Hitze: Schlaflos auf dem Balkon
VON GESA EVERS - zuletzt aktualisiert: 10.07.2010 - 17:10Düsseldorf (RPO). Wenn das Thermometer auch nachts deutlich über 20 Grad anzeigt, ist an erholsamen Schlaf nicht zu denken. Denn sie ist überall, die Hitze, in jedem Winkel der Wohnung. Auch die Flucht nach draußen hilft nur vorübergehend. Eindrücke einer tropischen Nacht.
Nach dem Öffnen der Haustür ist es, als würde man gegen eine Wand laufen. Eine Wand aus Hitze. Im vierten Stock steht die Luft, und auch wenn der Ventilator ungefähr so groß ist wie ein Lkw-Reifen, bringt er nur was, wenn man wenige Millimeter davor sitzt. Es ist 21 Uhr, und die gefühlte Temperatur in der Wohnung liegt bei etwa 45 Grad. Das ist nicht nur für den Kreislauf ungünstig, sondern auch für die Nachtruhe. Denn an erholsamen Schlaf ist bei diesen saunaähnlichen Zuständen nicht zu denken.
Nach einer Dusche, der zweiten heute und wahrscheinlich nicht der letzten, geht es erstmal auf den Balkon. Nach einer Sekunde geht es auch schon wieder rein, denn draußen, auf dem Steinboden, der den ganzen Tag der gleißenden Sonne ausgesetzt war, ist es noch viel heißer. In diesen tropischen Tagen hat die eigene Wohnung, so wohl man sich darin auch fühlen mag, etwas von einem Gefängnis. Wohin man auch geht, in jedem Raum ist die Hitze schon da und grüßt freundlich.
Auf dem Sofa neben dem Ventilator scheint der vorerst sicherste Ort zu sein, um allmählich so etwas wie Entspannung zu finden. Bewegungen werden auf das Nötigste – Griff zur Wasserflasche und zur Fernbedienung – beschränkt. Beides ist leider sehr oft nötig, weil die Sender, zumindest die, die keine WM-Rechte haben, schon auf Sommerpause umgestellt haben und der Wasserdurst nicht zu stillen ist. Gut wäre eine Zwei-Liter-Flasche, aber die kann wiederum kein Mensch hochheben bei dem Wetter. Dann lieber drei Meter zum Wasserhahn gehen und auffüllen.
Es geht auf 23 Uhr zu, Sofa und Fernsehen haben sich als untaugliche Hitzeablenker erwiesen. Wie gut hat es die Fliege, die da an der Wand sitzt. Sie kann sich in der Luft aufhalten und vermeidet damit jeglichen Kontakt zu anderen Oberflächen. Denn die kleben.
Balkon, zweiter Versuch: Inzwischen ist es auszuhalten, der Boden ist barfuß betretbar. Obwohl es stockdunkel ist, scheint die Luft immer noch zu wabern, es flirrt wie beim Blick auf eine lange Straße, deren Konturen am Ende verschwimmen. Es ist still, fast gespenstisch still. Hallo Leidensgenossen auf den schlechten Plätzen, in allen Etagen ab vier aufwärts. Trauert ihr noch, weil Deutschland ausgeschieden ist? Bereut ihr, dass ihr bei der Wohnungssuche nicht auf Erdgeschoss, oder besser noch, Keller bestanden habt? Oder sitzt ihr auch nur in euren abgedunkelten Räumen und fragt euch, wie ihr den Tag morgen überstehen sollt, so ganz ohne Schlaf?
Langsam, ganz langsam nähert sich die Temperatur auf dem Balkon einem erträglichen Maß an. Es ist kurz vor halb eins. Noch vor wenigen Monaten konnte man sich um diese Uhrzeit draußen nicht mehr unterhalten, wenn man eine Bar verließ, weil der Körper unverzüglich zu beben begann vor Kälte. Alles war kalt, nass, fies. Was haben wir uns alle aufgeregt. War es echt so schlimm? Schlafen ging zumindest. Es gibt ja eigentlich nichts schöneres als eine laue Sommernacht auf dem Balkon. Aber lau ist es an diesen wenigen tropischen Nächten im Jahr eben nicht mehr, es ist eine Steigerung von lau, für die es noch nicht mal ein Wort gibt.
Gegen zwei Uhr ist es Zeit, ins Bett zu gehen. Die Wand aus Hitze ist immer noch da, und sie macht den Weg beschwerlich. Die nächsten Stunden bis zum Klingeln des Weckers werden aus Herumwälzen bestehen, aus Grübeln und Wasser trinken. Aus ab und zu mal aufstehen und den guten Freund, den Ventilator besuchen. Schlafen kommt wahrscheinlich auch mal kurz vor, aber es fühlt sich nicht so an.
Morgen dann der Blick in die Gesichter der anderen, die aussehen, wie man sich fühlt. Eine große Gemeinschaft der Schlaflosen. Wahrscheinlich dauert es nicht mehr lang, und wir alle werden diese Wand aus Wärme vermissen. Dann ist es wieder Winter und bitterkalt.
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