Schock nach Hermes-Insolvenz: Wie viele Pleiten drohen?
VON UWE REIMANN, SEMIHA ÜNLÜ UND FRANK VOLLMER - zuletzt aktualisiert: 01.08.2008Düsseldorf (RPO). Die Zahlungsunfähigkeit der Papierfabrik Hermes mit 100 Mitarbeitern hat es offenkundig werden lassen: Viele Unternehmen leiden unter den enorm gestiegenen Energiekosten. Die RP hat in Branchen und Firmen nachgefragt.
Wenige wissen besser, wie sehr Düsseldorfer Unternehmen die steigenden Energiekosten drücken, als derjenige, der sie liefert. „Wir haben einige Firmen, mit denen wir zu dem Thema in Verhandlungen sind“, sagt Stadtwerke-Sprecher Juan Cava Marin. Monate, mitunter Jahre liefen solche Gespräche bereits: „Wir suchen Lösungen technischer oder vertraglicher Art.“ Den Kostendruck spüren vor allem die produzierenden und gewerblichen Firmen.
Besonders energieintensiv ist die Papierindustrie. Das wurde der Firma Hermes im Hafen zum Verhängnis. Bei Julius Schulte Söhne in Bilk schaut man indes ohne Schadenfreude auf den in Not geratenen Konkurrenten: „Auch uns drücken die Preise massiv“, sagt Geschäftsführer Roland Knapp. Inzwischen machten die Energiekosten fast ein Fünftel des Umsatzes aus – in fünf Jahren habe sich dieser Anteil mehr als verdoppelt. Die Papierindustrie befürchte ein „Standortsterben“.
Auch der Stahlkonzern Vallourec & Mannesmann in Rath spürt die Kosten. Da das Werk seit 2004 aufgrund der guten Konjunktur im Stahlbereich auf Hochtouren fährt, ist auch der Energieverbrauch entsprechend. „Die Energiekosten sind natürlich ein wichtiger Teil“, sagte Wolfgang Freitag, Leiter Financial Services.
„Wir stellen alle Kosten auf den Prüfstand“, sagt Heinz-Josef Winkler, Obermeister der Kfz-Innung. So sei zu überlegen, in den Werkstätten mehr Bewegungsmelder zu installieren, damit nicht immer Licht brenne. Klagen höre er aus vielen der rund 200 Innungsbetriebe.
Die Strompreise sind für die Werkstätten aber beinahe schon das kleinere Übel gegenüber den kräftig gestiegenen Kosten für Treibstoff – fast alle Häuser haben einen Fuhrpark, um Kunden Ersatzfahrzeuge stellen zu können, und die meisten berechnen dafür den Kraftstoff nicht extra.
Obermeister Winkler rechnet allein für seinen Betrieb, Winkler & Fries am Flinger Broich, mit Diesel-Mehrkosten von rund 5000 Euro pro Monat. Seine Werkstatt ist Partner des ADAC für den Abschleppdienst in Düsseldorf, besonders schmerzhaft schlagen daher die hohen Spritpreise durch. Mit dem ADAC verhandle man derzeit über günstigere Vertragsbedingungen, sagt Winkler – um zumindest einen Teil der Ausgaben wieder hereinzubekommen. Und für einen Transport-Großauftrag im Herbst kalkuliere er mit einem Dieselpreis von zwei Euro, um überhaupt Rendite zu erzielen.
In der Backstube von Georg Kretzschmar steigen die Temperaturen deutlich an – und das liegt nicht nur am eifrigen Backen. Die Energiekosten machen Kretzschmar zu schaffen. „Wir zahlen im Vergleich zum Vorjahr 800 bis 1000 Euro mehr für den Strom“, klagt der Inhaber der Bäckerei Hercules. Vorerst will er eine abwarten, vor allem die Getreideernte und die Preisentwicklung danach. Doch langfristig, gesteht er ein, müsse er die Zusatzkosten an seine Kunden weitergeben: „Ich rechne mit vier bis acht Prozent Preissteigerung.“
Seine zusätzlichen Kosten beziffert der amtierende Karnevalsprinz und Altstadt-Bäcker Josef Hinkel auf 25 Prozent. „Die muss ich mir über den Verkauf zurückholen“, sagt er. Preissteigerung bei Brot und Brötchen schließt er dennoch vorerst aus. „Wenn ich schon 90 Cent nur für die Zutaten von Nussteilchen bezahlen muss, kann ich sie natürlich nicht mehr für 1,20 Euro verkaufen“, erklärt er.
Überstürzt werde er die Preise jedoch nicht erhöhen. Wer jetzt hastig Preise anhebe, habe das Problem Energiekosten ohnehin zu spät erkannt. Hinkel stellt nun alle seine Ausgaben auf den Prüftstand: „Es geht nicht nur um Strom, auch Mehl und andere Zutaten sind deutlich teurer geworden.“
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