an meinem Schreibtisch oder tigere unruhig hin und her.
Sie waren nicht auf der Fernsehsitzung – sind Sie überhaupt einer, den man bei offiziellen Karnevalsveranstaltungen trifft?
Tilly Die Wagenbauzeit ist wie ein Marathonlauf, da sollte man auch nicht zwischendurch mal eben stehen bleiben. Bei den Sitzungen wird es schon mal sehr lang und auch feucht-fröhlich, da wird weit in die Nacht hinein gefeiert. Anderntags muss man oft seinen Kater pflegen, und ich komme dann nur schwer wieder in die Arbeit rein. Freizeit gibt's erst wieder nach Rosenmontag, da muss ich leider rigoros sein. Ich werde von den Karnevalisten auch schon gar nicht mehr eingeladen, weil die wissen, dass ich sowieso nicht kommen kann. Aber für den Fall der Fälle habe ich ein natürlich echtes Narrenschiffchen im Kleiderschrank.
Was schätzen Sie am Düsseldorfer Karneval?
Tilly Vor allem die Typen, die hier anzutreffen sind. Im Düsseldorfer Karneval sind wirklich gute Typen und starke Persönlichkeiten versammelt. Mit einigen kann man wirklich Pferde stehlen. Anderswo wird der Karneval von stockkonservativen Honoratioren und Pöstchenjägern dominiert, hier nicht. Sonst wäre ich schon längst futsch.
Und was würden Sie anders machen?
Tilly In punkto Fernsehsitzung, Nachwuchsförderung und Erscheinungsbild sind die Düsseldorfer Narren schon seit Jahren auf einem sehr guten Weg, da gibt es nix zu meckern. Eine Anregung hätte ich aber noch: In der italienischen Karnevalshochburg Viareggio habe ich gesehen, wie sich eine ganze Stadt mit Fahnen, Figuren und Plakaten karnevalistisch schmücken kann, und damit die Stadtbewohner und Gäste schon Wochen vor dem Umzug in Karnevalsstimmung versetzt. Im Düsseldorfer Stadtbild wird der Karneval in der fünften Jahreszeit bislang nicht sichtbar. Das könnte man leicht ändern.
Wenn Sie das Jahr 2011 Revue passieren lassen, - was waren die Themen und welche davon werden von Ihnen zu Mottowagen verarbeitet?
Tilly In manchen Jahren ist die Themenlage nur ein tröpfelndes Rinnsal, doch in dieser Session kann ich man sich vor Themen ja gar nicht retten. Wir haben beispielsweise den arabischen Frühling, der übergangslos in einem islamistischen Winter zu enden droht, den Skandal um die deutschen Staatsorgane als Helfershelfer der Naziterroristen, und den bisweilen wirklich amüsanten Todeskampf der FDP. Wie es aussieht, gibt es dieses Jahr eine reiche Ernte an karnevalsgeeigneten Themen. Aber ich habe mir noch keine Gedanken über die politischen Wagen gemacht, das fängt jetzt erst so langsam. Wer zu früh aus der Deckung kommt, kann leicht von der Aktualität überrollt werden. Das überlassen wir getrost den Kölnern.
Frau Merkel und Herr Sarkozy hatten ja einiges zu tun, Europa zu retten. Da kommen Sie am Thema Europa und Eurokrise kaum vorbei.
Tilly Das verzweifelte Euro-Krisenmanagement der obersten politischen Kaste wird bestimmt im Düsseldorfer Zoch satirisch verwurstet werden. Aber gerade kann niemand die Lage einschätzen. Möglicherweise tanzen wir ja alle noch fröhlich im Takt der Bordkapelle, ohne zu merken, dass die Titanic schon längst sinkt. Aber ich neige nicht zum Katastrophismus. Ohne diese Notlage hätte das träge Europa nie die Energie aufgebracht, sich enger und in Richtung Vereinigte Staaten von Europa zusammenzuschließen – die einzig erfolgversprechende Option, die Europa geopolitisch hat.
