Tragödie "Die Bakchen" : Griechen-Drama auf Serbisch
VON ANNETTE BOSETTI - zuletzt aktualisiert: 30.01.2012 - 10:13Düsseldorf (RP). Das Gastspiel des Belgrader Nationaltheaters mit der antiken Tragödie "Die Bakchen" von Euripides im Schauspielhaus bietet eine Inszenierung von Staffan Valdemar Holm. Nur wenige Zuschauer, aber warmer Applaus.
Es war das erste Gastspiel, das das Belgrader Nationaltheater nach 40 Jahren in Deutschland an zwei Abenden gab. Ein Theater, das weniger Geld hat als das Düsseldorfer Schauspielhaus, aber mit einer hervorragenden Schauspielertradition aufwartet. Und mit einer Anziehungskraft auf große Regisseure. Neben Frank Castorf hat auch Staffan Valdemar Holm einst einen Baum vor das Theater gepflanzt als Zeichen für wachsende Freundschaft zwischen beiden Ländern.
Holm hat seine Ankündigungen beim Dienstantritt als Intendant beherzigt, das Fremde ins Schauspielhaus zu holen: Er hat seine zwei Jahre alte Belgrader Inszenierung der "Bakchen" von Euripides im Großen Haus zur Aufführung gebracht – in Serbisch mit Untertiteln. Erwartungsgemäß blieben viele Plätze leer, was schade ist, denn Sprache ist beim Theater nicht immer spielentscheidend. Internationale Vergleiche – der Sound fremder Worte und Melodien, die andere Ausdruckskultur des Körperlichen und Mimischen – sind bereichernd.
Die serbischen Gäste im Publikum fassten das Parabelhafte dieser Tragödie über das Versagen der politischen Führung naturgemäß noch anders als die wenigen Deutschen auf und reagierten extrem euphorisiert auf das kultisch getriebene Spiel. Am Ende gab es warmen Applaus, der vor allem den ausdrucksstarken Schauspielern galt.
Wer sind die vier Frauen Alpha, Beta, Gamma und Delta, die in ihren engen Röcken so aussehen, als könnten sie kein Wässerchen trüben? Es sind die Bakchen, glühende Verehrerinnen des Dionysos, seine triebgesteuerten Jüngerinnen, die sich von ihm in weltabgewandte Ekstase versetzen und in die Wildnis der Berge verbannen lassen. Dionysos, der Gott der Fruchtbarkeit und des Rausches, befindet sich auf einem Rachefeldzug nach Theben, verwandtschaftliche Dissonanzen treiben ihn an – seine Tanten behaupten, er sei nicht der Sohn des Zeus.
In Theben trifft er auf den König Pentheus, der dem dionysischen Treiben Einhalt gebieten will. Wenn Euripides diese beiden Männer aufeinandertreffen lässt, fragt er auch nach menschlichem Verhalten in Krisenzeiten. Damit erweist sich das Stück als neuzeitlich: Ordnung prallt an Orgien ab, Rationalität trifft auf Irrationalität. Dem Dionysischen ist schwer Einhalt zu gebieten, das spürt Pentheus, der sich dazu anstiften lässt, den Frauen bei ihrem orgiastischen Treiben ein Mal zuzuschauen. Was ihm zum Verhängnis wird: Seine eigene, ebenfalls in den Wahn getriebene Mutter zerreißt ihn wie ein wildes Tier, freilich ohne zu wissen, was sie tut. Ihr Lamento steht am Ende, bringt die Seelenklage inniglich auf den Punkt.
Holm hat den mythischen Stoff entschlackt, vom Vorspiel befreit. Er setzt auf Konfrontation des weltlichen und göttlichen Kontrahenten – und er beleuchtet eine Seite der weiblichen Seele. Einem Stillleben gleich ist die karge Bühne gebaut, die wie ein Setzkasten funktioniert. In zwei Dimensionen bewegen sich die Frauen tastend hin und her, deuten Rausch und Ekstase nur behutsam an. Ähnlich wie in "Hamlet" ertönt zeitweise Musik in modernem Metrum. Hat bei Shakespeare noch die Punkband Sort Sol gute Dienste getan, fügt sich die Bearbeitung von "Satisfaction" nicht in das verhaltene Stück. Holm serviert einen Klassiker, bei dem das Wort zählt, die Gefühle aber auf Sparflamme köcheln.
Jetzt weiterlesen und die Rheinische Post testen.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum
