Berlin ehrt Immendorff: Werke in knallroter Rauminstallation
zuletzt aktualisiert: 22.09.2005 - 15:31Düsseldorf (dto). Künstler Jörg Immendorff wird zu seinem 60. Geburtstag mit einer ungewöhnlichen Ausstellung in einer knallroten Rauminstallation geehrt. In der Berliner Neue Nationalgalerie ist von Freitag bis Ende Januar die Ausstellung "Male Lago - Unsichtbarer Beitrag" zu sehen, mit über 140 Werken des an der unheilbaren Nervenkrankheit ALS leidenden Malers.
Er ist ein Maler, der nicht mehr malen kann. Seine Hände sind zu schwach, Pinsel zu halten, geschweige denn, mit ihnen zu zeichnen. Deswegen führen seine Mitarbeiter die Ideen aus. Leicht haben sie es dabei aber nicht: "Ich akzeptiere keine persönliche Handschrift", sagt Jörg Immendorff, der an der unheilbaren Nervenkrankheit ALS leidet. Und wenn ein Werk dann doch zu persönlich geworden ist und ihm nicht gefällt, zerstört er es einfach.
"Ich bin in der Rolle eines Komponisten, schaffe die Noten, erzeuge aber nicht die Melodie", erklärt der 60-Jährige, der mittlerweile an den Rollstuhl gefesselt ist. Diese solcher Art erzielten Ergebnisse, aber auch eigens geschaffene Werke aus den letzten vier Jahrzehnten werden ab Freitag in Berlin gezeigt.
Das Besondere: Präsentiert werden sie in sechs von Immendorff selbst kreierten knallroten Pavillons, die auch bestiegen werden können. Verbunden sind diese kubenförmigen Kunstkammern durch rote Wege, die sich wie Arterien durch die obere Halle schlängeln. An ihren Rändern wachen Affenskulpturen. Die meisten anderen Werke sind jedoch in den Kunstkammern ausgestellt.
Gleich am Eingang der Rauminstallation erschreckt ein Schild: "Das Bild muss die Funktion der Kartoffel übernehmen", heißt es da. Erläuterungen gibt es nicht. Sie müssen selbst gefunden werden. Es sei ähnlich wie mit dem Bild hinter dem Bild, versucht Immendorff zu erklären. Das lauere "überall und sagt etwas aus." Das zu dechiffrieren, sei die Aufgabe des Betrachters, daher auch der Titel der Ausstellung.
Immendorff mag Senfsoße mit Ei nicht
So gibt es beispielsweise den Bereich "Suppengrund". Zu diesem Titel kam es folgender Maßen: Deftige Suppen habe er nie gerne gemocht, erzählt Immendorff, der einst bei Joseph Beuys lernte. Sein Großvater habe ihn jedoch immer gezwungen, Senfsoße mit Ei aufzuessen. Seine Rettung: Beim Löffeln konzentrierte er sich auf das reich bebilderte Geschirr, versuchte so auf den Suppengrund zu gelangen. Doch immer, wenn er einen Löffel genommen hatte, lief die Suppe wieder zurück auf den Grund. "Die Bilder, die Eindrücke liefen wieder zu." Genauso sei es mit der Kunstrezeption: Immer wieder müsse aufs Neue das Geheimnis von Kunstwerken gelüftet werden, "ohne es jemals komplett enttarnen" zu können.
Das ist in den Kunstkammern nachzuvollziehen. Da wird in einem Haus an sein "Lidl"-Projekt aus den 60er und 70er Jahren erinnert. Lidl bezeichnete damals keinen Supermarkt, sondern war ein Nonsens-Wort, mit dem der geistige Widerstand gegen die "geistlose Politik Deutschlands" beschrieben werden sollte. In einem anderen Haus sind seine farbigen, plakativen und agitpropartigen Malereien zu sehen. In wieder einem anderen eine Auswahl aus der Serie "Café Deutschland".
Diese Bilder zeigen düstere Welten und kommentieren die politische Lage. Die jüngsten Arbeiten dagegen verzichten auf einen konkreten Realitätsbezug. Die Idee zur Ausstellungsgestaltung ist auch auf einen Western zurückzuführen: In diesem kommt Clint Eastwood in eine amerikanische Kleinstadt, um einen Mord zu rächen und zwingt die Bewohner, ihre gesamte Stadt rot anzustreichen.
Der heute in Düsseldorf lebende Immendorff ist noch immer ein politischer Künstler. Mit Kanzler Gerhard Schröder ist er befreundet. Froh ist er, dass die Ausstellung nicht, wie ursprünglich geplant, erst 2010, sondern bereits in diesem Jahr stattfinden kann. So habe er noch genügend Kraft gehabt, an der Gestaltung mitzuwirken. Die Nervenkrankheit Amyothrophe Lateralsklerose, an der auch der Physiker Steven Hawking leidet, führt zur kompletten Lähmung.
Die Ausstellung läuft bis zum 22. Januar. Der 900-seitige Katalog ist im Museum für 40 Euro zu haben.
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