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Interview mit René Heinersdorff: „Theater sollte die Seele reinigen“

zuletzt aktualisiert: 14.01.2008 - 09:38

René Heinersdorff, Chef im Theater an der Kö in den Schadow Arkaden, spricht über die Theaterszene in der Stadt, über die Mitbewerber, über den Publikums-Geschmack und über seine eigene Zukunft bis ins Rentenalter.

Theaterchef Heinersdorff zieht es in die Nachbarstadt am Rhein.  Foto: rpo/Birgit Kranzusch
Theaterchef Heinersdorff zieht es in die Nachbarstadt am Rhein. Foto: rpo/Birgit Kranzusch

Wie sieht’s aus in Ihrem Theater, wie läuft’s? Wie war das Jahr 2007?

Heinersdorff Im Moment sehr gut. Es ging aber auch schon schlechter. Wir haben im Schnitt pro Jahr 100000 Besucher.

Ist das viel?

Heinersdorff Auf jeden Fall. Wir liegen manchmal sogar über den Besucherzahlen des Schauspielhauses.

Also sehen Sie andere Häuser nicht als Konkurrenz?

Heinersdorff Nein, nicht wirklich. Wir sind alle Mitbewerber, alle bemühen sich, das Publikum in gute Stücke zu locken. Wer Gutes sieht, geht ins nächste Theater.

Dabei gibt es keine Überschneidungen?

Heinersdorff Nur ganz selten - wie zurzeit: Wir führen seit Donnerstag die „Grönholm-Methode” auf, ein relativ ernstes Stück. Das hatte das Schauspielhaus auf seinem Spielplan stehen, ohne zu wissen, dass wir bereits die Rechte erworben hatten.

Wieso spielen sie ein ernstes Stück am Boulevard-Theater?

Heinersdorff Nicht nur die Geliebte im Schrank im Schrank oder Männer in Frauenkleidern sind lustig. Auch Ernsteres kann sehr unterhaltsam sein.

Erwartet das Ihr Publikum?

Heinersdorff Ich denke schon. Entscheidend ist doch immer, dass sich der Zuschauer entspannt und unterhält, dass er etwas sieht, was er kennt oder nicht kennt, eine Gegenwelt, um sich zu erkennen.

Ist das Ihr Anspruch?

Heinersdorff Ja, ich bin der Meinung, dass ein Theaterbesuch die Seele reinigen sollte. Und das funktioniert mit lustigen wie auch ernsten Geschichten.

Viele Bühnen versuchen diese „Seelen-Reinigung” als Event anzubieten, Musik in der Pause, Wein während der Vorstellung . .

Heinersdorff Empfinde ich als Verbrechen am Theater. Wir sollten einfach Theater spielen, sollten unsere Stärke und unser Selbstbewusstsein nach außen tragen. Dazu gehört für mich auch, dass man nie und nimmer die Zuschauer demütig und devot um Geld und Spenden anbetteln sollte.

Das sagen Sie, der das Theater seit 14 Jahren betreibt und nie einen Cent Subvention bekommen hat?

Heinersdorff Natürlich wäre ein Zuschuss von der Stadt schön - aber so sind wir auch unabhängig.

Wie rechnet sich Ihr Theater? Wie viele Besucher müssen sie rein betriebswirtschaftlich für ein Stück haben?

Heinersdorff Circa 20000. Wir haben 2500 Abonnenten, 8000 Karten pro Stück werden über Theaterorganistationen verkauft. Das reicht also lange nicht.

Dann ist Werbung nötig, Mundpropaganda. Wie funktioniert’s?

Heinersdorff Es gibt überhaupt keine Regeln, keine Berechenbarkeit, ob und wann ein Stück gut läuft. Es kann sein, dass die Presse und ich ein Stück gut finden, es beim Publikum aber durchfällt. Umgekehrt geht es auch: Das Publikum liebt es, die Presse und ich sind nicht ganz so überzeugt. Manchmal bin auch nur ich überzeugt.

Wieviel Stücke spielen Sie im Jahr?

Heinersdorff Fünf Produktionen, wir spielen an rund 300 Tagen. Montags ist spielfrei, da sind die Gastspiele. Ich selbst versuche, ein Stück pro Jahr selbst zu schreiben.

