Interview mit Bastian Sick: Sprache geht jeden etwas an
zuletzt aktualisiert: 21.02.2008 - 01:02Düsseldorf (RPO). Unsinnige Trennungen, versteckte Anglizismen: Bastian Sick klärt seit 2003 die Deutschen über die Fehler auf, die sie beim Sprechen und Schreiben machen. Und das ist dann auch noch lustig.
Sie gelten als Retter des Genitivs. Der wird im Rheinischen wenig verwendet. Mögen Sie den Dialekt trotzdem?
Bastian Sick Natürlich, allein schon wegen des rheinischen Singsangs! Nicht nur bei der Frage „Wem sein ist dat?” statt „Wessen ist das?” unterscheidet sich das Rheinische vom Standard. Es gibt noch mehr Besonderheiten, zum Beispiel sagt man „Ich bin am Machen”. Im Ruhrgebiet findet man diese Form gesteigert, da ist man „am Machen dran”. So etwas finde ich herrlich!
Machen Sie Fehler beim Sprechen?
Sick Selbstverständlich! Ich muss mich ständig kontrollieren. Im Familienkreis lege ich aber nicht jedes Wort auf die Goldwaage, da rede ich so, wie mir der norddeutsche Schnabel gewachsen ist.
Was sagen Sie dann so?
Sick Wir im norddeutschen Sprachraum reißen zum Beispiel Pronominaladverbien auseinander, also Wörter wie „dafür” oder „dagegen”. Wir sagen „da weiß ich nichts von”, statt „davon weiß ich nichts”.
Manche Kritiker werfen Ihnen vor, die Dialekte zurückdrängen zu wollen.
Sick Ich bin ein erklärter Freund aller Dialekte - die machen doch den Reichtum unserer Sprache aus! Meine Aufgabe sehe ich darin, den Sprachstandard zu erklären. Den brauchen wir schließlich, wenn wir uns verständigen wollen.
Ärgert es Sie, wenn Sie bestimmte Fernseh-Sendungen sehen?
Sick Ich ärgere mich oft über das nicht vorhandene Niveau, besonders im Privatfernsehen. Schlimm sind diese Nachmittags-Talkshows, die eigentlich nur Pöbelsendungen sind, in denen Menschen vorgeführt und erniedrigt werden. Das Fernsehen beraubt sie ihrer Würde, und das Schlimmste ist: Sie merken es nicht einmal.
In der Sprache ist immer etwas anderes in Mode. Was ist das jetzt gerade?
Sick Nach wie vor Anglizismen, das wird noch lange so bleiben. Oft wissen die Leute nicht, dass einfach Englisch übersetzt wurde, wie bei dem Satz: „Am Ende des Tages wird man sehen, was wir davon haben.” Damit ist nicht heute Abend gemeint, sondern die Entsprechung von „at the end of the day”, das etwa „zu guter Letzt” bedeutet.
Was beobachten Sie momentan noch?
Sick Den Wahnsinn, ständig Wörter auseinanderzureißen. Wie bei dem Telefonanbieter, der mit folgendem Slogan warb: „24 Monate ohne Grund Gebühr.” Der hat das Wort Grundgebühr auseinandergeschrieben, und jetzt liest es sich so, als würden 24 Monate grundlos Gebühren erhoben! Das hat er wohl kaum gemeint.
Was würden Sie heute machen, wenn Ihre Memos aus der Spiegel-Redaktion kein Renner geworden wären?
Sick Mmh... vielleicht wäre ich noch Schlussredakteur, wer weiß. Ich bin übrigens froh, dass ich nicht gleich versucht habe, Kolumnen zu schreiben. Ich hätte nicht gewusst, worüber. Ich wollte schreiben, aber die klassischen Themenfelder lagen mir nicht. Letztlich habe ich mir ein neues Betätigungsfeld geschaffen.
Eine glückliche Kreation.
Sick Ja! Ich bin auf eine Marktlücke gestoßen, von der ich nicht wusste, dass sie existiert! Sprache geht eben jeden etwas an - sie ist ein Teil unserer Identität.
Constanze Kretzschmar führte das Interview.
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