Bildungsstreik: Polizei trägt Studenten aus Hörsaal
VON S. WINKELNKEMPER, S. KAUFMANN UND J. BORNEWASSER - zuletzt aktualisiert: 25.11.2009 - 12:10Die Studenten, die seit einer Woche den Hörsaal 3D der Philosophischen Fakultät besetzt hatten, wollten den Raum nicht freiwillig verlassen. Deshalb machte der Uni-Rektor am Mittwoch von seinem Hausrecht Gebrauch. Die Polizei räumte den Hörsaal am Morgen.
Das hat es in der gut 40-jährigen Geschichte der Heine-Universität noch nicht gegeben: Rektor Hans Michael Piper hat am Morgen den besetzten Hörsaal 3D in der Philosophischen Fakultät durch einen Polizeieinsatz räumen lassen.
Seit einer Woche blockierten dort mindestens 20 Studenten, zu Spitzenzeiten auch bis zu 400 den Saal. Freiwillig wollten sie nicht mehr gehen, waren Tag und Nacht vor Ort. Pipers Worte jedoch waren unmissverständlich: „Ab Mittwoch wird in diesem Hörsaal wieder normal unterrichtet.”
Räumung begann um 9 Uhr
Am längeren Hebel saß eindeutig Piper. Er besitzt das Hausrecht. Studentin Madeline Kraßnitzer musste sich somit schon am Dienstagabend eingestehen: „Wir wollen nicht gehen, aber es wird wohl unser letzter Abend hier.” Noch einmal versammelten sich rund 100 Studenten zu einer Diskussion über die Revolution der 68er und ihre Fehler. Anschließend gab es ein Konzert. Die Stimmung blieb jedoch kämpferisch. Bis Mittwochmorgen.
Laut Vorlesungsverzeichnis sollte die erste Veranstaltung in Hörsaal 3D am Mittwoch um 8 Uhr beginnen. Die Polizei griff jedoch erst gegen 9 Uhr ein. Die Besetzer wurden ins Foyer befördert.
Der Hörsaal war mit über 1500 bunten Luftballons gefüllt worden. Beim Eintreffen der Polizei warfen die Studenten Konfetti und Luftschlangen.
Ein Demonstrant hatte sich auf einem etwa zwei Meter hohen Vorsprung verschanzt. Die Beamten versuchten, den Protestler mit einer Leiter von dort herunterzuheben. Einige Zeit verschanzte sich Philipp Dapprich noch, musste dann aber nachgeben.
"Das ist unsere Uni"
In den vergangenen Tagen hatten sich die Studenten mit ihrem halben Hausstand im Hörsaal eingerichtet, sie brachten Kochgeschirr und Schlafsäcke mit. Das Studentenwerk versorgte sie mit Essen, und so formulierten die Besetzer in Arbeitsgruppen ihre Forderungen für bessere Studienbedingungen.
„Das ist unser Hörsaal, und das ist unsere Uni”, erklärt Erstsemester Jan Peifer (22). Er und seine Kommilitonen kämpfen für mehr Mitsprache, einen besseren Lehrbetrieb, gegen Studiengebühren und für eine Abschaffung des Bachelor und Master in ihrer derzeitigen Form.
Der Rektor machte den Studierenden zwar Zugeständnisse, indem er von einer Kommission die Struktur der Studiengänge überprüfen lässt. Gleichzeitig erklärte er aber auch, dass die Studiengebühren nicht diskutabel seien. Bei den Besetzern blieb nach anfänglichem Applaus viel Frust zurück: „Wir haben gemerkt, dass der Rektor nicht auf unserer Seite steht und wollen auch vorerst nicht mehr mit ihm reden”, sagt Jan Peifer. Seit Montag haben die Besetzer verstärkt einen Konfrontationskurs eingeschlagen. „Wir hoffen aber, dass die Räumung friedlich abläuft”, sagt Geschichts-Student Peifer, der keiner Partei oder hochschulpolitischen Liste angehört.
Der Asta-Vorsitzende Andreas Jentsch erklärte noch am Dienstag: „Was hier im Hörsaal passiert, ist gelebte Partizipation an der Heine-Uni. Hier entstehen Ideen. Sogar Seminare werden in Eigenregie abgehalten.” Jan Lis, der die Forderungen der Besetzer vortrug, hofft, dass von dem Engagement etwas bleibt: „Es ist wichtig, dass die Arbeitsgemeinschaften, die sich gebildet haben, weitermachen.”
Fortsetzung der Proteste in Duisburg
Mitte der 70er Jahre hatten zuletzt Studenten Tische vor den Eingang der Säle 3E und 3F gestellt. Jener Streit für eine neue Bafög-Regelung aber konnte ohne Polizeieinsatz gelöst werden.
Im Internet-Netzwerk "Twitter" kündigten die Protestler, die nun von den Beamten am erneuten Stürmen des Hörsaals gehindert werden, an, dass sie ab Mittag die Studenten in Duisburg unterstützen wollen. Dort wird das Auditorium Maximum (Audimax) von Studenten blockiert.
Eine Übersicht der besetzen Universitäten in Europa finden Sie hier.
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