Im vergangenen Jahr haben Sie mit Ihrem Guttenberg-Wagen eine Punktlandung hingelegt. Am 1. März trat er zurück, am 7. März präsentierten Sie einen hochaktuellen Wagen, der gestürzten Hoffnungsträger der CDU/CSU, der mit einem Starfighter ins Kanzleramt düst. Eine ähnliche Gemengelage haben wir jetzt mit dem Bundespräsidenten Christian Wulff.
Tilly Ja, die Parallelen sind frappant. Auf der einen Seite ein selbstgerechter Spitzenpolitischer, der nicht merkt, dass seine Zeit schon längst abgelaufen ist, auf der anderen Seite eine hinrichtungsgierige und pharisäerhafte Medienmeute. Wulff ist Top-Thema, keine Frage. Aber wer weiß schon, welche Wendungen der Fall noch nehmen wird. Da lasse ich mir noch Zeit.
Gerne nehmen Sie ja bei den Karnevalswagen auch die katholische Kirche aufs Korn. Nach den Missbrauchsfällen im Vorjahr war es 2011 ja etwas ruhiger. Gibt's dennoch eine Idee?
Tilly Das Thema Religion ist ja für den Satiriker besonders dankbar, weil hier die Kluft zwischen hehrem moralischen Anspruch und einer traurigen Realität oft besonders groß ist. Aber das Thema ist erstmal durch, das hatten wir genug die letzten Jahre. Es sei denn, der von mir hoch geschätzte Kardinal Meisner gibt wieder rechtzeitig Unsägliches zum Besten.
Das lokale Geschehen darf sicher auch nicht fehlen: Was haben Sie da noch so in Erinnerung?
Tilly Vor allem das Desaster rund um das bröckelnde Altstadtpflaster und den hässlichen Rheinuferzaun natürlich. In negativer Erinnerung ist mir die Schwierigkeit, die gewisse Ratsfraktionen bei der eigentlich selbstverständlichen Rehabilitierung der zwei als Hexen verbrannten Gerresheimer Frauen hatten. Aber mal sehen, bis Rosenmontag wird noch ordentlich Rheinwasser an den Düsseldorf Ufermauern vorbeifließen.
Von außen, von den Medien, wird immer wieder der Vergleich Düsseldorf-Köln zur Bewertung der Rosenmontagszüge bemüht. Zwischenzeitlich wollten die Kölner Sie ja mal abwerben, weil Sie so überzeugende karikierende Wagen machen. Danach gab es mal Krach wegen eines bösen Köln-Wagens im Düsseldorfer-Zug. Wie ist der Beziehungsstand heute?
Tilly Seit meinem Antiköln-Wagen vor zwei Jahren, auf dem ein blinder Kölner das Hinterteil der männlichen Kölner Jungfrau bützt, herrscht wieder tiefste Eiszeit. Kölner OB und Festkomitee waren wirklich sauer. Ich habe zwar dem Kölner Zugleiter Kuckelkorn zu Weihnachten ein Schokolädchen mit Düsseldorf-Motiven geschickt. Bisher hat er mir aber noch kein Fläschchen 4711 zurückgeschickt. Ich fürchte, erst wenn das Comitee Düsseldorfer Carneval den Kölnern ein Paket mit meinem Kopf drin als Friedensgeste liefert, kann sich die Lage wieder entspannen.
Was machen Sie am Rosenmontag?
Tilly Rosenmontag ist der Tag, der einer Haftentlassung gleichkommt. Ich nehme meine Familie wieder in die Arme, kann wieder an so etwas Obskures wie Freizeit denken. Als Bonbon nach all der Arbeit gönne ich mir und meiner Frau eine närrische Fortbildungsmaßnahme: Die Baseler Narren haben uns eingeladen, die berühmt-berüchtigte alemanische Fastnacht kennenzulernen, eine Woche nach Rosenmontag. Und ich lerne immer gerne etwas dazu.
Jutta Laege führte das Gespräch
Jetzt weiterlesen und die Rheinische Post testen.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum






