Bildungsstreik Hautnah: Meine Nacht im Hörsaal
VON DAGNY RÖSSLER - zuletzt aktualisiert: 19.11.2009 - 17:33Düsseldorf (RPO). Während Uni-Rektor Hans Michael Piper durch China reist, haben sich seine Studenten in der Philosophischen Fakultät eingenistet. Sie halten Hörsaal 3D rund um die Uhr besetzt. Wir zeigen den Bildungsstreik nach Mitternacht: mit Schlafsäcken, Gitarren und Kaffee vom Studentenwerk.
Popcorngeruch zieht vom Foyer der Philosophischen Fakultät in den Hörsaal herüber. Dort drüben beim benachbarten Filmfest füllen Loungemusik und Rotlicht den Raum. Alles ist modern gehalten. Hier in Hörsaal 3D herrscht hingegen gemütliches Wohnzimmerflair: Zusammengeschobene Sofas. Ein alter Teppich. Grünpflanzen von einer Jubiläumsfeier.
Es gibt genügend Platz um sich zu entfalten: In einer Ecke wird Jonglieren geübt, in einer anderen werden Socken gestrickt, mancher vergräbt sich im Schlafsack und liest ein Buch. Und irgendeiner spielt immer Gitarre und singt.
Während Unirektor Hans Michael Piper zusammen mit Wissenschaftsminister Pinkwart in China Kontakte knüpft, schaffen sich die Studenten Raum, um zusammen über Bildungspolitik zu diskutieren und zusammen zu übernachten.
Mein Kommilitone Takeshi wuselt durch den Hörsaal. Er investiert seine ganze Energie in den Bildungsstreik und zieht andere Studenten mit. Der 26-Jährige ist noch ein Neuling an der Heine-Uni. Wochenlang schon verfolgte er die Entwicklungen in der Zeitung und fragte sich, warum überall Hörsäle besetzt werden, nur hier nicht.
Er ist ein Typ, der sagt, was er denkt: „Wenn es keiner macht, ich mache es auf jeden Fall. Der Bildungsstreik ist genau mein Ding.” Wie etwa 50 andere will er die Nacht hier im Hörsaal verbringen. Seine Freundin hat ausgeholfen und ihm einen Schlafsack vorbeigebracht.
Pizzakartons im Hörsaal
Vor der großen Aufräumaktion türmen sich Pizzakartons vom Campus Vita. Vorhin kam das Studentenwerk vorbei und verteilte überzählige Pizzen. Die Hörsaalbesetzer erhalten überraschend viel Unterstützung von außerhalb. Auch die Uni kommt den Studenten entgegen und stellt die Duschen der Sporthalle zur Verfügung. Das Rektorat hält den Bildungsstreik grundsätzlich für gerechtfertigt.
Die Besetzer fordern die Abschaffung der Studiengebühren, die Reform des Bachelor-Mastersystem, ein allgemeines Mitbestimmungsrecht und keine Einflussnahme der Wirtschaft. Zwei Germanistinnen im ersten Semester malen Plakate. Auf denen fragen sie ihre Kommilitonen: „Hörsaal 3 D besetzt - Wo warst du?” Sie erklären auch: „Wir sind direkt betroffen. Unsere Hörsäle sind stets überfüllt. Für uns im ersten Semester lohnt es sich noch richtig, sich für eine Verbesserung der Studienbedingungen einzusetzen.”
Nach und nach schlägt die Protestgruppe ihr Nachtlager auf, überall im Hörsaal versteckt: Vorne am Podium, zwischen den Sitzreihen und in dunklen Ecken. Das Gitarrenspiel wiegt in den Schlaf, im Hintergrund das Aufblasgeräusch der Luftpumpen. Einige finden keinen Schlaf und diskutieren die ganze Nacht. Die Akustik des Hörsaals erschwert das Einschlafen, lässt einen immer wieder aufhorchen.
Stimmen töntn durch den Saal
Um sieben Uhr wird es unruhig. Die Grünpflanzen werden eine nach der anderen aus dem Saal geschoben. Es verschwindet ein Teil der Wohnlichkeit. Wie schade. Kurz vor halb acht gehen die Handywecker los von Billy Talent über Beatles bis hin zu Black Eyed Peas - alles dabei.
„Ich beneide die, die schlafen konnten”, hört man es aus einer Ecke. Der harte Boden hinterlässt seine Spuren. Germanistikstudent Felix hat einen Vorschlag zur Verwendung der Studiengebühren: für weicheren Boden. „Man sollte alles mit Teppich auslegen.” Nach dem Aufstehen erzählt er von seiner Zeit an der Uni Zürich. Er beschreibt die Rückkehr an die Uni Düsseldorf als „Weg vom Gymnasium zur Hauptschule”.
„Kaffee ist fertig.” Drei Worte und alle sind wach, strömen zu den zwei Kesseln vom Studentenwerk. Mit einer Tasse Kaffee in der Hand erzählt Maggie von ihren Erfahrungen im Bildungsstreik. Sie ist immer dabei, wenn Düsseldorfer Studenten auf die Straßen ziehen. Aber die Besetzung hält sie für eine einmalige Sache: „Für uns alle ist das die erste Besetzung und vielleicht auch die letzte, wenn man bedenkt, dass in Düsseldorf sonst nicht so viel los ist.” Sie will noch lange ausharren.
Ein Video der Studenten finden Sie hier.
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