Düsseldorf: Leben zwischen Strich und Sucht
VON STEFANI GEILHAUSEN - zuletzt aktualisiert: 26.09.2008Düsseldorf (RPO). 4000 drogensüchtige Männer und Frauen gibt es in Düsseldorf. Eine von ihnen ist die 27-jährige Ann-Kristin. Sie lebt auf der Straße, schläft in der Notschlafstelle, und die 200 Euro, die sie für ihre tägliche Dosis Heroin braucht, verdient sie jeden Tag auf der Charlottenstraße.
Sie heißt Ann-Kristin. Jeder nennt sie Anni. Ihre Mutter, die Oma, ihre Freunde. Und ein paar Stammfreier an der Charlottenstraße auch. Sie ist 27 Jahre alt, intelligent, offen und warmherzig. Ihre Hände und Arme sind mit Einstichen übersät. Ann-Kristin ist seit ihrem 13.Lebensjahr drogenabhängig.
„Ich bin ein absolutes Wunschkind“, sagt sie mit einem Lächeln, das alten Erinnerungen gilt. Dem kleinen Dorf in der Pfalz, in dem sie aufgewachsen ist, den Eltern, zu denen sie noch heute liebevollen Kontakt hat. Irgendwann hat sich das geändert.
Da gab es einen Stiefvater, mit dem Ann-Kristin nicht klar kam, eine Clique, in der man mit Speed und Haschisch experimentierte, und einen coolen 18-Jährigen, der den Ton angab. Als er sie zur Freundin wollte, war Ann-Kristin glücklich. Das kleine Mädchen glaubte an die große Liebe. Auch als er ihr den Kiefer brach. Er brachte sie ans Heroin. „Er wollte, dass ich von ihm abhängig bin. Deshalb hat er mich geschlagen, deshalb wollte er, dass ich drogensüchtig bin.“
Konsumraum
Für wen Volljährige Konsumenten harter Drogen wie Heroin, Kokain, Amphetamine, die das Rauschgift rauchen oder spritzen. Für wen nicht Haschischraucher, Methadon-Substituierte, Minderjährige. Für unter 18-Jährige gibt es Beratungsangebote im Drogenhilfezentrum gegenüber.
Wo Erkrather Straße 18, tgl. 8.30 bis 19.30, Sa/So 12 bis 19.30 Uhr
Die Realschule schmeißt sie zwei Wochen vor dem Abschluss. Findet trotzdem eine Lehrstelle. Sie ist 16 Jahre alt, wird regelmäßig von ihrem Freund verprügelt (es bleibt nicht bei dem einen Kieferbruch), sie spritzt Heroin und schluckt Medikamente und nebenbei lernt sie Bürokauffrau. Sie hält ein paar Monate durch. Dann schwänzt sie zu oft die Berufsschule und fliegt raus. Zuhause wohnt sie da schon seit einem Jahr nicht mehr.
Mit ihrem Freund wird sie von der Polizei aufgegriffen. Ein Kilo Haschisch und eine Pumpgun bringen ihn für vier Jahre ins Gefängnis. Ann-Kristin, die noch Jugendliche ist, bleibt auf Bewährung frei. Sie besucht ihn – „Ich hab ihn doch geliebt“ – ein Jahr lang im Gefängnis. Dann macht sie eine Entgiftung, und nach zwei Tagen ohne Drogen wird ihr „zum ersten Mal bewusst, was der mit mir gemacht hat. Da hab ich mich getrennt.“ Die Trennung war von Dauer. Die Drogenfreiheit nicht.
„Ich gebe ihm nicht allein die Schuld“, sagt sie heute, und dass es ihre Sache wäre, aufzuhören. Die Entgiftungen und Methadonprogramme, die sie mitgemacht hat, kann sie nicht mehr zählen. Durchgehalten hat sie keins. Ihr größter Erfolg waren ein paar Wochen, in denen sie Methadon „ganz ohne Beikonsum“ nahm. Das heißt, dass sie nicht zusätzlich zu der vom Arzt ausgehändigten legalen Ersatzdroge Tabletten schluckte oder Heroin spritzte. „Bei den meisten Methadon-Ärzten gibt’s keine strengen Urin-Kontrollen.“ Und wenn einem Junkie das Pfuschen so leicht gemacht wird, tut er’s eben auch.
Seit sieben Jahren lebt Ann-Kristin inzwischen in Düsseldorf, weil ihre Mutter in die Nähe gezogen war. Sie sehen sich selten. „Ich will eigentlich nicht, dass sie mich so sieht. Ich weiß, dass ihr das weh tut.“ Als Ann-Kristin mit 22 selbst im Gefängnis landete, hat ihre Oma die Geldstrafe für sie bezahlt. Noch am Tag der Entlassung setzte sie sich wieder einen Schuss. Schuldgefühle? Natürlich, jeden Tag. Nicht nur der Mutter wegen, der Oma und des Vaters. Auch um ihrer selbst Willen, um all das, was sie hätte tun und sein können. „Klar hab’ ich ein schlechtes Gewissen. Aber das geht weg, wenn ich was nehme.“
Auch der Ekel vor den Freiern geht weg, wenn sie unter Drogen steht. Ann-Kristin will nicht mehr ins Gefängnis. Deshalb verdient sie die 200 Euro, die ihr Stoff täglich kostet, auf der Charlottenstraße. Paradox: Sie geht anschaffen für Drogen, die sie braucht, um das Anschaffen zu ertragen. Bloß gegen eins hilft die Droge nicht: „Die Angst auf dem Strich ist immer da.“
Sie träumt von einem besseren Leben. Nichts besonders. Eine Ausbildung. Keine Drogen. Methadon vielleicht. Und sie weiß, dass nur sie selbst das erreichen kann. Die gute Fee mit den drei Wünschen – „die könnte mir nicht aus der Drogenwelt helfen.“
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