Zigarettenautomaten mit Gedichten: Kultur statt Kippe
zuletzt aktualisiert: 02.06.2008 - 12:51In ihrem ersten Leben bedienten sie die Sucht der Raucher, in ihrem zweiten Leben dienen sie der überwiegend jungen Literatur. An mittlerweile rund zwei Dutzend Standorten in Nordrhein-Westfalen wurden ausgediente Zigarettenautomaten getreu dem Motto "Kultur statt Kippe" zu sogenannten Literaturautomaten umfunktioniert. Von Düsseldorf über Witten bis Venlo können für den Packungspreis von zwei Euro kleine Boxen gezogen werden, die Gedichte oder Stories von zumeist weniger bekannten Schriftstellern auf kleinen Kärtchen beinhalten.
Neben literarischen Neulingen haben auch in der Szene etablierte Poeten wie Stan Lafleur, Weinrich Weine, Adrian Kasnitz und die bundesweit bekannte Hip-Hop-Truppe Brothers Keepers ihre Texte eingebracht. Brothers Keepers hatten zuvor einen Lyrikwettbewerb ausgeschrieben. Man habe sich Gedanken darüber gemacht, wie man Literatur auch junger Autoren "auf interessante Art präsentieren" könne, sagt Pamela Granderath, die das Konzept vor zwei Jahren gemeinsam mit weiteren Mitstreitern aus der Taufe hob. Betrieben werden die Automaten vom Düsseldorfer Kulturzentrum zakk in Zusammenarbeit mit ArtConnection.
Granderath fördert mit der Düsseldorfer Künstlergruppe ArtConnection den literarischen Nachwuchs, organisiert Poetry Slams und betreibt eine Schreibwerkstatt. "Das Projekt kommt bei Autoren, Lesern und Veranstaltern gleichermaßen gut an, so dass uns pro Jahr rund hundert Bewerbungen erreichen", erzählt sie weiter. Eine einzige einsame Beschwerde habe es auch schon gegeben: Ein Nutzer hielt den Packungspreis von zwei Euro zu hoch angesichts der Tatsache, dass es dafür "nur" fünf Kärtchen mit Gedichten, Aphorismen oder Prosatexten gebe. Sonst sei die Resonanz durchweg positiv. Der Automat an der Heinrich-Heine-Universität sei regelmäßig leer gekauft.
Fußball-Poesie aus dem Automaten
Auch der renommierte Lyriker und Herausgeber Axel Kutsch ist von der Idee angetan. "Es gibt immer wieder begrüßenswerte Versuche, Gedichte in den Alltag zu bringen, beispielsweise per Literaturtelefon oder auf Plakatwänden und Baguettetüten", findet er. "Poesie aus dem Automaten ist eine originelle Variante, dem Gedicht neue Leserkreise zu erschließen und es aus der Insidernische zu befreien."
Gerade für Lyriker sind die Automaten eine innovative Möglichkeit zur Selbstvermarktung, da ihre Textboxen auch eine Kurzvita und, falls vorhanden, einen Verweis auf die Autorenwebsite enthalten. So kann der Leser, der einmal Feuer gefangen hat, mehr über den jeweiligen Autor und seine Veröffentlichungen erfahren. Für Autoren läuft dauerhaft eine offene Ausschreibung. Es kann sich also jeder bewerben, der seine Texte für stark genug hält, und der eine Vorgabe beachtet: Die Texte müssen kurz sein, denn der Platz auf den Literaturkärtchen ist begrenzt.
Nicht begrenzt hingegen ist die Form. Alle literarischen Gattungen sind willkommen. Befüllt werden die Automaten alle sechs Wochen mit Beiträgen von je fünf Künstlern, zurzeit passend zur EM mit dem Thema Fußball. Eine "Überraschungsbox" steht ebenfalls zur Auswahl. Sie enthielt bisher Daumenkinos, Buttons oder Textkarten - von wem, das weiß man erst, wenn man die Box in Händen hat.
Für die optische Gestaltung der Boxen sorgt die polnische Grafikerin Justyna Tuha. "Die Vielfalt der literarischen Genres und Autoren, die unterschiedlichen Themen und nicht zuletzt die bundesweite Teilnahme so vieler Dichter" begeistern Mitinitiatorin Granderath - die übrigens selbst auch schreibt.
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