Weitere neue Fälle: „Masern werden sich ausbreiten“
VON JAN SCHNETTLER - zuletzt aktualisiert: 06.06.2007 - 08:30Düsseldorf (RPO). Das Gesundheitsamt rechnet wegen der niedrigen Impfmoral fest mit weiteren Erkrankungen an der Waldorfschule in Gerresheim. Gestern wurden zwei neue Fälle bekannt. Die strikten Impfpasskontrollen bleiben bestehen. Die Schule reagiert mit Online-Unterricht.
Die Masernerkrankungen an der Waldorfschule in Gerresheim erhitzen weiter die Gemüter. Gestern wurden zwei neue Fälle bekannt. Insgesamt sind nun sechs Kinder erkrankt, bei 14 weiteren besteht Krankheitsverdacht. Für Heiko Schneitler, Leiter des Gesundheitsamtes, käme es einem „Wunder“ gleich, wenn sich diese Zahl nicht noch erhöhen würde: „Die Gefahr einer Ausbreitung ist definitiv gegeben.“ Bis zu zwei Drittel der 470 Schüler seien nicht geimpft: „Infizieren sich 100 Ungeimpfte mit dem Virus, erkranken davon 99.“ Die RP beantwortet die wichtigsten Fragen rund um die Erkrankung. Warum lehnen viele Waldorf-Eltern Impfungen ab?
Der Lehre Rudolf Steiners zufolge sind die Gefahren des Impfens größer als der Nutzen - und ist die natürliche Überwindung einer „Kinderkrankheit“ höher einzuschätzen als ein „künstlicher“ Impfschutz. Warum darf das Gesundheitsamt auf dem Schulhof nicht impfen?
Man wolle als Schule keine medizinischen Empfehlungen aussprechen, sagt Vorstandsmitglied Franz Glaw: „Die Eltern regeln alles Notwendige mit den Hausärzten.“ Wie gefährlich sind die Masern?
Masern sind eine hoch ansteckende Viruserkrankung mit zum Teil schweren Verläufen. Komplikationen wie Bronchitis, Lungen- oder Mittelohrentzündung sind häufig, eine lebensbedrohliche Hirnentzündung tritt in einem von 1000 Fällen auf. Wer sollte wann geimpft werden?
Laut Schneitler ist es ein „tragischer Irrtum“, Masern als harmlose Kinderkrankheit abzutun. Kinder sollten generell ab dem vollendeten elften Lebensmonat geimpft werden, bei Erwachsenen ist die Impfung noch möglich - und ratsam. Ist die Impfung gefährlich?
„Kein Impfstoff wird zugelassen, wenn die Relation von Nutzen und Risiko nicht einwandfrei positiv ist“, so Schneitler. Die Behauptung, Impfen sei gefährlich, sei „Unsinn“. Durch die Impfung würden die Komplikationen der Krankheit ausgeschaltet. Vereinzelt komme es zu allergischen Reaktionen, die im äußersten Fall ebenfalls tödlich sein könnten - daher werde empfohlen, nach der Impfung noch eine halbe Stunde in der Praxis zu bleiben.
Gibt es weitere Fälle im Stadtgebiet?
Das Amt hat darüber keine Erkenntnisse. Über 60 Fälle seien seit Februar in der Stadt aufgetreten, eine Ausbreitung konnte jedoch stets verhindert werden. „Die Impfmoral in Düsseldorf ist sehr hoch, an der Waldorfschule sieht das aber anders aus“, so Schneitler. Sind Zwangsimpfungen möglich?
Entgegen der ursprünglichen Befürchtungen der Schule gibt es dafür keine rechtliche Grundlage. So genannte Riegelimpfungen können nur unter Zustimmung aller Beteiligten durchgeführt werden. Mehrere Bundesländer überlegen momentan jedoch, die Masernimpfung per Gesetz vorzuschreiben.
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