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Interview mit Hans-Joachim Roedelius: "Kraftwerk mag ich nicht"

VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 10.02.2012 - 11:20

Düsseldorf (RP). Hans-Joachim Roedelius ist eine einzigartige Erscheinung in der deutschen Musikgeschichte. Er begründete die Musikrichtung Krautrock. Er gehörte den Bands Cluster und Harmonia an und gilt als Pionier der elektronischen Musik.

Hans-Joachim Roedelius (r.) mit Stefan Schneider. Zusammen legten sie soeben das Album „Stunden“ vor.  Foto: Fabian Schulz
Hans-Joachim Roedelius (r.) mit Stefan Schneider. Zusammen legten sie soeben das Album „Stunden“ vor. Foto: Fabian Schulz

Ende der 60er Jahre war er in Berlin Teil des Klangkollektivs Human Being. Danach ging er nach Düsseldorf, weil sein Bandkollege Conrad Schnitzler den dort an der Akademie lehrenden Joseph Beuys erleben wollte. Roedelius veröffentlicht nach wie vor Alben, zumeist mit Pianomusik. Gerade erschien seine Zusammenarbeit mit dem Düsseldorfer Musiker Stefan Schneider (To Rococo Rot) unter dem Titel "Stunden". Am Sonntag kehrt der inzwischen in der Nähe von Wien lebende 77-Jährige für ein Konzert im Schauspielhaus nach Düsseldorf zurück.

Wie haben Sie Beuys in Erinnerung?

Roedelius Wir kamen Ende 1969 nach Düsseldorf. Ein richtiges Gespräch mit Joseph gab es nicht, aber getroffen haben wir uns schon gelegentlich. Nicht nur in Düsseldorf, auch in Berlin bei einem Konzert von Human Being in der Akademie der Künste, das 1969 vom Publikum unter lautstarkem Protest und mit erheblichen Schäden an unserem Tonequipment abgebrochen werden musste.

Ihre Soloalben tragen Titel wie ;Geschenk des Augenblicks" und "Das Wispern des Windes". Das klingt, als würden Sie viel Lyrik lesen.

Roedelius Rilke ist mein Sprachmeister, Hesse einer meiner Lieblingsautoren. Ich mag Goethe, Schiller, Tucholsky, altchinesische Philosophie, das I Ging, die Veden, die Bibel, Jean Gebser, Marcel Proust, Rabelais, Artaud. Ich komme momentan allerdings kaum zum Lesen, nur bei Langstreckenflügen nehme ich mal ein Buch in die Hand. Das letzte Mal las ich Paul Watzlawicks "Vom Schlechten des Guten", ein wahrer Thriller, kann ich nur jedem empfehlen, der bei klarem Verstand ist.

Sie gelten als Pionier der elektronischen Musik. Dabei sind Sie doch Pianist, oder?

Roedelius Ja, man sagt, ich sei Pionier dieser Musikrichtung. Na gut, soll es so sein, aber ich bin kein Pianist. Ich spiele mit den Tönen des Instruments auf ähnliche Weise, wie ich mit Geräuschen, Klängen aus elektrischen Tongebern spiele.

Krautrock hat Konjunktur. Beobachten Sie junge Bands, die die alten Sounds mit neuen Mitteln aufleben lassen?

Roedelius Keine Zeit dazu.

In den 70er Jahren zogen Sie mit Ihren Bandkollegen Michael Rother und Georg Moebius in eine Kommune nach Forst ins Weserbergland. War das eine bewusste Alternative zum beschleunigten Leben?

Roedelius Ganz gewiss bewusstes Entschleunigen, Hinkehr zu einem höchst marginalen Leben, bei dem ich lernte, die Hände zu nützlicheren Dingen zu benutzen, als etwa dauernd ein Auto kreuz und quer durch Europa zu lenken, wie es vor Forst jahrelang nötig war.

Viele Mythen ranken sich um die Besuche von Brian Eno dort. Sie haben zwei Alben gemeinsam gemacht. Er kam damals aus Berlin, wo er mit David Bowie "Heroes" produzierte.

Roedelius Er kam nur einmal nach Forst, damals, als er noch nicht ganz so berühmt war wie heute. Er schenkte uns seine Sympathie, ließ uns teilhaben an seiner Ideenwelt, seinem Fachwissen, seiner Mitspielbereitschaft und seiner Fürsorge. Er trug unser erstgeborenes Kind nächtens manchmal stundenlang auf den Armen durch die Riesenwohnung, in der wir dort residierten, damit wir uns mal ausschlafen konnten. Er selbst brauchte sehr wenig Schlaf.

Sehen Sie sich noch regelmäßig?

Roedelius Ja, wir sehen uns gelegentlich on the road, wie gerade im vergangenen Oktober beim Moogfest in Asheville in North Carolina. Ich feierte dort meinen 77. Geburtstag mit einem Solokonzert, bei dem er im Chor der anderen "Happy Birthday" mitsang.

Haben Sie je die Kollegen von Kraftwerk getroffen?

Roedelius Mit Cluster haben wir mit ihnen einst gejammt, bevor sie mit "Autobahn" die Charts eroberten. Die Jungs waren für mich okay. Mit ihrer Musik konnte ich mich hingegen nicht befreunden, wohl aber mit Florian Schneiders Schwester Claudia.

Besitzen Sie ein iPad?

Roedelius Ja, ich habe es kürzlich geschenkt bekommen, und ich benutze es seitdem gerne bei Live-Auftritten.

Quelle: RP/anch


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