Düsseldorfer Jacht vor 30 Jahren verschwunden: Kommissar sucht verschollene Crew
VON JÜRGEN STOCK - zuletzt aktualisiert: 10.06.2007 - 13:07Düsseldorf (RPO). In den Gewässern um die Karibikinsel Antigua verschwand vor 30 Jahren die Jacht eines Düsseldorfer Metzgers. Ein Wegberger Kommissar a.D. vermutet: Der Skipper ermordete seine Passagiere und setzte sich mit seiner Freundin ab. Den Ermittler hat der Fall bis heute nicht losgelassen.
Kriminalhauptkommissar Karl-Heinz Gerlach (61) hat während seiner Dienstzeit bei der Düsseldorfer Kripo zahlreiche Morde untersucht. Ein Fall hat den Hobbysegler bis heute nicht losgelassen, obwohl der Wegberger dienstlich nur am Rande mit der Sache zu tun hatte: Vor 30 Jahren verschwand die 18-Meter-Jacht Nordstern IV in der Karibik. An Bord Skipper Manfred Lehnen (42) aus Düsseldorf, ein gelernter Metzger, seine Freundin, die promovierte Chemikerin Christine Kump (39), und vier Chartergäste: Richter Jürgen Groß (35) aus Willich, Ingenieur Hugo Rösel (44) aus Nürnberg, Chirurg Helmut Kuhn (34) aus Kassel und die Medizinstudentin Ulrike Müller (22).
Das Schiff ist verschwunden
Die vier Passagiere hatten bei Lehnen eine Atlantik-Überquerung gebucht. Ziel: Lissabon. Aber das Schiff kam nie an. Viele haben seither versucht aufzuklären, was sich auf der Nordstern IV abgespielt hat. Der Fall füllt eine tausend Seiten starke Akte bei der Düsseldorfer Mordkommission. Aber gelöst ist er bis heute nicht.
Gerlach erzählt folgende mögliche Version der Geschichte, die plausibel klingt: Am Nachmittag des 17. März legt die Nordstern IV im English Harbour von Antigua ab. Der Schweizer Segler Ruedi Wagner sieht das Schiff noch, als es bereits die offene See erreicht hat. Er wundert sich, denn er hatte sich eigentlich mit einem der Passagiere verabredet.
Wenige Tage später werden Schiffseigner Lehnen und seine Schweizer Freundin noch einmal auf Antigua gesehen. Sie holen ein schweres Segel von der Reparatur ab. Gerlach vermutet, dass die Passagiere zu diesem Zeitpunkt schon tot waren: „Sonst hätte Lehnen die Männer mitgenommen, um ihm beim Tragen zu helfen.“ Nach Auswertung der Wetterkarten herrschte um diese Zeit ruhige See. Einem Schiffsunglück konnte die Nordstern IV also kaum zum Opfer gefallen sein. Zudem sichten Segler und Hafenmeister das Boot, das inzwischen umlackiert worden war, noch Monate später - zuletzt im Juni 1977. An Bord waren nur zwei Personen, ein Mann und eine Frau.
Gemeinsame Tat?
Auch die Düsseldorfer Kriminalpolizei stieß bei ihren Recherchen rasch auf Indizien, die eigentlich nur einen Schluss zuließen: „Skipper Manfred Lehnen und seine Geliebte Dr. Christine Kump müssen die Tat gemeinsam begangen haben, um den eigenen Tod glaubhaft zu machen“, heißt es in einem Bericht.
Lehnen wie Kump hatten Partner und Kinder in Europa im Stich gelassen - offenbar um in der Karibik einen neuen Anfang zu wagen. Doch dazu fehlte offenbar die Barschaft. Lehnen war pleite. Ermittlungen zufolge schuldete er den Banken 135.000 Mark. „Er musste damit rechnen, dass das Schiff in einem europäischen Hafen sofort beschlagnahmt wird“, sagt Gerlach. Lehnen wusste, dass seine Gäste Bargeld für die Schiffscharter und die Überfahrt mitbringen würden.
Sowohl bei den Angehörigen der potenziellen Opfer wie bei denen der möglichen Täter hat das Drama tiefe Wunden hinterlassen. „Da bleibt was Ungelöstes, Unerledigtes“, erzählt Helmut Kuhn (45). Gemeinsam mit Gerlach hat er den Fall rekonstruiert. Bei den Nachforschungen habe er in einer Düsseldorfer Kneipe einen der Söhne Lehnens getroffen. „Der war ein richtiger Hooligan. Als ich ihm ein paar Bier spendiert hatte, prahlte er mit seinem Vater: ,Der hat se alle gekillt und lebt jetzt unter Palmen. Richtich so.’“
Tochter macht oft Urlaub in Karibik
Mit Christine Kumps Tochter, einer Biologin, sprach Kuhn in Zürich. Er fragte sie, ob sie glaube, dass ihre Mutter noch lebe. „Die ist tot“, sagte sie, „aber sie hat schon noch gelebt...“ Kuhn fand heraus, dass die Tochter seit dem Verschwinden der Mutter regelmäßig Urlaub auf der Karibik-Insel Cozumel gemacht und zeitweilig auch dort gearbeitet hatte.
Tatsächlich traf Kuhn auf der Insel zahlreiche Menschen, die Christine Kump auf Bildern wiedererkannt haben wollen. Die gespenstischste Begegnung hatte er mit einer alten Frau, die Kump verblüffend ähnelte. Sie stritt zwar ab, die Gesuchte zu sein, sagte Kuhn zum Abschied aber einen rätselhaften Satz: „Du kannst die Tür zumachen. Aber sie wird niemals verschlossen sein.“
Auch Kommissar Gerlach hat die Tür niemals ganz geschlossen. Vor kurzem erzählte ihm ein Schützenbruder von einem „Manfred aus Düsseldorf“, bei dem er 1991 vor der Küste Namibias eine Jacht gechartert hatte. „Alter, Beschreibung, Vorname, Heimatstadt - das passte auf Lehnen“, sagt Gerlach. Aber was soll er nach so langer Zeit mit diesen Informationen anfangen? Gerlach hört sich dennoch weiter um. „Und wenn es eine neue Spur gibt, bin ich wieder dran an dem Fall.“
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