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Retrospektive zu Kippenberger: "Pop-Ikone deutscher Nachkriegskunst" im K21

zuletzt aktualisiert: 05.06.2006 - 12:47

Düsseldorf (dto). Er ist gerade einmal 44 Jahre alt geworden. Aber sein Nachlass ist nahezu unüberschaubar groß und vielfältig. Denn Martin Kippenberger (1953-1997) war ein Arbeitswütiger. Er malte und fotografierte, zeichnete, schuf Skulpturen und Installationen. Und wenn er sich nicht zudem in Texten, Gedichten, in Katalogen, auf Ausstellungsplakaten und Einladungskarten zu Worte meldete, war er Verleger und gründete Galerien, Clubs und sogar eine Punk-Band. Jetzt widmet ihm das K21 vom 10. Juni bis 10. September eine große Ausstellung, die bereits in der Londoner Tate Gallery zu sehen war.

Eine Retrospektive zu Martin Kippenberger zeigt das K21.  Foto: © Estate Martin Kippenberger
Eine Retrospektive zu Martin Kippenberger zeigt das K21. Foto: © Estate Martin Kippenberger

In eine Schublade ließ sich der Allround-Künstler nie stecken. Vielmehr war er stets auf dem Sprung, um nicht nur die Mechanismen des Kunstbetriebs zu hinterfragen. Schon zu seinen Lebzeiten provozierte der gebürtige Dortmunder mit einer Umtriebigkeit, die ihm gelegentlich auch als Dilettantismus ausgelegt wurde. Seinem Nachruhm hat das nicht geschadet, gilt Kippenberger heute als "Pop-Ikone deutscher Nachkriegskunst".

Im Mittelpunkt der chronologisch angelegten Ausstellung in Düsseldorf steht die raumgreifende, nur selten gezeigte Installation "The Happy End of Franz Kafkas America" von 1994, bei der auf einem grünen Spielfeld 50 verschiedene Tisch-Stuhl-Konstellationen eine Szene aus Kafkas berühmten Roman nachstellen.

Der Leiter der Kunstsammlung NRW K 21, Julian Heynen, sagte für ihn sei Kippenberger eine Schlüsselfigur der Gegenwartskunst, "weil er nie aufhörte zu fragen, was die Kunst heute ist, sein kann, sein sollte - und das auf eine Weise, die so leicht wie doppelbödig war." Eine ganze andere Position bezieht dagegen Heynens Nachfolger als Direktor der Krefelder Museen, Martin Hentschel: "Der ganze Hype um Martin Kippenberger lässt mich absolut kühl. Er war sicherlich ein achtbarer Künstler und ein Enfant terrible obendrein - seine künstlerische Gesamtleistung geht jedoch retrospektiv betrachtet kaum über das hinaus, was Sigmar Polke mit einem Abstand von 20 bis 25 Jahren eher geleistet hat. Ich kann von Kippenberger als Vorbild nur abraten."

Ob aber nun Kippenberger verehrt oder strikt abgelehnt wird - bei ihm wurde die Kunst immerhin zu einem Abenteuerspielplatz, auf dem es dem Betrachter nie langweilig wird. Schon mit 25 Jahren veröffentlichte er ein Buch, in das der Käufer die beigelegten Fotografien aus Kippenbergers Familienalbum einkleben sollte. Und als er 1986 seine erste Einzelausstellung "Miete, Strom, Gas" in Darmstadt zeigte, berührte er Fragen aus dem unmittelbaren Leben, wie er es später in die Irre führte. So 1997, als er bei der Kasseler Documenta U-Bahn-Eingänge auf die grüne Wiese stellte.

Mit seinem berühmten Bild "Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken" reagierte er auf ausländerfeindliche Parolen. Bei einem Aufenthalt in Florenz schuf er so viele gleichformatige Ölbilder mit Impressionen der Renaissance-Stadt, die aufeinander gestapelt Kippenbergers Körpergröße von 1,89 Meter erreichen sollten. Nach der Rückkehr schenkte Kippenberger diese Bilderserie dem Besitzer der Berliner "Paris Bar", Martin Würthle, als Dauerleihgabe und erhielt dafür freies Essen und Getränke auf Lebenszeit.

Mit solchen Aktionen kratzte Martin Kippenberger besonders am gängigen Bild des Künstlers als entrücktes Genie, stellte er sich und seine Person zur Diskussion. Als er einmal in seinem legendären Club "SO 36" in Berlin ein Konzert veranstaltete, wurde er von Punks zusammengeschlagen, weil sie den Eintritt als zu teuer empfanden. Nach einem Foto seines geschundenen Gesichts malte er daraufhin ein Bild, das er "Dialog mit der Jugend" nannte.

Mit solchen ironischen Selbstdarstellungen wurde Kippenberger zu einer schillernden Persönlichkeit, die von der internationalen Kunstszene schnell hochgelobt wurde. Und was können nachfolgende Künstler-Generationen heute von ihm lernen? Julian Heynen vom K 21: "Augen auf und Verstand scharf stellen, damit man immer schneller als das System ist - und dennoch einen längeren Atem behält." 

Quelle: afp2

 
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