Viel Applaus: Uraufführung: Igor Bauersimas "69" beleuchtet Kannibalismus
zuletzt aktualisiert: 09.11.2003 - 16:21Düsseldorf (dto). Igor Bauersima greift in seinem neuen Stück "69" einen Fall von Kannibalismus auf, der kürzlich der Boulevardpresse Schlagzeilen lieferte. In einem raffiniert gebauten Dreiakter sucht der junge Dramatiker aus der Schweiz nach einer Begründung jenseits vorschneller Verurteilung. Das Publikum im Kleinen Haus des Düsseldorfer Schauspiels honorierte am Samstagabend die Uraufführung, die der Autor selbst inszenierte, mit einhelligem, lang anhaltendem Beifall.
Im ersten Akt verhört ein Mann eine Frau, der er vorwirft, sie habe Menschenfleisch gegessen und ihr Opfer ermordet. Die Frau verteidigt sich, alles sei im wechselseitigen Einvernehmen geschehen - eine freie Entscheidung, der Staat habe sich nicht einzumischen. Im zweiten Akt nimmt die Frau im Internet Kontakt mit einem Mann auf, der lebensmüde scheint und verzehrt werden möchte. Der dritte Akt zeigt das Zusammentreffen der beiden. Doch statt des Todes und dem anstößigen Verzehr gibt es eine überraschende Wendung: der Mann erweist sich als Polizist, nimmt die Frau fest - und erdrosselt sie.
Bauersima inszeniert "69" in insgesamt drei Varianten, auf das am Samstag uraufgeführte "Das Schlechte" folgen "Das Gericht" (15. November) und "Das Gute" (22. November) - sie umkreisen das gleiche Thema, aber die Akte werden in anderer Reihenfolge gezeigt. Jede Variante soll ihr eigenes Ende haben. Zuschauer, die sich mit dem Thema in der Ausführlichkeit auseinander setzen wollen, wie sie Bauersima vorschlägt, brauchen also nicht nur einen, sondern drei Theaterabende.
Das Stück gleicht einem Versuchsaufbau: Untersucht wird jenseits aller Abscheu, was Menschen dazu bringt, sich umbringen zu lassen und zu wünschen, verzehrt zu werden - und umgekehrt, jemanden umzubringen und zu essen. Bauersima gibt keinen Erklärungsansatz vor, ihm scheint intensive Reflexion geboten. Er legt nahe, dass in diesem Fall von Kannibalismus anthropologische Grundmuster aufscheinen: "fressen und gefressen werden", wie es im Stück heißt.
Das Bühnenbild mit dunklen Räumen, von Bauersima selbst entworfen, unterstützt den Eindruck, in bislang unerforschtes Terrain vorzudringen. Videoprojektionen und Laserstrahlen malen rätselhafte Muster auf fast durchsichtige Gazevorhänge, die Schauspieler können im Finstern unvermutet verschwinden und überraschend wieder auftauchen.
Für die beiden Darsteller, Michael Abendroth und Birgit Stöger, hat Bauersima ebenso reiz- wie anspruchsvolle Rollen geschrieben, allerdings sind sie allzu stark aufs Wort gestellt - über weite Strecken ist der Dialog ein philosophischer Diskurs. Wenn es den Schauspielern auch nicht gelingt, die Trockenheit der Erörterungen aufzuheben, so heben sie doch die Probleme kristallklar heraus. (Internet: http://www.duesseldorfer-schauspielhaus.de)
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