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Interview mit Campino: „Wir sind uns oft an die Gurgel gegangen“

zuletzt aktualisiert: 06.12.2007 - 10:40

Heute bekommt die Düsseldorfer Punkband Die Toten Hosen die 1Live Krone für ihr Lebenswerk. Frontsänger Andreas Frege alias Campino bilanziert im Gespräch 25 Jahre Bandgeschichte. Sein Fußballer-Fazit: Das Spiel ist noch lange nicht vorbei.

Wie fühlt man sich, wenn man als Band, deren Musiker alle in den 40ern sind, fürs Lebenswerk geehrt wird?

Campino Erst sind wir schon ein wenig erschrocken. Andererseits ist das eine Anerkennung dafür, dass wir es bis hierhin geschafft haben. Wir nehmen das mit Respekt entgegen. Aber wir haben das mal durchgerechnet: Wir könnten die ersten sein, die den Preis zweimal kriegen.

Schon Taschentücher für die Dankesrede eingepackt?

Campino Ich werde auf jeden Fall etwas vorbereiten, damit ich das Richtige sage und nicht das, was mir gerade durch den Kopf geht.

Wer für sein Lebenswerk geehrt wird, hat das meiste eher hinter als vor sich. Wie sieht das bei euch aus?

Campino Wenn du uns mit einem Fußballspiel vergleichst, würde ich sagen, wir befinden uns in der 75. Minute. Aber ich habe so viele Spiele gesehen, wo es in der 90. noch mal richtig um die Wurst ging. Ich würde also nicht auf Halten spielen, sondern versuchen, noch ein Tor zu schießen. In unserem Fall heißt das: Wir arbeiten gerade an einem neuen Album, und wir haben den Anspruch, uns selbst zu überraschen.

Ihr habt gerade eine Jubiläumsedition mit allen 17 Alben veröffentlicht, auf denen sich viele nie erschienene Stücke befinden. In der Rückschau: Was waren eure peinlichsten Momente?

Campino Sicher haben wir das eine oder andere gemacht, bei dem wir uns heute wundern, wieso wir das überlebt haben. Den „Formel-1“-Film etwa. Aber man muss das im zeitlichen Kontext sehen. Das geht schon beim Bandnamen los. Heute würden wir uns nicht mehr die Toten Hosen nennen. Früher hatte das einen Sinn, da wollten wir Klischees aufbrechen. Zu den Fehlern gehört sicher auch manche TV-Show, die wir uns hätten sparen können. Aber wer viel vor die Tür geht, tritt eben mal in Hundekot.

Das sind doch eher Kleinigkeiten.

Campino Ich glaube nicht, dass wir einen kapitalen Bock geschossen haben. Obwohl wir, auch wenn man uns das unterstellt, keinen richtigen Masterplan gehabt haben. Viele Dinge haben sich einfach gut entwickelt. Die Sache mit der Heino-Persiflage zum Beispiel. Als sein Management anfing, uns zu bedrohen, war das ein Steilpass für uns.

Was waren eure größten Triumphe, was die schwersten Stunden?

Campino Das kann man nicht in einem Satz sagen, viele schöne Momente waren stille Geschichten. Ich erinnere mich an ein Konzert in der Düsseldorfer Justizvollzugsanstalt Ulmer Höh’, da mussten wir nachher durch den Zellenblock und die Insassen haben mit ihren Löffeln und Tellern gegen die Gitter geschlagen. Das war so ein Sing-Sing-Feeling, wahrscheinlich der beste Applaus meines Lebens. Auf der Negativ-Seite war wohl das 1000. Konzert 1997 mit dem Tod von Rieke Lax der dickste Schlag. Aber es gab auch andere schlimme Momente, schwere Krisen, in denen man aufgeben wollte.

Standen die Toten Hosen wirklich mal ernsthaft auf der Kippe?

Campino Mehrmals. Wir haben uns etliche Ultimaten gestellt, sind uns einige Male ernsthaft an die Gurgel gegangen. Wenn fünf Leute 25 Jahre zusammen sind, das ist eine ständige Arbeit wie in einer normalen Beziehung. Gottseidank liegt die Zeit, in der wir uns gegenseitig auf die Nerven gegangen sind, hinter uns. Je älter wir werden, desto mehr verstehen wir, dass wir wahnsinnig viel Glück hatten.

Woraus ist der Kitt, der die Band zusammen hält?

Campino Letztendlich, dass wir Freunde waren, bevor wir als Musiker zusammen spielten. Das hat uns über künstlerische Krisen und unser anfängliches Unvermögen hinweggeholfen.

Was ist vom rebellischen Geist der Gründungsjahre geblieben?

Campino Das mit den Rebellen, das haben wir nie so empfunden. Wir haben uns immer für die normalsten Menschen der Welt gehalten, es aber mit Großmäuligkeit überspielt. Heute wissen wir viel eher, was wir nicht wollen. Wenn wir uns für Dinge einsetzen, dann konkreter. Wir fühlen uns nicht mehr verpflichtet, ein Image bedienen zu müssen.

Die Toten Hosen sind heute ein florierendes Wirtschaftsunternehmen mit etlichen Angestellten. Lähmt diese Verantwortung manchmal den künstlerischen Betrieb?

Campino Natürlich mussten wir auch Kompromisse eingehen, die uns künstlerische Nachteile gebracht haben. Aber wir sind eine der wenigen Plattenfirmen, die in der Branchenkrise keinen entlassen musste. In 25 Jahren lernst du viel, aber du zahlst auch viel Lehrgeld. Bis 1987 haben wir ständig vor dem Bankrott gestanden. Erst allmählich haben wir uns eine große Unabhängigkeit erkämpft, die für mich auch völlig im Einklang mit der Philosophie des Punk steht. Nett, wenn man uns wenigstens in diesem Fall Professionalität attestiert.

Jörg Isringhaus führte das Gespräch.


 
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