Der älteste aktive Artist der Welt: Thurano feiert 97. Geburtstag
VON FALK JANNING - zuletzt aktualisiert: 05.04.2006 - 14:35Düsseldorf (dto). Der kleine Mann mit dem Hütchen mag es wie kaum ein anderes: Die Zeremonie, wenn er sich langsam mit ausgestreckten Arm nach vorne beugt. Einmal im Jahr machte der älteste aktive Artist der Welt diese graziöse Verbeugung aber nicht, um den tosenden Applaus des Publikums entgegen zu nehmen, sondern um die Geburtstags-Gratulation seiner Fans zu empfangen. Am Dienstag war es wieder so weit: Konrad Thur, von Beruf Artist, mit Künstlernamen Thurano, feierte im Apollo Variete seinen 97. Geburtstag.
Inzwischen ist es Tradition, dass er einmal im Jahr dort an seinem Geburtstag auftritt. Das ist für ihn seit der Wieder-Eröffnung unter der Rheinknie-Brücke sozusagen ein Pflichttermin. Mit dem Haus ist er eng verbunden. 1924 war er erstmals im „alten“ Apollo aufgetreten. Unter den Gratulanten sind seine Freunde, Bekannten, Fans, Urenkel, Enkel und sein Sohn John-John. Die beiden treten seit 1968 gemeinsam als die Thuranos auf.
Gerade mal 1,56 Meter groß, schulterlanges Haar, ein verschmitztes Lächeln: das ist Thurano. Die Bühne, das Scheinwerferlicht, das ist sein Leben. An Ruhestand denkt der gebürtige Düsseldorfer überhaupt nicht. „Ich wollte immer arbeiten, für mich ist der Beruf eine Berufung - wie eine große Liebe. Die Bühne ist meine Heimat“, sagte Thurano. Seine Drahtseilnummer mit komischer Einlage ist inzwischen Legende.
Die Klimmzüge am Seil - jeweils nur mit einem Finger gehalten - für Thur ein Leichtes. Sportlich ist er immer schon gewesen. Schon damals, in seiner Jugend, als die Artisten der Gruppe Pascas ihn entdeckte. Der Weg auf die Bühne fällt dem Mann mit dem faltigen Gesicht heute erkennbar schwer, in kleinen Schritten, mit gebücktem Rücken geht er nach oben, doch sobald ihm der Lichtkegel der Scheinwerfer ins Gesicht leuchtet, fällt das Alter von ihm ab. Die Zuschauer klatschen, er liebt sein Publikum, und das Publikum ihn.
Er streckt die Brust raus, öffnet jugendlich-schwungvoll die Arme, zeigt die Zähne und ruft dem Publikum im Marktschreierton „Hallo, einen schönen guten Abend!“ zu. Die stehenden Ovationen sind eine großartige Anerkennung für Thurano. „Wenn ich aber merke, dass die Leute nur noch aus Mitleid klatschen, trete ich ab", sagt er. „Das Publikum ist mein Tagestraining, das muntert mich auf.“
Der Varieté-Star war 1924 in einem Düsseldorfer Strandbad von der Artistentruppe Pascas entdeckt worden als er am Reck turnte. Es bescheinigte ihm großes Talent. Thurano hatte seine Berufung gefunden. Er absolvierte bei den Pascas seine Lehre, statt die Ausbildung in einem Bankhaus zu beenden. Seitdem führten ihn seine Auftritte in alle großen Showtheater der Welt. Er wechselte 1928 zu den Gebrüdern Lindner, tourt mit ihnen durch Deutschland, reist nach London und Budapest. Während eines Engagements am Zirkus Althoff lernt Konrad seine spätere Frau Henriette Althoff kennen.
Die Thuranos emigrierten 1938 wegen der immer größer werdenden Pressionen gegen das „fahrende Volk“ aus Nazi-Deutschland nach Südafrika. Dort müssen sie gezwungenermaßen auf einer Farm arbeiten und erleben erneut Ressentiments gegenüber Zirkusleuten. Später gründen sie ein Familienvarieté und touren nach 1958 durch die Welt. Er traf als quirlig-biegsamer Tollpatsch bekannte Entertainer wie Charlie Rivel oder Jerry Lewis. In Afrika, Amerika, Japan und Russland sorgte er für Begeisterungsstürme. In Deutschland gastierte er besonders gerne im Berlin der Nachkriegsjahre.
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