Rückblick 2007: Menschen, die bewegten
zuletzt aktualisiert: 29.12.2007 - 13:06Ob politisch oder sozial - es war ein aufregendes Jahr für die Stadt. Hier einige Höhepunkte.
Oberbürgermeister B Joachim Erwin verkündet, dass Düsseldorf schuldenfrei ist; die SPD zerstreitet sich und der Vorsitzende, Peter Knäpper, tritt nicht erneut zur Wahl an; zur Verleihung des Medienpreises Bambi rückt die geballte Prominenz aus Film und Fernsehen an; eine mutige Schülerin schaut hin und nicht weg; die Heinrich-Heine-Universität wird zum Unternehmen; der Dachstuhl von St. Peter in der Friedrichstadt brennt.
Der Schuldentilger
Diesen Sieg kann Joachim Erwin niemand mehr nehmen: Am 12. September um Punkt 17.15Uhr läutete das Stadtoberhaupt die Ära der schuldenfreien Landeshauptstadt ein. Zwar nicht mit Pauken, dafür mit Siegesklängen aus Lautsprechern und Bühnenfeuerwerk. Richtig schön amerikanisch. Denn von der US-Lebensart und auch dem Hang der Amerikaner zur perfektionierten Show hat sich Düsseldorfs Oberbürgermeister schon manche Scheibe abgeschnitten. Dazu gehört auch die Wirkung guter Nachrichten.
Doch die schuldenfreie Stadt - nach Dresden ist Düsseldorf die zweite Großstadt Deutschlands ohne rote Zahlen - machte zwar bundesweit Schlagzeilen. Auch aus den Partnerstädten in der ganzen Welt bekam Erwin Lob und Anerkennung. Nur in Düsseldorf begann wieder die Nörgelei, die Joachim Erwin, der am liebsten als Solist arbeitet und nur wenige Vertraute nahe lässt, schon so oft die Show stahl.
Von einer, die auszog zu helfen
Sie selbst, das hat sie einmal gesagt, hat es gut getroffen im Leben: Sie ist gesund und hat stets genügend Geld gehabt. Heike Vongehr wollte abgeben von ihrem eigenen Glück und dachte damals an die, die Hilfe brauchen. Das waren zunächst Obdachlose, und so gründete sie die Düsseldorfer Tafel - eine der ersten Tafeln im ganzen Land. Schnell wuchs sich die Idee zu einem ganzen Unternehmen aus, das Vongehrs Zeit in Anspruch nahm.
In dieser Zeit erfuhr sie, dass Armut viele Gesichter hat. Die Tafel übernahm die Essens-Ausgabe in der Bergerkirche, wo es von Mal zu Mal voller wurde. Familien, Senioren mit wenig Geld - immer mehr Menschen fanden und finden sich dort ein. 2007 tischte Heike Vongehr dann größer auf: Die Kindertafel in Garath wurde in Betrieb genommen. Dort reicht es der mutigen, fleißigen Frau nicht mehr, nur Essen auszuteilen. Für die Kinder gibt es auch Bildung, Gespräch und Erholung an der Tafel - wenn schon nicht in der Familie.
„Tribute to Bambi“ machte die neue Kindertafel dann zu einer runden Sache: Mehrere hunderttausend Euro spendete die Wohltätigkeits-Gala für Vongehrs jüngstes Projekt, „und es war Ehre und Freude zugleich, als ich davon erfuhr“, erzählt sie. Das war bereits im August. „Aber ich musste es geheim halten.“
Dröger Humor, harte Hand
Jürgen Rieck (72) als die Graue Eminenz des Düsseldorfer Karnevals zu sehen, ist nicht verkehrt. In den oft verwinkelten Kulissen des jecken Treibens sorgt er dafür, dass es dort eben nicht immer jeck zugeht. Denn Rieck weiß, wie das Geschäft mit den Narren gemanagt werden muss, damit es funktioniert. Daher geht der gelernte (und erfolgreiche) Kaufmann an die Sache ökonomisch vernünftig heran - und achtet schlicht aufs Geld.
Dass er sich damit bei vielen unbeliebt macht, weiß er. Aber es ist ihm egal. Dieses Jahr nun stand seine Wiederwahl an, und urplötzlich tauchte ein Gegenkandidat auf - Wolfgang Kostka. Der wurde von Teilen der karnevalistischen Gemeinde unterstützt. Fast sah es so aus, als bilde sich da eine Art Revolte gegen den knorrig-knurrigen Rieck. Am Ende jedoch gelang es den Rieck-Befürwortern, bei der Wahl die Mehrheit der Vereins-Chefs im CC zu überzeugen, dass es nicht ratsam sei, auf die Erfahrungen Riecks zu verzichten.
