Der Caritas-Chef im Gespräch: Mitarbeiter sind das Gehirn
VON MICHAEL BROCKERHOFF UND GÖKCEN STENZEL - zuletzt aktualisiert: 22.01.2007 - 08:57Düsseldorf (RPO). Der neue Geschäftsführer der Düsseldorfer Caritas, Ronald Vogel, über ausreichende Einkommen für alle, die Organisation sozialer Dienstleistungen und die Rolle der Ehenamtlichen.
Herr Vogel, welche Entwicklung in der Gesellschaft macht Ihnen Sorge?
Vogel Die schleichende Armut. Rentner verarmen, viele Familien stehen schlecht da. Durch die Abgabenlast fehlt der Bevölkerung mehr und mehr ein auskömmliches Einkommen. Und Menschen, die arbeiten wollen, bekommen selten eine Stelle. Wir brauchen daher Modelle, die auch bei weniger gut bezahlten Jobs ein ausreichendes Gehalt ermöglichen. Ein Grundeinkommen für alle könnte helfen. Aber auch die Idee der negativen Einkommensteuer: Der Staat zahlt bei geringem Lohn dazu.
Muss sich die Caritas also auch in die Politik einmischen?
Vogel Wir können durchaus Impulse geben. Die Kompetenzzentren, die an die Stelle der Altenbegegnungsstätten treten, sind ein solcher Impuls. Zusammen mit der Liga der Wohlfahrtsverbände haben wir sie vorgeschlagen, die Stadt hat die Anregung aufgenommen. Um etwas zu bewegen, muss aber auch manchmal Druck gemacht werden.
Für welche Probleme zum Beispiel ist das nötig?
Vogel Die Pflegeversicherung hat viele Nachteile für den einzelnen Menschen. Die müssen jetzt aufgefangen werden. Und auch in der Migrationspolitik ist vieles versäumt worden. Gute Integration beginnt mit Sprache und Ausbildung. Die ist vernachlässigt worden. Jetzt müssen wir die Folgeprobleme bewältigen, brauchen für die Schulbildung und für die Arbeit in den Kitas gute Konzepte - etwa die Erziehungsberatung, die es seit vier Jahren gibt. Wir brauchen natürlich auch Geld.
Das liebe Geld. Reicht es?
Vogel Es ist bekannt, dass das Land Zuschüsse streicht, der Druck wächst. Wir versuchen, die geringeren Einnahmen durch systematischere Arbeit in unserer Verwaltung auszugleichen. Aber das reicht nicht. Wir müssen auch unsere Angebote neu organisieren.
Was streichen Sie?
Vogel Einfach eingespart wurde bisher nichts. Stattdessen geben wir Aufgaben ab, die nicht zu unserem Kerngeschäft gehören. Essen auf Rädern an die Malteser, zum Beispiel. Und die sozialpädagogische Familienhilfe an den Sozialdienst katholischer Frauen und Männer.
Gibt es einen Unterschied zwischen Caritas und einem Wirtschaftsunternehmen?
Vogel Auf jeden Fall. Man kann schneller sehen, wie sich Entscheidungen für Angebote und Dienstleistungen auf Menschen auswirken und kann, wenn nötig, sofort reagieren.
Fühlen Sie sich eher als Sozialarbeiter oder als Manager?
Vogel Beides trifft nicht den Kern. Ich bin gelernter Volkswirt, der mit seiner Ausbildung in den sozialen Bereich gegangen ist. Ich sehe meine Aufgabe darin, soziale Aufgaben im größeren Stil wirtschaftlich zu organisieren.
Das klingt nach einem gut geöltem Apparat, in dem der Mensch aus dem Blickfeld gerät.
Vogel Das ist keinesfalls so. Unser wichtigstes Kapital sind unsere guten Mitarbeiter, die in ihren Arbeitsfeldern - Ganztagsschule, Altenzentren, Berufshilfe oder Integration - vieles entdecken, was die Menschen brauchen. Die Mitarbeiter sind das Gehirn der Caritas.
Sind darunter genügend Frauen oder braucht die Caritas eine Quote?
Vogel Von einer Quote halte ich nicht viel. Wir haben ja auch einige Frauen in leitenden Funktionen, und Hildegard Kempkes sitzt im Caritas-Rat. Ich finde: Die richtigen Leute sollen am richtigen Ort sitzen.
Ein Beispiel?
Vogel Unsere Experten aus der Schulsozialarbeit haben die Programme für die katholischen Ganztagsschulen entwickelt, haben Inhalte für die Gestaltung des Nachmittags erarbeitet. Die kommen gut an. Wir werden etwa 80 Mitarbeiter allein dafür neu einstellen. Frauen und Männer.
Und für die neuen Projekte gibt es genug Geld?
Vogel Wir sind nicht nur vom Staat abhängig, sondern können mit kirchlichen Mitteln und durch Spenden einiges finanzieren.
Haben Sie keine Angst, dass andere Verbände größer werden und die Caritas das Nachsehen hat?
Vogel Nein, wir brauchen nicht zu wachsen. Zwischen den Wohlfahrtsverbänden gibt es keine direkte Konkurrenz. Jeder hat seine Schwerpunkte, die er im Lauf der Zeit erworben hat und die seinem Profil entsprechen.
Was macht da die Caritas aus?
Vogel Das ist aus der Geschichte heraus zu verstehen. Die Caritas wurde gegründet, um die Arbeit in den Pfarrgemeinden zu unterstützen. Die katholische Kirche kennt den Dreiklang Liturgie, Verkündigung und Nächstenliebe, die soziale Hilfe im Alltag. Für die sorgt die Caritas aus ihrem christlichen Verständnis heraus.
In den Pfarren gibt es viele ehrenamtliche Mitarbeiter. Welche Rolle spielen sie?
Vogel Ohne ihren Einsatz könnte die Caritas nur schwer ihre Aufgaben erfüllen. Ehrenamtliche sind aber keine Lückenbüßer, sondern sie arbeiten auf sehr hohem Niveau, haben Wissen und Erfahrung, die sie weitergeben. Ehrenamt ist immer eine Abstimmung mit den Füßen: Wem es nicht gefällt, der bleibt weg. Wir haben etwa 2000 Ehrenamtliche und 1050 hauptamtliche Mitarbeiter.
Das Gespräch führten Michael Brockerhoff und Gökcen Stenzel
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum





