Quadriennale: Stadt im Kunst-Fieber
VON KLAUS SEBASTIAN - zuletzt aktualisiert: 13.09.2010 - 07:44Düsseldorf (RPO). Kritische, betörende, überwältigende Kunst ist innerhalb der Quadriennale zu sehen. Ob Nam June Paik oder Joseph Beuys, Katharina Grosse oder Candida Höfer – schon bei der Eröffnung boten die Ausstellungen viel Gesprächsstoff.
Die Promidichte bei der Eröffnung der zweiten Düsseldorfer Quadriennale war beachtlich. Künstler, Museumsleute, Politiker, Manager wollten sehen und gesehen werden. Für die ganz wichtigen Gäste standen vor dem K 21 mehrere nagelneue VIP-Limousinen für die Fahrt ins K 20 bereit. Audi sei dank.
Doch wichtig sollte an diesem Abend allein die Kunst sein. Die Besucher drängten sich vor den flimmernden TV-Türmen von Nam June Paik, standen ratlos vor der zerlegten Honigpumpe von Beuys und warteten geduldig in der Schlange zur Fotokunstausstellung im NRW-Forum. Den Auftakt der Kunstschau zelebrierten die Veranstalter als Fest für Schaulustige.
Kritische, betörende, überwältigende Kunst gibt es in Düsseldorf zu sehen – wie die von Nam June Paik. Kein anderer hat die Bilderflut der Medien so humorvoll wie der aus Korea stammende Künstler thematisiert. Da baut sich im Museum Kunstpalast eine ganze Roboter-Kompanie aus Fernsehgeräten vor den Zuschauern auf. Die Kunst-Klone feuern ein Stakkato aus Bildern und Ornamenten ab. Dafür geht es in der "Video-Lounge" etwas ruhiger zu. Dort kann man sich einen Kopfhörer über die Ohren stülpen und ganz allein in magische Bildwelten abtauchen.
Von der immer noch aktuell anmutenden Kunst des koreanischen Video-Professors (1932–2006) geht es ruckzuck rückwärts in die Zeit des Barock. Im Rubenssaal des Kunstmuseums überwältigt die bildnerische Wucht der großen Leinwände. Und kurz darauf staut sich die Besucherschar vor einem modernen Großformat: Auf Andreas Gurskys Foto eines Madonna-Konzerts (2001) sind Tausende von Zuschauern deutlich erkennbar.
Zu Fuß erreicht man das NRW-Forum. Die Künstlerin Katharina Sieverding ist anwesend, plaudert mit Freunden im Widerschein der eigenen wandhohen Farb-Projektionen. Von Candida Höfer stammt eine Diaschau, deren Titel "Türken in Deutschland" sich nicht auf die aktuelle Sarrazin-Debatte bezieht. Höfers Fotos von türkischen Lebensmittelläden entstanden nämlich schon vor 30 Jahren.
Im vergrößerten K 20 wird es dann etwas übersichtlicher. Dort spazieren die Besucher ein wenig hilflos zwischen den Schlitten und Filzobjekten von Joseph Beuys herum. Vor der Kinder-Badewanne des Künstlers hat sich eine Gruppe von Neugierigen versammelt. Ein Düsseldorfer Galerist erzählt noch mal die Geschichte von den Kunstbanausen einer SPD-Ortsgruppe, die jene Wanne zum Kühlen von Bier missbrauchten. Die Einzelteile der Honigpumpe, die 1977 während der Kasseler "documenta 6" pulsierend in Betrieb war, liegen traurig auf dem sterilen Boden. "Das erinnert ja an ein Fundbüro. Beuys muss man inszenieren", klagt ein älterer Besucher.
Lebendiger geht es im K 21 zu. Neben der Kunst der 80er Jahre stellt sich dort auch die jüngere Generation vor. Claudia Wieser hat eine Wand mit Fotokopien von belgischen Treppenhäusern tapeziert. Irritierend verbindet sie die fotografierte Architektur mit den Treppen und Arkaden des Ständehauses. Zilla Leutenegger hat die Wände des Hauses sogar bemalt. Sie kombiniert ihre einfachen Zeichnungen mit digital bewegten Bildern, die auf die Wand gebeamt werden.
Die beiden Künstlerinnen stehen stellvertretend für eine Generation, die aus dem Erbe des vergangenen Jahrhunderts schöpfen und zugleich den Ballast von Beuys, Paik oder Broodthaers abwerfen muss. Kurz vor Mitternacht versammeln sich die Gäste auf der Piazza des K 21 und ordern Drinks. Wummernde New-Wave-Bässe dröhnen durchs Haus. Man ahnt: Die Kunstmetropole Düsseldorf feiert sich mit der Quadriennale auch selbst. Die Party kann beginnen.
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