Also wurde der Mann mit dem etwas eigenen, wunderbar drögen Humor wiedergewählt. Am Ende dieser Amtsperiode will er allerdings nicht noch einmal antreten, sondern bis dahin einen Nachfolger suchen und aufbauen. Ob ihm das gelingt, ist heute noch nicht absehbar. Außerdem ist nicht klar, was CC-Präsident Engelbert Oxenfort (71) vorhat.
Das Senioren-Duo Rieck-Oxenfort an der Spitze des CC, sich gewiss nicht in inniger Freundschaft zugetan, hat es jedenfalls im Laufe dieses Jahres geschafft, die Narren zu überzeugen: Die machen einen guten Job, heißt es. Nicht wenige meinen, dies liege hauptsächlich an Rieck.
Für Schule und Leben gelernt
Geärgert hat sie sich: Svenja Jaster, Schülersprecherin am Marie-Curie-Gymnasium, fand es unglaublich, dass Polizei und Staatsanwälte nicht weiterführten, was sie und ihre Mitschüler begonnen hatten. Sie hatten sich nämlich in eine Schlägerei vor dem Schultor eingemischt, als einer ihrer Mitschüler am Boden lag und von einer aggressiven Bande getreten und geschlagen wurde. Svenja und ihre Mitstreiter sprangen zu Hilfe - und sie zeigten die Bandenmitglieder anschließend an.
Die kamen von einer anderen Schule und waren teilweise namentlich bekannt. Dennoch hieß es: Verfahren eingestellt. Damit wollte sich Svenja allerdings nicht zufrieden geben.
So kam es, dass erst Monate später die Öffentlichkeit in Düsseldorf von dem ganzen Geschehen am Marie-Curie-Gymnasium erfuhr. Spät, aber nicht zu spät: Das Verfahren gegen die Schläger wurde wieder aufgenommen. Und Svenja wurde geehrt. Erst im Bezirk, und später mit ihrem Direktor Norbert Münnix, weiteren Lehrern und Schülern im Rathaus. Dezernent Werner Leonhardt zeichnete das Streitschlichter-Konzept der Schule aus und übergab der mutigen Gruppe vom Marie-Curie-Gymnasium die Ehrennadel für Zivilcourage.
Neue Freiheit, aber auch Studienbeiträge für die Uni
Das neue Hochschulfreiheitsgesetz, Einführung der Studienbeiträge, Wahl des Hochschulrats - das sind nur drei Stichworte, die das berufliche Leben von Alfons Labisch, Rektor der Heinrich-Heine-Universität, in diesem Jahr bewegt haben. Seit dem 1.Januar 2007 sind die Hochschulen in Nordrhein-Westfalen keine staatlichen Einrichtungen mehr, sondern Körperschaften des öffentlichen Rechts: wie Unternehmen. Das heißt: Die Universitäten entscheiden selbst über Finanzen, Struktur und Personal, unterliegen anders als zuvor nicht mehr der Aufsicht des Landes. Das bedeutet größere Freiheit für die Hochschulen, aber auch zusätzliche Kosten und stärkeren Wettbewerb. Daran gemessen, wie groß der Umbruch sei, laufe es sehr gut, hatten Alfons Labisch und Unikanzler Ulf Pallme König der Rheinischen Post gesagt.
Erstsemester zahlen nicht
Ebenfalls neu war, dass die Uni seit dem Sommer 500 Euro Studienbeiträge pro Semester erhebt. Stolz ist Alfons Labisch, weil Studienanfänger im ersten Hochschulsemester an der Heine-Uni keine Beiträge zahlen. Das eingenommene Geld soll der Verbesserung der Lehre dienen. Mit den anderen Vertretern des Rektorats entschied Labisch, dass dies am besten gewährleistet sei, wenn die Einnahmen aus den Beiträgen zu je 50 Prozent in die Fakultäten und in die Verwaltung flössen.
Auch 2008 wird für Alfons Labisch ein bewegendes: Im Dezember nahm der Hochschulrat der Heine-Uni seine Arbeit auf. Er ist künftig das oberste Gremium der Hochschule und fungiert als eine Art Aufsichtsrat: Der Rat übt die Aufsicht über das Rektorat aus und muss dem Entwicklungs- sowie dem Wirtschaftsplan der Uni zustimmen. Das Wichtigste aber ist: Der Hochschulrat legt fest, welche Kriterien Bewerber um den Rektor-Posten erfüllen müssen, und sucht den Kandidaten aus.
Städtisches Tafelsilber?
