Von Unbekanntem niedergeschlagen: Wieder ein Überfall auf Lehrer
VON STEFANI GEILHAUSEN UND SABINE JANSSEN - zuletzt aktualisiert: 09.11.2006 - 16:12Düsseldorf (RPO). Berufsschullehrer Manfred B. liegt im Krankenhaus. Ein Unbekannter hat ihn im Unterricht niedergeschlagen. An Hauptschulen und Berufskollegs werden Lehrer immer wieder Opfer von Gewalttaten, sagen Experten. Denn dort treffen sie am häufigsten auf frustrierte Schüler ohne Chancen.
Heinrich-Hertz-Berufskolleg, 9.30 Uhr: Mathematiklehrer Manfred B. schließt das Klassenzimmer auf, lässt die 22 jungen Männer, die er auf die Fachoberschulreife vorbereiten soll, in den Raum. Gerade will er mit dem Unterricht beginnen, da wird die Tür aufgerissen. Ein junger Mann, die Wollmütze tief ins Gesicht gezogen, stürmt auf den Lehrer zu, schlägt ihn mit einem Knüppel nieder. Dann tritt er ihn, schlägt mit Fäusten auf ihn ein - und verschwindet. Manfred B. (45) muss mit einer schweren Gehirnerschütterung ins Krankenhaus gebracht werden. Ein tragischer Einzelfall? Oder - nach Meißen, nach Erfurt, nach Rütli - eine Gewalttat an Schulen mehr? „Es gibt ganz viele brenzlige Situationen“, sagt Norbert Müller, stellvertretender Landesvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). „Wenn so etwas explodiert, dann muss es - und das sagt einem der gesunde Menschenverstand - Konflikte geben“, sagt Müller.
Am Mittwoch, einen Tag nach dem Angriff auf Manfred B., ist auf dem Schulhof von Konflikten wenig zu spüren. Den Überfall haben aber viele miterlebt. Die jugendlichen Augenzeugen berichten willig: Der Täter sei etwa 20 Jahre, 1,70 Meter groß und - nein, ein Mitschüler sei er nicht. Einer will gesehen haben, dass der Angreifer eine Waffe hatte, deren Abzug klemmte. Er war zwar am Dienstag nicht da. Aber mitreden will er schon. „Die Klasse war sehr mitgenommen“, berichtet unterdessen Schulleiter Lothar Juppen. Stellvertreter Karl-Will Güthoff hat in 30 Jahren an der auf Elektro- und Chemietechnik spezialisierten Berufsschule „noch nie so etwas erlebt“. Schülerstreiche? Ja, die gebe es ! Aber Gewalttaten? Noch nie! Am Dienstagmorgen soll bei Schulbeginn ein fremder junger Mann auf dem Schulhof gewesen sein. Zwei Stunden lang sei er dort auf und ab gegangen. Zur dritten Unterrichtsstunde war er weg, heißt es. Der Angreifer? Die Polizei sucht nach ihm.
Die Beamten jedenfalls sind nicht zum ersten Mal am Berufskolleg. Erst vor zwei Wochen hatten die Lehrer um Hilfe gebeten. „Eine junge Frau weigerte sich, das Gebäude zu verlassen“, bestätigt die Polizei. Eine Stripperin soll es gewesen sein, so munkelt man. Engagiert von Schülern. Kurz zuvor war eine Streife vorgefahren, um eine Prügelei zwischen zwei Schülern zu schlichten.
Wo die Probleme der Schüler geballt auftreten, scheint auch am häufigsten Gewalt ins Spiel zu kommen. „Wenn es im Regierungsbezirk zu Vorfällen kommt, dann sind in erster Linie Hauptschulen und Berufskollegs betroffen“, bestätigt Bernhard Hamacher von der Bezirksregierung, die als Aufsichtsbehörde für das Heinrich-Hertz-Kolleg zuständig ist. „Die Kolleg-Schüler sind älter, trauen sich mehr. Bei vielen haben wir es mit einer problematischen Klientel zu tun.“
Heinz Gottmann vom Verband der Lehrer an Berufskollegs (VLBS) weiß um diese „Klientel“: „Wirtschaftliche und familiäre Probleme, Migrationshintergrund. Da gibt es Schüler, die stehen vor absoluter Perspektivlosigkeit“, sagt der Schulleiter aus Rheda-Wiedenbrück. „Nach der Hauptschule werden viele in die Arbeitslosigkeit entlassen“, erklärt GEW-Mann Müller. Sie drehen dann noch eine Warteschleife auf den Berufskollegs. Dann ist Hartz IV programmiert.“
Der Fehler liege im System, das nur Symptome kuriere. „60000 Jugendliche haben keine Lehrstelle. Inzwischen sind noch 10000 nicht versorgt. Der Rest ist in Maßnahmen - auch an Berufskollegs - untergekommen. Aber eine Perspektive haben sie nicht.“ Und das Aggressionspotenzial werde größer, prognostiziert Müller. Denn mit den Studiengebühren an den Universitäten würden noch mehr Abiturienten auf den Ausbildungsmarkt drängen. Schlechte Aussichten also für Hauptschüler.
Manfred B. mag sich über seine Zukunft derzeit keine Gedanken machen. Er liegt noch im Krankenhaus. An den Angriff kann er sich nicht erinnern. „Der Dienstagmorgen ist wie ausradiert“, sagt er. Auch wenn er keine Ahnung hat, wer ihn angegriffen hat: „Ich habe nie ausgeschlossen, dass bei uns einmal so etwas geschieht. Auch unsere Schule ist ein Spiegel der Gesellschaft.“ Schulleitung und Kollegen haben B. schon besucht, Blumen und Genesungswünsche geschickt. Von seinen Schülern hat er nichts gehört.
Manfred B. ist gerne Lehrer. Er will „so schnell es geht zurück in die Schule, in meinen Alltag“. Ob er in Zukunft Angst haben wird, wenn die Tür aufgeht? - „Das weiß ich nicht.“
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