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850 Düsseldorfer posieren nackt: Nackt kompakt - Menschen als Kunstwerk

VON DOROTHEE KRINGS - zuletzt aktualisiert: 07.08.2006 - 16:12

Düsseldorf (RP). Von zwei Frauen, die sich am Sonntag auszogen, um mit 848 anderen nackten Menschen Teil einer lebenden Skulptur zu werden - Reportage einer Körperinstallation des amerikanischen Fotokünstlers Spencer Tunick vor dem Düsseldorfer "museum kunst palast".

Sorcha Monk ist gekommen, um einen Moment der Erhabenheit zu erleben, das Gefühl, an Unaussprechlichem beteiligt zu sein. Wenn hunderte nackter Menschen zu einem Kunstwerk verschmelzen, könne so ein Moment entstehen, sagt die junge Frau aus Schottland. 19 Stunden ist sie von den Western Isles angereist, um bei Spencer Tunicks erstem Foto-Happening auf deutschem Boden dabei zu sein. Ihr Gesicht ist fahl vor Müdigkeit, Kälteschauer lassen ihre Schultern zucken. Es ist kurz vor vier Uhr morgens.

Im Grau der zu Ende gehenden Nacht strömen immer mehr Menschen auf den Platz am Düsseldorfer „museum kunst palast“. Vor dem Brunnen sind Hebebühnen zu einer Pyramide geschichtet. Dort wird Tunick aus nackten Körpern einen Vulkan formen. Sobald die Sonne aufgeht. Noch sind die Freiwilligen warm gekleidet. Sie sprechen gedämpft und schlendern ziellos umher, wie Touristen in einem Gotteshaus.

„Wie ein Pinselstrich im Gemälde“ Sorcha Monk hat Kunstgeschichte studiert, jetzt promoviert sie über Spencer Tunicks Fotos nackter Menschen. „Seine Skulpturen strahlen so eine Stille aus“, sagt Sorcha Monk, berührend sei das und wunderschön. Sie sei sehr aufgeregt, nun ein Teil seines Werkes zu werden – „ein Pinselstrich in seinem Gemälde“, sagt sie.

Sandra Rindt hat die Nacht durchgemacht. Pyjamaparty. Eigentlich hatten ihre Freundinnen mitkommen wollen. Am Ende wollten sie doch nicht. „Tausend Ausflüchte“, sagt Rindt und verdreht die Augen, „dabei tun wir doch hier nichts Unmoralisches.“ Die junge Frau aus Kerpen hatte in einem Fachmagazin gelesen, dass Tunick kommt. „Ich wusste gleich, dass ich auf dieses Foto wollte, schließlich entsteht hier gleich Kunst.“

Die lässt auf sich warten. Doch als gegen 6 Uhr erstes Tageslicht die Konturen der Umgebung schärft, klettert ein schwarz gekleideter Mann auf eine hohe Trittleiter. Durch ein Megafon dankt Tunick den Menschen für ihr Kommen. Ausführlich erklärt er, wie die Performance ablaufen wird, dann ein Satz zu seiner Philosophie. „Ich bin nicht hier als ein Künstler aus New York – ihr seid die Künstler.“

Dann das Startkommando. Die Menschen beginnen sich auszuziehen, die meisten hastig, ohne aufzuschauen. So stehen sie plötzlich da, nackt, unschlüssig, vor ihnen ein Kleiderhäufchen, das einmal ihre Hülle war. Diese Identität ist abgestreift, jetzt zählen nur noch die Körper. Viele Menschen verschränken die Arme. Auch Sorcha Monk. Ab und zu streicht sie über ihre Haut, die ganz pockig ist vor Kälte. Und wenn die Morgenluft sich zu einer Brise aufrafft und um die bloßen Körper streicht, dann raunt sie mit der Menge.

Wieder ein Kommando. Die Teilnehmer sollen die Pyramide erklettern. Die Nackten ziehen los. Wie eine Herde verlassen sie die Wiese, schwappen als Masse Mensch auf das Bühnengerüst. Sandra Rindt ist ganz vorne dabei. Sie hat keine Sekunde gezögert. Zur Belohnung bildet ihr Körper die Spitze der Pyramide auf dem obersten Podest. Monk landet irgendwo im Mittelfeld.

Nun erst ist Tunicks Stunde gekommen. Er gibt rasche Anweisungen, die Menschen müssen sich umdrehen, hocken, legen, die Köpfe einziehen, den rechten Arm langsam hin und her bewegen. Tunick läuft auch auf die Bühne, biegt einzelne Körper, bis sie in sein Gesamtbild passen. Und er ermahnt die Unwilligen, die Quertreiber in der Masse, die nicht hören wollen, damit sie fühlen, dass es sie gibt.

Tunick ist hartnäckig, ein Perfektionist. Erst wenn die Masse sich so hinfallen lässt, wie es ihm vorschwebt, erst wenn er den Zufall bezwungen hat und damit der Kunst zu ihrem Recht verholfen, erst dann macht er sein Foto. Und lässt sofort die nächste Position folgen. Ein Menschenbildner am Werk.

Doch das Gefühl von Erhabenheit stellt sich nicht ein bei Sorcha Monk. Trotzdem ist sie froh über die Erfahrung. „Es ist seltsam, als Nackte fühle ich mich nur mitten unter den Nackten wohl, die Masse schützt“, sagt sie. Ihre Doktorarbeit werde sie umarbeiten. Sie müsse aufschreiben, was sie gefühlt habe als Teil einer Skulptur.

Rindt ist am Ende höchst zufrieden. „Super, ich war ganz oben, da werd’ ich auf dem Foto hoffentlich gut zu sehen sein.“


 
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