Es wurde gemäkelt, dass die Feiermeile vor dem Rathaus, auf der es Würstchen und Bier für lau gab, eingezäunt war und Protestierende draußen bleiben mussten. Die Opposition blieb ihrer Rolle treu und nölte, die Schuldenfreiheit sei teuer erkauft, nämlich mit städtischem Tafelsilber. Und dann beherrschte bis kurz vor dem großen Tag noch der Bau- und Finanzskandal um die Alte Paketpost und die Mehrzweckhalle Burgwächter Castello die Schlagzeilen in Düsseldorf.
„Alles Quatsch“, sagt der CDU-Politiker in solchen Augenblicken gerne und macht eine wegwischende Handbewegung. Denn er weiß, was für den Bürger wirklich zählt: Senkt zum x-ten Mal die Grundsteuer, wovon indirekt auch Mieter profitieren, investiert großzügig in den Familien-Magneten Aquazoo, denkt laut über alternative Wohnformen nach und hält Investoren wie Unternehmen bei Laune. Dennoch ist Erwin kein Oberhaupt, das vom Volk bedingungslos geliebt wird. Viel Feind, viel Ehr’.
Der Tanz ums goldene Reh
Patricia Riekel (54), Bunte-Chefredakteurin, ist oft in Düsseldorf. Das liegt an ihrer Freundschaft zu Mode-Kaufmann Albert Eickhoff und dem Thema Mode, das in ihrem Magazin halt eine zentrale, man könnte auch sagen: anziehende Rolle spielt. Insofern war es für die Journalistin aus München (und Lebensgefährtin von Focus-Chef Helmut Markwort) fast schon ein Heimspiel, als sie hier Anfang des Jahres erste Gespräche führte zum Thema „Bambi-Verleihung in Düsseldorf“. Dass sie damit beim Chef im Rathaus offene Türen einlief, ist klar. Erwin sagt nie nein, wenn Düsseldorf sich in den Medien gut darstellen kann - und mit dem Bambi war enormes Interesse garantiert. Schnell stand fest: Bambi kommt - allerdings nur einmal und nicht, wie von Erwin vorgeschlagen, gleich für zwei aufeinander folgende Jahre.
Es begann eine beispiellose Kampagne rund um das goldene Reh: Geschickt wurde das Thema mit den Namen berühmter Stars appetitlich angerichtet, Königin Rania von Jordanien, Sophia Loren, James Blunt, Bon Jovi und schließlich Tom Cruise konnten die Medien nicht ignorieren. Kurz: Bambi kam fast täglich aus der Deckung, und damit auch der Name Düsseldorfs. Die Stadt rollte dem possierlichen Tierchen buchstäblich den roten Teppich aus und tat alles, damit es sich wohl fühlt. Wie großzügig diese Leistungen am Ende wirklich waren, wo man überall Zugeständnisse machte, wie man dem Burda-Verlag entgegen kam - den Umfang kennt vermutlich nur Joachim Erwin ganz genau. Und der redet nicht darüber. Weil er weiß, dass es sich auf jeden Fall gelohnt hat.
Denn an diesem Tag Ende November berichteten 500 Journalisten über das Spektakel, der Burda-Verlag zählte rund zwei Milliarden Leser-/Zuschauer-/User-Kontakte. Millionen saßen vor dem TV, um in der ARD live die gnadenlos überzogene Show zu sehen. Dass es mit dem riesigen roten Teppich auf dem Rhein, illusioniert durch große Scheinwerfer, am Ende nicht klappte, ging dann als eher unwichtige Randnotiz unter und beschäftigt nur noch ein paar Hiesige, die nach einem Verantwortlichen suchen.
Gibt’s eine Chance für eine Neuauflage? Kann durchaus sein, heißt es bei Burda, denn Düsseldorf sei ein großer Erfolg gewesen. 2008, zum 60. geht Bambi in die Burda-Heimat Offenburg.
Aber danach . . .
Glückloser Genosse
Peter Knäpper, bis März Vorsitzender der Düsseldorfer SPD, wird 2007 - jedenfalls im politischen Sinne - als wenig erfreulich in Erinnerung behalten. Der knorrige Genosse hatte zum Jahresbeginn wohl kaum damit gerechnet, bald nicht mehr Vorsitzender zu sein - aber genau das passierte.
Und zwar nur, weil der in Parteiränken eigentlich erfahrene Knäpper es nicht schaffte, der Düsseldorfer SPD nach außen ein Image der Einigkeit zu verschaffen. Im Gegenteil: In den ersten Monaten des Jahres wirkten die Genossen wie ein zerstrittener Haufen, hauptsächlich mit sich selbst und überhaupt nicht mit Opposition beschäftigt.
Der Grund war das Bemühen von Bürgermeisterin Gudrun Hock, als Spitzenkandidatin ihrer Partei (die sie zuletzt 2004 bei der Wahl war) auch den Fraktionsvorsitz zu erlangen. Daher suchte sie offen den Machtkampf mit dem fest im Sattel sitzenden Amtsinhaber Günter Wurm. Hocks Ansicht, die Macht müsste im Kampf der Opposition gegen den mächtigen Oberbürgermeister gebündelt in einer Hand sein, wurde sogar von vielen ihrer Partefreunden geteilt. Allerdings waren die nicht der Meinung, dass dies Hocks Hand sein müsste. Kurz und gut: Es kam zur Abstimmung in der Fraktion zwischen Wurm und Hock - und Wurm gewann. Damit war klar, dass Hock als Spitzenkandidatin nicht den Rückhalt der Fraktion hatte - und sie trat konsequenterweise zurück.
Seitdem hat die SPD zwar einen Fraktionsvorsitzenden, der stärker denn je ist, aber keinen Spitzenkandidaten. Knäpper musste sich den Vorwurf gefallen lassen, als Vorsitzender habe er ungeschickt agiert und es zu diesem Konflikt überhaupt kommen lassen. Nach einigem Überlegen entschloss er sich, nicht wieder zur Wahl anzutreten. Gewählt wurde für ihn Karin Kortmann.
Von Erwin nicht gewollt
Helga Stulgies (51) ist nicht zu beneiden: Zwar hat sie einen guten Job, aber ihr Chef wollte sie eigentlich nicht. Dass er seine Meinung geändert hat, ist nicht anzunehmen. Gewählt wurde sie für das Amt der Umweltdezernentin in Düsseldorf, ihr erster Arbeitstag ist der kommende Mittwoch, 2. Januar. Vermutlich weiß sie inzwischen auch, wo ihr Schreibtisch steht und welche Mitarbeiter sie zur Verfügung hat. Bis vor wenigen Tagen war das nämlich noch nicht klar. Zuletzt hieß es im Rathaus, das Dezernat werde an der Cranachstraße in Flingern untergebracht. Dort hat die Stadt eine Immobilie, in der Räume leer stehen. Frau Stulgies säße dann vier Kilometer vom Rathaus entfernt. Dass Erwin die von ihm nicht Gewollte möglich weit von sich unterbringen möchte, wird ihm zwar unterstellt, ist aber nicht zu belegen. Der OB streitet das natürlich ab.
Fest steht jedoch, dass Erwin den Leiter des Umweltamtes, Werner Görtz, lieber in der Position des Umweltdezernenten gesehen hätte. Daher haben er und die CDU-Fraktion den Grünen Görtz auch unterstützt. Anders als dessen eigene Partei, die Grünen, die lieber Frau Stulgies wollten und dies auch mit einer Mehrheit aus SPD, Grünen, FDP und ein paar weiteren Stimmen des Rates durchsetzten.
Nun blicken alle gespannt auf die ersten Arbeitstage von Frau Stulgies, die für den ganzen Zwist nichts kann und sich daher auch nicht äußert. Offen ist übrigens auch, wann sie tatsächlich den Bereich Umwelt übernimmt. Erwin hatte ursprünglich erklärt, ihr den nicht geben zu wollen. Bleibt er dabei, wird es im Rat einen Antrag der Grünen geben, dies gegen den OB anders zu entscheiden. Die Mehrheit dafür gilt als sicher.
Zwei Schläge in einem Jahr
Entsetzt steht Pastor Paul-Ludwig Spies vor der brennenden Kirche St. Peter - viele haben dieses Bild aus dem Sommer in Erinnerung. Dann ein weiterer Schlag für den beliebten Geistlichen von St. Peter und St. Antonius: 2008 muss er seine Gemeinde nach 25 Jahren verlassen - für die Zusammenfassung von Kirchengemeinden zu größeren Einheiten. Spies: „Ich bin zu absolutem Gehorsam verpflichtet. Aber mein Herz kann ich nicht zum Schweigen bringen. Es hängt an meiner alten Gemeinde, an ihren Menschen.“
Er hat mit dem Kölner Kardinal Meisner gesprochen - eine Stunde lang. Spies: „Ein gutes Gespräch. Zum Schluss umarmte er mich, sicherte mir zu, dass ich weiter meine Hobbys betreiben kann, im Fußball als Präsident von Turu, im Karneval, im Sommerbrauchtum. Doch ich fürchte, er wird seiner Entscheidung nicht rückgängig machen“ Obwohl auch Weihbischof Heiner Koch, ebenfalls Düsseldorfer, sich dafür einsetzte, dass Spies an St. Antonius bleiben darf. Obwohl an beiden Kirchen eine Unterschriftenaktion für ihn läuft.
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