Düsseldorf: Sehen, riechen, schmecken – Eat Art
VON ANNETTE BOSETTI - zuletzt aktualisiert: 28.11.2009 - 12:12Düsseldorf (RPO). In der Düsseldorfer Kunsthalle eröffnete Direktorin Ulrike Groos gestern ihre letzte Ausstellung. "Eating the Universe – vom Essen in der Kunst" zeigt mit Daniel Spoerri den Ursprung der Eat Art und 23 zeitgenössische Positionen dazu.
Es riecht ein ganzer Raum nach Schokolade, anderswo ziehen Duftschwaden von geräuchertem Speck über den Flur. Im großen Saal kracht dekorativ eine komplette Küche zusammen, davor ist ein gigantischer Zuckerberg als Mahnmal der Wohlstandsgesellschaft aufgehäufelt. Auf dem Boden werden geröstete Früchte ausgelegt, die schon unsere Urahnen ernährten.
Nicht weit weg von dieser archaischen Landmarke läuft ein Bulimie-Video, das stundenlanges Übergeben eines Mädchens nach ebenso ausdauerndem Magen-Vollstopfen dokumentiert. Zum Sehen, Riechen und Schmecken regt die aktuelle und letzte Ausstellung von Direktorin Ulrike Groos in der Düsseldorfer Kunsthalle an. Mitunter schmerzvoll.
Und wenn auch mit leichter Wehmut in den Augen serviert Groos wieder einmal vorzügliche Kunst. Nicht nur die Erweiterung des Kunstbegriffs, sondern besonders die Erweiterung der sinnlichen Wahrnehmung war der Direktorin stets ein Anliegen. So hat sie dieses Mal den Erfinder der Eat Art, Daniel Spoerri (79), gewonnen, in Düsseldorf noch einmal aufzuschlagen und einige seiner legendären Fallenbilder ("tableaux pièges") mitzubringen. Die wurden Anfang der 70er Jahre erfunden und heißen so, weil es mit Kunstharz fixierte Banketts von fröhlich-wilden Essen unter Freunden sind.
Um den Altmeister herum gruppieren sich 23 Positionen junger Kunst, die sich einerseits auf Spoerris Werk beziehen, andererseits der Kunst des Essens aufregende zeitnahe Themenfelder erschließen. Besonders tun dies die Videos: Aus der Sammlung Julia Stoschek kommt Mika Rottenbergs Arbeit "Dough", ein Melodram aus dem abstoßenden Produktionsablauf einer Teigfabrik. Arbeiterinnen kneten und formen die Masse in klaustrophobischen Situationen; ihre eigene Körperlichkeit spielt mit, ihre Tränen kullern – eindringlich.
Auch die beiden Heerlener Zwillinge Liesbeth und Angelique Raeven stellen in ihrem Video "Kelly" gesellschaftliche Normvorstellungen in Frage, in diesem Fall vom jungen weiblichen Körper. Eine Frau ist auf obsessiver Suche nach immer neuen exklusiven Lebensmittelproben, die sie in New Yorker Supermärkten sammelt – aus dem Off berichtet sie von ihrem Leidensweg, eine Duftmaschine besprüht variantenreich den Videoraum.
Die Ausstellung ist eine breite Bestandsaufnahme von Eat Art und birgt reichlich Entdeckungen. Auch der Küchenraum als sozialer Ort wird mehrfach thematisiert: Einmal bei Zeger Reyers rotierender, langsam zu Müll zentrifugierter Küche. Oder bei Andreas Wegner – der hat die "Frankfurter Küche" für seine Zwecke umgebaut. Christian Jankowski nimmt das Massenphänomen Kochstudio auf die Schippe mit einem schmuddeligen Nachbau von Alfred Bioleks TV-Küche.
Zurück zu Spoerri: Fotos erinnern an seine Aktionen und Bankette in seiner ehemals in Düsseldorf beheimateten Eat Art Galerie. Leitmotivisch steht das von ihm eingerahmte Textil über allem: "Wenn alle Künste untergehen, die edle Kochkunst bleibt bestehen."
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