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Sorge um schwächere Schüler und Unterrichtsqualität: "Turbo-Abi": Lehrer sind skeptisch

VON MAIKE SCHULTE - zuletzt aktualisiert: 09.03.2004 - 16:51
Düsseldorf (dto). Künftig sollen die Schüler in NRW das Abi schon nach zwölf Jahren in der Tasche haben. Damit der Unterrichtsstoff trotz der kürzeren Zeit in den Köpfen haften bleibt, sollen Lehrpläne entrümpelt und der Unterricht ab 2005 in den Klassen fünf bis zehn ausgeweitet werden. Das verkündeten Ministerpräsident Peer Steinbrück und Schulministerin Ute Schäfer am Dienstag auf einer gemeinsamen Pressekonferenz. Düsseldorfer Schulleiter reagierten mit einiger Skepsis auf die Pläne des Schulministeriums.

Übereinstimmend positiv bewertet wurde die geplante Entrümpelung der Lehrpläne. Und auch darin, dass es in der Schulzeit einigen unnötigen Leerlauf gibt, waren sich die befragten Lehrer weitgehend einig. "In der 13. Klasse endet der Unterricht beispielsweise bereits im April, dann folgen nur noch die Abiturvorbereitungen", erläutert Renate Glenz, Direktorin des Goethe-Gymnasiums und stellvertretende Vorsitzende im Vorstand der Rheinischen Direktorenvereinigung. "Und in die 11. Klasse fallen sowieso oft Auslandsaufenthalte", meint Gunter Stauf, Schulleiter des Georg-Büchner-Aufbau-Gymnasiums.

Chancen bietet das Schnell-Abitur nach Pädagogen-Ansicht hauptsächlich für leistungsstarke Schüler – ein Vorteil, den auch Ministerpräsident Peer Steinbrück bei der Vorstellung des Projekts unterstrich. "Für die meisten Schüler ist das Abitur in zwölf Jahren wohl kein Problem", meint Renate Glenz. "Für normale Schüler zu schaffen", lautet auch der Kommentar von Gunter Stauf, der als einziger der fünf Befragten von einer eindeutig "positiven Entwicklung" spricht.

Nachteile sieht die Mehrzahl der Befragten beim "Turbo-Abi" jedoch für schwächere Schüler. Dabei waren es gerade die, die Ministerin Schäfer durch die Ausweitung des SEK I-Unterrichts fördern wollte. Hans-Hermann Schrader, Direktor vom Geschwister-Scholl-Gymnasium, glaubt nicht, dass jeder Schüler das Abi nach 12 Jahren schaffen könne und spricht bei der Reform von einer "Mogelpackung", die an der "Basis skeptisch gesehen wird". Auch Renate Glenz vom Goethe-Gymnasium sieht Probleme für "schwache Schüler und Realschüler, die ins Gymnasium wechseln".

Vor allem bezweifeln die Pädagogen, dass der Mehrunterricht in der Sekundarstufe I ohne zusätzliche Lehrer zu gewährleisten ist, wie dies Ministerin Schäfer unter Hinweis auf sinkende Schülerzahlen behauptet hat. Um die Qualität des Unterrichts zu erhalten, sei es unerlässlich, die Hauptfächer in der Sekundarstufe I vier statt bislang drei Stunden in der Woche zu unterrichten. Auch müsse der Fachunterricht ausgeweitet werden, meint Konrad Großmann, Sprecher der Düsseldorfer Gymnasien und Lehrer am Rückert-Gymnasium. Dies sei aber ohne Neueinstellungen kaum machbar. "Die Situation in Düsseldorf ist nämlich eine andere als in NRW, die Schülerzahl wird hier bis 2005 nicht abnehmen, bis 2012 ist sogar mit einem Anstieg zu rechnen", erklärt Großmann.

Auch die Pensionierungswelle sei nicht zu vernachlässigen, ergänzt Hans-Hermann Schrader, Direktor vom Geschwister-Scholl-Gymnasium. In seiner Schule liegt das Durchschnittsalter der Lehrer jetzt schon bei 52,6 Jahren. "Ohne Neueinstellungen kann man da kaum auskommen", meint er.

Renate Glenz sieht außerdem didaktische Probleme am Lehrer-Horizont. Es müsse genau überlegt werden, wie der Unterrichtsstoff aus der verkürzten Oberstufe nun in der Sekundarstufe I zu vermitteln sei. Hans-Hermann Schrader vom Geschwister-Scholl-Gymnasium, zeigt sich skeptisch: "Nicht jeder Unterrichtsstoff ist in jeder Altersstufe vermittelbar. Bei manchen komplexen Lehrinhalten der Oberstufe kommt man ohne Vereinfachungen dann nicht aus."

Hektischer Aktionismus befürchtet

Und auch vor einem Organisationschaos aufgrund vorschnellen Handelns gruselt es die Schulleiter. Renate Glenz vom Goethe-Gymnasium gibt zu bedenken: "Es finden zurzeit viele Neuerungen auf einmal statt. So sollen beispielsweise auch Prüfungen nach der 10. Klasse eingeführt werden. Da sind klare Vorgaben von Seiten des Schulministeriums sehr wichtig, um Unruhe zu verhindern." Siegrid Belzer, Leiterin des Schloss-Gymnasiums in Benrath, weist auf das Negativ-Vorbild Bayern hin, wo Schulbücher und Lehrplan der Schulpraxis hinterherhinkten. "Andere Reformen wie eine bessere Lehrerausbildung in NRW, mehr Lehrer und kleinere Klasse halte ich außerdem für dringlicher", ergänzt sie.

Einige Hintertürchen haben die Minister für skeptische Pädagogen aber aufgehalten. Vornehmlich an Berufskollegs soll die dreijährige gymnasiale Oberstufe beibehalten werden. "Wir wollen es den Kommunen auch ermöglichen, an Gesamtschulen und einzelnen Gymnasien ein optionales Förderjahr anzubieten. Dadurch bieten sich insbesondere für Haupt- und Realschüler Möglichkeiten, das Abitur zu machen", so Ministerin Schäfer.

Und Konrad Großmann, Sprecher der Düsseldorfer Gymnasien, zäumt das Pferd gleich ganz von hinten auf. Er plädiert für eine frühere Einschulung, statt am Ende der Schulzeit den Rotstift anzusetzen.


 
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