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Keramik-Ausstellung: Missgeschicke im Hetjens-Museum

VON BERTRAM MÜLLER - zuletzt aktualisiert: 23.02.2012 - 07:30

Düsseldorf (RP). Auch bei der Herstellung von Keramik läuft nicht immer alles glatt. Eine Ausstellung im Hetjens-Museum führt vor, welche Fehler unterlaufen können. Und gibt damit überraschende Einblicke in die chemischen Prozesse, die sich in den Öfen der Keramik-Künstler abspielen.

Hoppla, da ist etwas schiefgegangen: Die Teekanne ist an einer Brennstütze festgebacken, weil mehrere Gefäße im Ofen verrutscht sind.  Foto: Bußkamp, Thomas
Hoppla, da ist etwas schiefgegangen: Die Teekanne ist an einer Brennstütze festgebacken, weil mehrere Gefäße im Ofen verrutscht sind. Foto: Bußkamp, Thomas

Aus Fehlern lernt man. Das gilt nicht nur für diejenigen, die einen Fehler begangen haben, sondern auch für jene, die bei der Betrachtung des Misslungenen erst ein Gespür dafür bekommen, wie schwierig es ist, etwas richtig zu machen. Das Hetjens-Museum lädt dazu ein, ausnahmsweise einmal nicht Spitzenprodukte keramischer Kunst zu begutachten, sondern missratene Krüge und Fliesen, Schalen und Figuren, Teller und Stövchen. Wenn man sieht, was alles danebengehen kann, bewundert man am Ende die Kunst des rechten Umgangs mit Ton mehr denn je.

Die Missgeburten, die da zu erleben sind, dienen allein dokumentarischen Zwecken, doch oft haftet ihnen etwas Skurriles an, und zuweilen fragt man sich, ob sie nicht sogar einen Nischenplatz in der modernen Kunst beanspruchen könnten. Richten wir den Blick nur auf eine Teekanne: Festgebacken an einer Brennstütze, scheint sie zwischen Himmel und Erde zu schweben. Den Henkel hat sie verloren, der Ausguss ist mit der Stütze verschmolzen. Große Katastrophe. Was ist geschehen?

Info

Öffnungszeiten

Ausstellung „Missgeschicke. Produktionsfehler und ihre Ursachen“ im Hetjens-Museum, Schulstraße 4, 40213 Düsseldorf, bis zum 10. Juni

Geöffnet dienstags und von Donnerstag bis Sonntag zwischen 11 und 17 Uhr, mittwochs zwischen 11 und 21 Uhr

Eintritt drei Euro, ermäßigt 1,50 Euro; Jugendliche unter 18 Jahren haben freien Eintritt.

Dem Keramiker Martin McWilliam ist dieses Missgeschick im vorigen Jahr unterlaufen. Er hatte, wie es in seinem Metier üblich ist, mehrere Gefäße in den Ofen gestellt, und die begannen auf einmal zu rutschen, so dass die Teekanne zur Seite kippte und an der Stütze hängen blieb.

Pech gehabt. Aus anderen Missgeschicken, vor allem den historischen, kann man mehr lernen. Eine Steinzeug-Tasse aus dem Westerwald, 17. Jahrhundert, warf bei offensichtlich zu hoher Brenntemperatur Blasen, die eine pockennarbige Oberfläche entstehen ließen. Eine leichte Rotfärbung deutet zudem darauf hin, dass in den Brand unbeabsichtigt Sauerstoff eindrang und die Tasse stellenweise oxidieren ließ. Man sieht: Für einen gelingenden Brand müssen bestimmte Bedingungen erfüllt sein. Und die kennt man heute erheblich besser als noch vor 300 Jahren.

Erst Ende des 19. Jahrhunderts nahmen sich Chemiker dieses Themas an. Bis dahin zählte unter den Keramikern allein die Erfahrung, also auch das Lernen aus Missgeschicken.

Was sonst noch geschehen kann? Risse können ein Produkt entstellen, wie im Falle eines porzellanenen Schreibzeugs aus Höchst, um 1780. Insbesondere die Kanten rissen, weil die Wand des Unterbaus zu dünn war. Außerdem war vermutlich die Brenntemperatur leicht überhöht, so dass im Ofen die zylindrischen Gefäßteile weich wurden und einander zuneigten.

Auch mit Farbe kann einiges schiefgehen. Bei der Herstellung eines Tellers mit Reiter – niederrheinische Irdenware, 1737 – wirkte Mangan als Flussmittel, und der auslaufende Farbauftrag verlängerte die Beine des Pferdes. Das sieht modern aus, war aber nicht gewollt.

Siegburger Töpfer überstrichen im 15. Jahrhundert ihre Gefäße mit einem dünnen, eisenhaltigen Tonbrei. Alkalische Dämpfe, Kalium und Lithium bewirkten mit Eisen die Rotfärbung im oxidierenden Brand. Wurde im Ofen zu wenig  Sauerstoff zugeführt, verfärbte sich die Oberfläche in ein Dunkelbraun, ja bis ins Schwarze.

Angesichts der Vielzahl von Stücken, die das Hetjens-Museum in seiner Studio-Ausstellung versammelt hat, fragt man sich, wie dieser aufschlussreiche Ausschuss von ehedem in die Gegenwart gelangt ist. Museums-Chefin Sally Schöne verweist darauf, dass solche Form gewordenen Missgeschicke – "Fehlbrände" genannt – oft mit privaten Sammlungen und Schenkungen ins Haus kamen.

Mancher Fehlbrand landete nicht in der Abfallgrube der Manufaktur, sondern fand doch noch einen Käufer – vorausgesetzt, der Makel war so gering, dass er nur Fachleuten auffiel. Zum Beispiel weisen ein Teller und eine Schale, beide Meissener Porzellan, dunkle Punkte und winzige Löcher auf, die durch Eisen- oder Gesteinskörnchen entstanden sind. Die durch solche Unreinheiten in der Porzellanmasse hervorgerufenen Flecken wurden an beiden Objekten geschickt durch die Bemalung verdeckt.

Die Wahrscheinlichkeit, dass beim keramischen Prozess Ausschussware anfiel, war groß, wenn man bedenkt, dass ein Steinzeugbrand in rheinischen Produktionsstätten 5000 bis 15 000 Gefäße umfassen konnte. Wie viel davon in die Grube fiel, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Die "Missgeschicke" jedenfalls erzählen mehr vom keramischen Handwerk als manche mustergültige Meissener Kostbarkeit.

Quelle: RP/jco


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