Molières Komödie im Schauspielhaus: Menschenfeind in Partylaune
VON ANNETTE BOSETTI - zuletzt aktualisiert: 09.05.2008 - 12:31Düsseldorf (RPO). Erbauliche Inszenierung von Molières Komödie im Düsseldorfer Schauspielhaus. Die Neufassung von Botho Strauß gefällt. Auf einer atemberaubenden Bühne glänzt das Ensemble und erhält langanhaltenden Applaus.
Düsseldorf Wer ist „Der Menschenfeind“? Ist er der Feind von anderen Menschen? Oder ist er es, der sie seinerseits hasst? Der programmatische Titel von Molières Komödie führt erstmal in die Irre. Denn dieser Misanthrop Alceste ist eigentlich ein Gutmensch. Ein Extremist der Ehrlichkeit. Einer, der klipp und klar seine Meinung sagt und jeden Schmeichler, Schleimer und Speichellecker verachtet.
Klar, dass so einer auf ziemlich verlorenem Posten steht und am Ende scheitert. Das war in der adeligen Pariser Gesellschaft 1666 so, und in der Schickeria von heute ist der Ehrliche auch oft der Dumme.
Schon allein, um diesen singulären Charakter in seiner Lebensuntauglichkeit zu beleuchten, ihn auf eine zeitgemäße Gültigkeit hin zu befragen, lohnt es sich, das fast 400 Jahre alte Werk wieder aufzuführen. Und wer glaubt, der alte Molière locke heute niemanden mehr ins Theater, wird eines Besseren belehrt. Botho Strauß ist mit daran Schuld: In Düsseldorf hat man sich seiner sprachlichen Neufassung bedient und gut daran getan. So wurde, was ältlich anmuten mag, modern und qualitätsvoll neu formuliert, ohne verfremdend oder modernistisch zu sein.
Auch die Regisseurin ist ein guter Griff: Franziska Steiof hat ihr Ensemble weitreichend instruiert; sie fordert neben deutlichem, gutem Sprechen das intensive körperliche Agieren. So bringt sie ihre komplexe Idee von dem alten Schinken mit raumgreifender Bühnenfantasie und großer Spielfreude herüber.
„Wir feiern hier ’ne Party“ – so sieht’s aus im Großen Haus. Auf einer Drehbühne thront ein Schlagzeuger (Klaus Mages) und trommelt sich warm. Er wird im Verlauf der auf zwei Stunden eingedampften Fünf-Akt-Geschichte noch viel Musik machen. Nur manchmal verhüllen ihn zwei riesengroße versetzte Hauben aus hunderten Fäden, wenn sie zu Boden gelassen werden. In diesen Fäden bandeln sie an oder verheddern sich – die Protagonisten bei ihren Gesellschaftsspielen. Um diese musikalische Kraftbasis herum öffnet sich weiter Raum für theatralische Abgänge und zur Platzierung von eindringlichen Konfrontationen. Zeit für drei starke Songs bleibt auch noch.
Das Partyvolk inszeniert sich, kess gekleidet. Auf High Heels stöckelt Célimène, die Angebetete des Menschenfeindes, herein. Man gibt Küsschen-Küsschen, raucht und palavert. Solche Szenen werden sich immer wieder abspielen. Dazwischen bricht die Lockerheit: Es kommt zum psychologischen Nahkampf, zum verbalen Schlagabtausch – und zu Zärtlichkeiten.
Fein dosiert rollt die Regie das Gesellschaftsdrama auf. Alcestes Freund Philinte versucht den Menschenfeind zu überzeugen: „Man muss sich der Zeit anschmiegen“, sagt er und erhält als Gegenrede: „Man muss der ganzen Welt die Meinung sagen.“ Darin bleibt Alceste stark bis zum einsamen Ende. Nur seine Liebe macht ihn schwach, den manisch Eifersüchtigen. Denn ausgerechnet die, die er verehrt, ist es nicht wert. Célimène, reiche Witwe und Gastgeberin mit offenem Haus, ist ein Luder, das vielen Männern Avancen macht und sich nicht für den einen erklären möchte. Am Ende erst wär’ sie bereit. Doch dann will er nicht mehr. Der Menschenfeind ist zum Abgang „in die Wüste“ verurteilt.
Das Personaltableau in dieser Gesellschaftssatire ist so reich und würzig gespickt wie ein Sonntagsbraten: Man taktiert, verrenkt sich, man intrigiert, man stichelt, man gönnt niemandem etwas. Nicht Ethik, sondern Ästhetik wollen befriedigt sein. „Le bon goût“, der gute Geschmack, verlangt das so.
Glänzend karikieren die Schauspieler jene Menschen von einst, die uns heute noch so nah sind: Ein melancholisch-zitternder Guntram Brattia in der Titelrolle, eine raffiniert-frivole Janina Sachau als Célimène, noch raffinierter fast Kathleen Morgeneyer. Die Aufrechte gibt Katharina Abt, den verschlagenen Poeten Michael Schütz. Als Marquis kalauern glänzend Daniel Graf und René Schubert. Als Geschmeidigster jedoch gefällt Thiemo Schwarz, der mit jedem noch so kleinen Körpersignal seine zweifelhafte Überlebenskunst in diesem Partyvolk markiert.
So entsteht ein Stück aus dem Leben über das ausgebuffte Miteinander von Menschen einer Gesellschaft: bunt, prall, schmerzhaft. Theater zum Staunen.
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