Hoffnung für Querschnittsgelähmte: Wie man die Evolution überlistet
VON DIRKE KÖPP - zuletzt aktualisiert: 19.12.2007 - 08:38Düsseldorf (RPO). Der Neurobiologe Hans Werner Müller von der Heinrich-Heine-Universität und sein Team forschen daran, wie man durchtrennte Fasern des Zentralen Nervensystems dazu bringen kann, neu auszuwachsen. Gelingt das, gibt es für Querschnittsgelähmte Hoffnung, wieder laufen zu können.
Am liebsten würde Hans Werner Müller die Erfolge kleinreden. Und doch ist der Professor für Molekulare Neurobiologie einem Medikament dicht auf der Spur, das Verletzungen des Rückenmarks heilen könnte. Er selbst würde das wegen seiner vorsichtig-bescheidenen Art so wohl nicht sagen, doch die Ergebnisse seiner Forschung an der Heinrich-Heine-Universität lassen hoffen: Es geht darum, die Neuronen (Nervenzellen) des Zentralen Nervensystems (ZNS) dazu zu bringen, sich zu regenerieren - und eben dies ist Müller und seinem Team im Tierversuch bereits gelungen: Bei den Ratten wuchsen durchtrennte Nervenfasern im Rückenmark wieder nach.
„Neuronen im peripheren Nervensystem können sich im Gegensatz zu denen des Zentralen Nervensystems neu bilden“, erläutert Hans Werner Müller. „Wenn etwa eine verletzte Fingerkuppe taub ist, kommt das Gefühl mit der Regeneration der Neuronen zurück.“ Der Grund dafür, dass durchtrennte Nervenfasern des Hirn- und Rückenmarks (die das ZNS bilden) nicht wieder neu auswachsen, liegt wohl in der Evolution: Tiere, die ihre Beine nach einer schweren Verletzung nicht mehr bewegen konnten, wurden gefressen. Andere, die auf drei Beinen weiterhinken oder mit nur einem Arm Futter suchen konnten, überlebten - und so sorgte die Natur dafür, dass diese Nerven sich erholen. Die empfindlichen Nervenbahnen des ZNS hingegen schützte sie mit den massivsten Knochen des Körpers: dem Schädel und den Rückenwirbeln.
Seit den 90ern arbeiten Forscher daran, der Evolution ein Schnippchen zu schlagen und auch die Nerven des ZNS dazu zu bringen, nach Verletzungen wieder auszuwachsen. Es ist der alte Traum davon, Gelähmte wieder zum Gehen zu bringen oder ihnen ein selbstbestimmteres Leben zu ermöglichen. Der Ansatz von Neurobiologie-Professor Hans Werner Müller und seinem Team ist, die Narbenbildung nach einer Verletzung der Nerven des ZNS zu verzögern. Denn eine wesentliche Ursache dafür, dass nach Rückenmarksverletzungen zum Beispiel Querschnittslähmung auftritt, sind diese Narben: Sie enthalten ein Kollagen-Gerüst und Hemmstoffe, die das Wachstum der durchtrennten Nervenzellen verhindern. Doch geht es nur darum, ein Zeitfenster zu öffnen, in dem sich die Nervenzellen regenerieren - nicht darum, die Narbenbildung zu verhindern.
Kürzlich hatten die Forscher Grund zum Feiern: Denn sie wollen nicht nur die Wachstumsbarriere durch die Narbe verzögern, sondern das Zellwachstum zusätzlich mit einem Aktivator beschleunigen. „Vor wenigen Wochen haben wir im Versuch gesehen, dass frisch verletzte Fasern des ZNS mit dem Aktivator massiv auswachsen“, so Müller. Da das Kollagen-Gerüst aber die Regeneration hemmte, konnten sie nicht vollständig regenerieren. „Nun müssen wir beides kombinieren.“ Die zweite gute Nachricht ist: Der Aktivator wirkt auch bei schweren Verletzungen des peripheren Nervensystems und lässt auch diese Zellen schneller wachsen.
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