Die meisten behalten ihren Führerschein: Wenige Senioren steigen auf Bahn um
VON FRANK VOLLMER - zuletzt aktualisiert: 30.07.2008Düsseldorf (RPO). Gudrun Jurgrau (83) aus Rath hat ihr Auto verschenkt und lernt jetzt das Bahnfahren. Den Führerschein aber behält sie und liegt damit ganz im Düsseldorfer Trend. Die Alten und ihr Führerschein – manchmal ein heikles Thema.
Gudrun Jurgrau ist umgestiegen. Die Entscheidung sei nicht leicht gewesen, nach 54 Jahren das Auto abzugeben und stattdessen Straßenbahn und Bus zu fahren, sagt die 83-jährige Ratherin. Im Januar schenkte sie spontan ihren Lupo dem Bruder in Geilenkirchen: „Der hat ihn nötiger als ich.“ Seitdem entdeckt Jurgrau Düsseldorf neu.
„Ich war immer begeisterte Autofahrerin“, sagt die alte Dame von sich, „ich war mit dem Auto sozusagen verwandt.“ Deswegen habe sie den Beschluss zuerst bereut. Kein Wunder bei ihrer Biografie: Gudrun Jurgrau war stets eine zupackende Frau – als Krankenschwester, im Düsseldorfer Sozialamt, als Gemeindeschwester in Eller, beim Obdachlosen-Projekt Fifty-fifty.
Ganz ausgestiegen ist sie deswegen auch nicht – ihren Führerschein behält sie: „Ich hänge dran. So kann ich mir immer noch einen Mietwagen nehmen.“ Für die Fahrt in die Stadt aber steigt Gudrun Jurgrau immer öfter in die Rheinbahn-Züge, auch wenn es eine Wissenschaft für sich ist, Umsteigemöglichkeiten und Fahrpläne halbwegs im Kopf zu haben. Dank Bus und Bahn lernt sie nicht nur das Liniennetz kennen. „Ich sehe jetzt Menschen beim Fahren“, sagt sie. Und berichtet von vielen hilfsbereiten Mitfahrern, vor allem jungen Leuten, die ungefragt den Platz räumten, wenn sie zusteige.
Bis ins hohe Alter aktiv zu sein und Auto zu fahren, ist für viele Senioren selbstverständlich. Kaum einer gibt den Führerschein freiwillig zurück. 2007 habe man 41 Rückgaben gezählt, sagt Rathaussprecher Michael Buch, etwa die Hälfte aus Altersgründen. Verschwindend wenig – immerhin sind fast 115 000 Düsseldorfer über 65. Insofern ist Gudrun Jurgrau ein typischer Fall, weil sie ihren Führerschein behalten hat. Aber viele überschätzten ihre Fähigkeiten, meint sie.
Senioren und der Führerschein: Das ist ein heikles Thema, politisch wie psychologisch. Längst nicht alle sind bereit, auf öffentlichen Nahverkehr umzusteigen. Oft schwängen Ängste und Peinlichkeiten mit, sagt Simon Höhner, Geschäftsführer der Verkehrswacht: „Wichtig ist aber, dass sich Senioren eingestehen, wenn sie an Grenzen stoßen.“
Der Grat zwischen willkommener Hilfe und der Angst vor Bevormundung ist schmal. „Einschränkung von außen lehnen wir ab“, sagt der Vorsitzende des Seniorenbeirats, Hans Vonderhagen. Er kenne viele, die mit Mitte achtzig noch hervorragend Auto führen. Freiwillige Tests seien aber sinnvoll.
Dass mancher Senior besser sofort den Führerschein abgebe, ist freilich aus den Reihen des Beirats auch zu hören, verbunden mit dem Bedauern, es gebe dazu keine einheitliche Meinung. Schließlich seien die Alten auch Wähler – und durch Vorstöße in Sachen Führerschein schnell zu verschrecken.
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