Stadtmuseum: Die hohe Kunst jüdischer Kinder
VON BERTRAM MÜLLER - zuletzt aktualisiert: 02.02.2012 - 07:10Düsseldorf (RP). Zeichnungen von außerordentlichem Rang werden von Samstag an im Stadtmuseum zu sehen sein. Sie wirken wie Bilder der klassischen Moderne. In Wirklichkeit stammen sie von Kinderhand: von jungen Düsseldorfer Juden, die den Nazis zum Opfer fielen – oder gerettet wurden.
Des staatlich organisierten Mordes an den Juden zu gedenken, fällt in Deutschland oft selbst jenen noch schwer, die sich als Publizisten oder Ausstellungsmacher beruflich damit befassen. Dabei hat es doch nichts mit Aufklärung zu tun, wenn Fotografien und Filme mit nackten Leibern von KZ-Häftlingen in die Öffentlichkeit geraten. So erinnert man nicht an die Opfer der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie, schon gar nicht im Zeitalter eines verschärften Datenschutzes.
Würdevolles Gedenken bedeutet, sich der Persönlichkeit derer zuzuwenden, die ermordet wurden oder mit viel Glück ins Ausland flohen und überlebten. Das Düsseldorfer Stadtmuseum zeigt jetzt vorbildlich, wie das möglich ist. Aus seiner Sammlung von 2000 Zeichnungen jüdischer Kinder aus den 1930er Jahren hat es Blätter von 40 ausgewählt, sie um Werke bekannter Künstler angereichert und daraus eine stille Ausstellung von Rang erstellt.
Öffnungszeiten
„Zeichnungen von Kindern und Künstlern“ im Stadtmuseum Düsseldorf, Berger Allee 2, vom 4. Februar bis zum 1. Juli; Dienstag bis Sonntag von elf bis 18 Uhr Eintritt drei Euro, ermäßigt 1,50 Euro Die Schau umfasst Bilder von jüdischen Kindern und von Künstlern wie Paul Klee, Pablo Picasso und Joseph Beuys.
Dabei gründet sich dieser Rang nicht in erster Linie auf die Blätter von Paul Klee und Picasso, Beuys und Klapheck, sondern auf die Kinderzeichnungen selbst. Schon auf den ersten Blick sieht man ihnen an, dass sie über gängiges Schülerniveau weit hinausragen. Der 1901 geborene, 1943 in Auschwitz ermordete Düsseldorfer Maler Julo Levin, Mitglied der Vereinigung "Junges Rheinland", hatte die Kinder unterrichtet und sie zu einem Künstlertum geführt, das sein eigenes oft in den Schatten stellte.
Mit märchenhafter Sicherheit bewegen sich etliche dieser jungen Künstler auf der Höhe der damaligen Moderne. Ungewöhnliche Perspektiven, weite unbemalte Farbgründe von Figurenbildern und lebhafte, frische Gesichter verblüffen die Betrachter. Selbstverständlich hatten sie die Kunstgriffe nicht alle selbst erfunden. Sie griffen auf ein avantgardistisches Reservoir zurück, das sich schon in den 1920er Jahren herausgebildet hatte – und das während der Nazi-Zeit nur in jüdischen Kreisen überlebte, bis der Staat auch den Juden selbst das Existenzrecht absprach. Was in den gleichgeschalteten Schulen des Reichs an Kunst entstand, erscheint demgegenüber – wie man hört – brav, konformistisch und belanglos.
Die Ausstellung sortiert die Bilder nach Themen wie "Gesichter", "Allein", Tier und Mensch", "Stadtlandschaft" und "Paare". Den Beginn der Schau bildet eine Zeichnung mit dem Titel "Neger aus Afrika" von 1936, das Blatt eines unbekannten Jungen, der wie auch viele seiner Kameraden schon allein durch seine ausgefeilte Technik Aufmerksamkeit erregt: Tusche, Wasserfarben und Grafitstift auf Papier.
Eine Frau im Kostüm (1937), gemalt von Sonja Rustmann, findet sich in Nachbarschaft einer Mutter-Ey-Darstellung Gerd Wollheims. Zu den bewegendsten Bildern zählt jener Düsseldorfer Radschläger, den die 1926 geborene Margot Alexander 1937 aufs Papier brachte. Unweit davon gelten zwei Blätter aus demselben Jahr dem Thema Abschied. Gepackte Koffer weisen unmissverständlich darauf hin, dass für die jüdischen Familien der Kinder die Tage am Rhein gezählt waren. Auch die Kleinen wussten das und bereiteten sich notgedrungen darauf vor.
Die meisten Lebensdaten der jungen Künstler sind unvollständig angegeben, weil man nicht genug über sie in Erfahrung bringen konnte. Im Falle der 1928 geborenen Stella Sondermann, die 1937 "Zigeuner" malte, besteht die traurige Gewissheit, dass sie 1941 ins Ghetto Minsk deportiert und später dort ermordet wurde.
Von den 40 Kindern, deren Zeichnungen die Schau umfasst, ist die Hälfte ermordet worden. Fünf leben noch. Diese fünf werden dabei sein, wenn die Ausstellung eröffnet wird. Zeichnungen und Terrakotta-Reliefs zweier Düsseldorfer Mädchen von heute, Lara Bronner und Lara Tondorf Benito, verlängern die Ausstellung in die Gegenwart. Zwei Lichtblicke am Ende grenzenloser Traurigkeit.
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