Düsseldorfer als Arzt in Afrika: Wartezimmer unter freiem Himmel
VON JUTTA LAEGE - zuletzt aktualisiert: 31.12.2009 - 10:14Düsseldorf (RPO). Dietmar Betz war 2009 erstmals als Arzt in Afrika. In Ghana half der Urologe vor allem älteren Männern und jungen Frauen und ist froh über diese Erfahrung. "Die Leute sind so unglaublich dankbar." Er will auch 2010 weiter helfen.
Dietmar Betz macht sich über seinen Stellenwert im Berufsalltag in Deutschland keine Illusionen. "Wenn ich den Job hier nicht machen würde, würde ihn jemand anders machen." Betz lebt seit 20 Jahren in Düsseldorf und führt als Urologe eine Praxis im benachbarten Ratingen. Doch eigentlich war er einmal für etwas anderes angetreten. "Ich wollte ein Handwerk lernen, das man überall in der Welt anwenden kann."
Als er vor zwei Jahren von den "Ärzten für Afrika" hörte, war dieser alte Wunsch aus Studentenzeiten plötzlich wieder ganz präsent. Und Betz zögerte nicht, als die noch recht junge Ärzteorganisation ihn bat, nach Ghana zu fliegen, um dort in einem Krankenhaus zu operieren. Dass ausgerechnet Urologen dort so dringend gebraucht werden, resultiert aus einem tragischen Umstand. "Im Krankenhaus von Accra, der ghanaischen Hauptstadt, gab es vier Urologen, die sich um die Patienten in der ländlichen Region kümmerten", berichtet Betz. "Alle vier kamen 2007 bei einem nächtlichen Einsatz ums Leben. Sie sind mit ihrem Auto verunglückt."
Im Herbst 2009 machte sich der Mediziner auf den Weg in das Krankenhaus von Akwatia, rund 100 Kilometer nördlich von Accra entfernt. Das Haus wird von Dominikanerinnen aus Speyer betrieben. Die Ordensschwestern waren heilfroh, endlich Hilfe zu bekommen, um die vielen Patienten versorgen zu können. "Am ersten Tag haben wir die Patienten gesichtet und untersucht", erzählt Betz. Und dann ging es nach dem immer gleichen Schema: morgens Operationen, mittags Untersuchungen der neuen Patienten, abends Visite bei den Operierten.
In 17 Tagen befreite der Urologe gemeinsam mit dem einheimischen Operationsteam 160 Patienten von ihren Qualen. Und die waren teilweise jenseits westlichen Vorstellungsvermögens. "Da gab es ältere Herren, die zum Teil seit zehn Jahren mit einem Katheter herumlaufen mussten", erinnert sich Betz.
Der schlimmste Fall: Ein Mann, dessen Katheter nicht mehr richtig hielt. "Wenn er herausfiel, fiel er in den Sand, und er hat ihn sich einfach wieder selbst reingestopft!"
Neben älteren Männern – der älteste war 107 und ist nach der Prostata-Operation wieder wohlauf – kamen vor allem junge Frauen zur Behandlung. Betz: "Sie hatten schwere Geburtsverletzungen, die dazu führten, dass sie völlig unkontrolliert einnässten." Diese Inkontinenz machte sie zu sozial geächteten Frauen.
Die Operationen, die Betz im Akkord meisterte, waren teilweise sehr komplex. Umso mehr wundert sich der Mediziner: "Es ist doch erstaunlich, mit wie wenig Material man auskommt." Die feuchte Hitze von durchschnittlich 40 Grad ertrug er stoisch, immer vor Augen, "wie gut wir in Deutschland doch mit allem versorgt sind".
Der Einsatz hat ihn angespornt. "Sie kommen auf den Boden der Tatsachen zurück, und die Leute sind so unglaublich dankbar. Das ist ein schönes Gefühl." Im nächsten Herbst will Betz auf jeden Fall wieder nach Ghana fliegen. An Patienten wird es dort dann nicht mangeln.
Die Ordensschwestern machen schon Werbung für ihn. Eine von ihnen hat er auch operieren müssen. Sie schickt ihm immer noch Dankes-Schreiben per E-Mail. "God bless you for your hands" steht da zum Beispiel und Betz ist ganz gerührt: "Das ist es, was ich meine. Das macht Gänsehaut."
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