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Düsseldorfer Kunstszene: Wilde Zeiten

VON DOROTHEE ACHENBACH - zuletzt aktualisiert: 23.08.2006 - 13:54

Düsseldorf (RP). Paris am Rhein. Das ist ein Kompliment, das sich die Landeshauptstadt vor allem in bezug auf ihre Kompetenz in Sachen Mode gern gefallen lässt. Doch entstanden ist der Vergleich in den 60er Jahren, als sich die hiesige Kunstszene mit der führenden europäischen Kunsthauptstadt Paris vergleichen ließ.

Bisher unveröffentlichte  Foto: Werner Gabriel
Bisher unveröffentlichte Foto: Werner Gabriel

In Düsseldorf entstand im 19.Jahrhundert die Düsseldorfer Malerschule mit Künstlern wie Oswald und Andreas Achenbach, Arnold Böcklin oder später Max Clarenbach, internationale Bedeutung erlangte diese Kunstrichtung jedoch nicht. Die Kunstakademie - gegründet 1773 - hatte vor dem Zweiten Weltkrieg Professoren wie Paul Klee und Heinrich Campendonk, doch Vertreter der Avantgarde wurden in den 30er Jahren von den Nationalsozialisten vertrieben.

Nach dem Krieg etablierte sich die Künstlerschmiede mit Lehrern wie den der Gegenstandskunst verbundenen Künstlern Ewald Mataré, Otto Pankok und Bruno Goller neu. Mitte der 50er Jahre wurden Vertreter des Informel berufen - Karl Otto Götz und Gerhard Hoeme etwa. Am Ende des Jahrzehnts kamen mit Norbert Kricke und Rupprecht Geiger neue Tendenzen zum Zuge, und die ehemaligen Akademieschüler Günther Uecker, Heinz Mack und Otto Piene gründeten die international einflussreiche Gruppe Zero. Die Stadt war im Zuge des Wirtschaftswunders wohlhabend geworden; potenzielle Sammler und in der Tradition der legendären Mutter Ey stehende Galeristen wie Alfred Schmela zogen internationale Künstler an.

In der „Galerie 22“ des Emigranten Jean Pierre Wilhelm hatten John Cage und Videokunst-Begründer Nam June Paik ihre frühen Auftritte; die Zero-Vertreter, die in Otto Pienes Atelier erstmals ihr Programm der Reinheit, der Immaterialität und des Lichts vorstellten, pflegten den Austausch mit Yves Klein und den „Nouveau Réalistes“ Arman, César oder Niki de Saint Phalle. Der Schweizer Daniel Spoerrie kochte in der „Eat Art Galerie“, und sein Freund Dieter Roth zeigte vergammelnde Lebensmittel.

Die Happening-Künstler George Brecht und Robert Fillou sorgten für Aufsehen, und die 1967 neu eröffnete Kunsthalle präsentierte internationale Avantgarde von Mark Rothko, Francis Bacon, Edward Kienholz und Claes Oldenburg. Als Joseph Beuys - Schüler von Mataré - die Szene betritt und in Hans Mayers Galerie auf Andy Warhol trifft, ist Düsseldorf bereits im Fokus des internationalen Kunstbetriebs. Beuys’ erweiterter Kunstbegriff und seine Aktionen gehen um die Welt, in seiner Klasse sind Schüler wie Jörg Immendorff, Katharina Sieverding, Imi Knoebel, Anatol und der früh verstorbene Blinky Palermo. Konrad Klapheck, Gotthard Graubner, Klaus Rinke und die zu Superstars aufgestiegenen Maler Gerhard Richter (die Stadt beschafft ihm später kein Atelier, er zieht nach Köln) und Sigmar Polke besuchten ebenfalls die Akademie, viele der Schüler wurden später dort Professoren.

Treffpunkt „Creamcheese“

Treffpunkt der Künstlerszene ist das 1967 in der Altstadt eröffnete „Creamcheese“ von Bim und Achim Reinert. Adolf Luther, Spoerrie, Richter, Uecker, Ferdinand Kriwet und Konrad Fischer-Lueg (der im selben Gebäude eine Galerie eröffnet) gestalten die Disko-Kneipe als erlebbares Kunstwerk, in der Live-Performances und Aufführungen stattfinden und die in gewagt gelöcherte Gewänder gehüllte Muse Mora hinter der Theke wirkt. 1977 schließt das legendäre Lokal, der künstlerische Inhalt wandert in das Düsseldorfer Kunstmuseum.

Heute ist die von Markus Lüpertz geleitete Akademie eine der weltweit führenden Kunstschulen, die immer noch große Künstlergemeinde ist ruhiger, ziemlich erfolgreich und bis auf den stets streitbaren Immendorff politisch kaum engagiert. Neben den immer noch aktiven „älteren“ Semestern leben unter anderem Künstler wie Thomas Schütte, Reinhard Mucha, Felix Droese und die hoch gehandelte Foto-Trias Andreas Gursky, Thomas Struth und Thomas Ruff in Düsseldorf. Einen brodelnden Treffpunkt wie das Creamcheese gibt es nicht mehr, aber wer die Bars der Stadt zu später Stunde besucht, wird den Einen oder Anderen regelmäßig dort treffen.

Quelle: alfa

 
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