Wie viele Mitarbeiter leben vom Theater an der Kö - neben Ihnen?

Heinersdorff Ich lebe nicht vom Theater, ich ziehe mir dort nicht einen Cent raus. Ich verdiene mein Geld mit Fernsehproduktionen oder mit Inszenierungen an anderen Theatern. Insgesamt aber leben rund 40 Mitarbeiter von unserem Haus. Ich bin bei der Weihnachtsfeier auch immer wieder erstaunt, wie groß die Crew ist.

Sie haben zum Beispiel fast zehn Jahre in der RTL-Komödie „Die Camper” mitgespielt, gibt es neue TV-Pläne?

Heinersdorff Keine konkreten. Ich entwickle zusammen mit Sony- Pictures einige neue Stoffe. Anfang März habe ich nur einen einzigen Fernsehauftritt.

Mit welcher Sendung?

Heinersdorff Im Promi-Dinner bei VOX. Das war sehr witzig. Mit Gülcan Kamps, der Speerwerferin Steffi Nerius und dem Musiker Wolf Maahn.

Haben Sie selbst gekocht?

Heinersdorff Na klar - nachdem mich der Gastronom Franz-Josef Schorn gecoacht hat.

Haben Sie gewonnen?

Heinersdorff Das darf ich natürlich nicht verraten, bevor die Sendung nicht ausgestrahlt worden ist.

Sie haben viele Freunde, viele Bekannte, viele Weggefährten in der Schauspiel-Branche. Mit wem würden Sie gerne mal ein Stück aufführen?

Heinersdorff Wie wäre es mit Dieter Thomas Heck? Hat der nicht gesagt, dass er gerne wieder spielen würde?

Zu ihren Bekannten zählen auch Karsten Speck, Martin Semmelrogge und Willi Thomzyck. Alle drei sind wegen unterschiedlicher Delikte vom Gericht verurteilt, alle drei standen bei Ihnen auf der Bühne. Hat das kein „Geschmäckle”?

Heinersdorff Viele haben sich darüber aufgeregt. Aber warum soll ich einen von ihnen noch weiter bestrafen, indem ich sie nicht engagiere? Im Bundestag sitzen mehr Vorbestrafte.

Sie sind für schräge Einfälle bekannt - haben Sie nicht in Gedanken schon mal ein Theaterstück mit den Dreien verfasst?

Heinersdorff Logisch, es steht schon alles fest in meinem Kopf. Leider auch die Reaktionen der drei - das würden die nie gemeinsam mitmachen.

Sie waren auch in den Schlagzeilen, weil sie unbedingt an Karfreitag Theater spielen wollten, obwohl es an diesem Feiertag verboten ist.

Heinersdorff Zu diesem Thema sage ich jetzt überhaupt nichts mehr. Im vergangenen Jahr hatte ich dagegen die Idee, an Heiligabend für einen guten Zweck zu spielen. Einige Schauspieler wie Hugo Egon Balder hätten mitgemacht, bei anderen hat es nicht geklappt. Vielleicht in diesem Jahr. Vorstellung um 18 Uhr, anschließend ein Glas Wein - vielleicht nicht nur für Singles eine schöne Alternative zum Alleinsein.

Wie sieht das Theater der Zukunft aus - vor allem das Theater an der Kö?

Heinersdorff Wenn wir schon auf unserer Bühne kein Event-Theater machen wollen, so könnte ich mir doch außergewöhnliche Locationen vorstellen - ein Kiosk in Oberkassel oder ein Geschäft, in dem die Zuschauer sitzen. Gespielt wird auf der Straße. Ich denke darüber gerade nach.

Und das Theater an der Kö? Sie sind jetzt 44 Jahre alt, betreiben das Haus seit 14 Jahren. Tun Sie das auch noch, wenn sie 66 sind?

Heinersdorff Das kann ich mir nur schwer vorstellen. Ich muss schon im nächsten Jahr eine Entscheidung treffen, wenn die Mietvertrags-Verlängerung in den Schadow Arkaden ansteht. Noch mal weitere 15 Jahre? Ich weiß es nicht. Aber wer soll es machen, wenn ich es nicht mehr mache?

Anke Kronemeyer führte das Gespräch


 
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