Interview mit Familie Erwin: "Wir vermissen ihn sehr"
zuletzt aktualisiert: 17.05.2009 - 10:35Düsseldorf (RPO). Ein Jahr nach dem Tod des Familienoberhaupts spielen Hille Erwin und ihre Kinder Angela und Markus im gesellschaftlichen Leben der Stadt eine präsente Rolle. Ein Gespräch über den Umgang mit der Trauer, die Rückkehr in den Alltag, Erinnerungen, über Zusammenhalt und politische Ambitionen.
Frau Erwin, am Mittwoch jährt sich zum ersten Mal der Todestag Ihres Mannes. Mit welchen Gefühlen sehen Sie diesem Tag entgegen?
Hille Erwin: Mit gemischten Gefühlen, denn das erste Jahresamt ist das schwerste. Er fehlt uns sehr, aber das Leben geht auch weiter. Es ist aber erschreckend, wie schnell so ein Jahr vergeht.
Wie werden Sie diesen Tag begehen?
Hille Erwin: Seitens der Stadt gibt es um 11 Uhr auf dem Nordfriedhof einen offiziellen Termin am Grab meines Mannes. Wir als seine Familie laden noch um 17 Uhr zum Gottesdienst in St. Lambertus. Als Gäste haben wir sowohl den privaten Freundeskreis meines Mannes eingeladen, aber auch Leute, die beruflich intensiv mit ihm zu tun hatten. Der Kölner OB Fritz Schramma wird voraussichtlich kommen, Herr Elbers, das engere Büro meines Mannes. Wir gestalten den Gottesdienst mit der Krönungsmesse von Mozart. Das hätte meinem Mann gefallen.
Angela Erwin: Wir wollen das erste Jahresgedächtnis in etwas größerem Rahmen begehen und damit die Möglichkeit geben, sich gemeinsam an meinen Vater zu erinnern. Ich denke, dass dies kein leichter Tag für uns werden wird, weil der Verlust noch so nah ist.
Markus Erwin: Als mein Vater starb, dachte ich, dass es sehr lange dauern wird, bis ich darüber hinweg komme. Der Alltag hilft mir. Ich glaube aber, dass an diesem Tag alles noch einmal aufplatzen wird.
Ist dieser Tag auch als Tag der Trauer für Sie wichtig?
Markus Erwin: Sicherlich. Aber wenn ich das Gefühl habe, ich müsste an meinen Vater denken, gehe ich zum Friedhof.
Hille Erwin: Für uns war wichtig, das private Umfeld an diesem Tag um uns zu haben. Dann erinnert man sich gemeinsam an die schönen Dingen. Und mir tut es gut, mich daran zu erinnern.
Ist es wichtig, mit einem Grab einen Ort zum Trauern zu haben?
Markus Erwin: Ja. Und es ist auch immer gut, zu sehen, wie viele Menschen immer noch das Grab besuchen.
Hille Erwin: Ich gehe jede Woche dorthin. Dabei hätte ich nie gedacht, dass ich so eine solche Friedhofsgängerin werde. Jedes Mal stehen neue Blumen, teils selbst gepflückt, und Kerzen da.
Welche Stellen sind es in der Stadt, die Sie an Ihren Mann, Ihren Vater erinnern?
Hille Erwin: Ganz eindeutig das Rathaus. Wenn ich vorbeigehe, gucke ich immer noch zu den Fenstern seines früheren Büros.
Angela Erwin: Das ganze Umfeld des Rathauses erinnert uns an ihn. Ich schaue immer in den Innenhof, ob sein früherer Dienstwagen da steht.
Hille Erwin: Ich freue mich auch immer, wenn ich seinen Fahrer sehe.
Markus Erwin: Die Arena erinnert mich sehr an ihn. Über Fortuna hätte ich nach dem Spiel am letzten Wochenende gemeinsam mit ihm geflucht.
Angela Erwin: Der Metro Marathon erinnert mich an ihn.
Hille Erwin: Ich denke viel an 2003, als er fast nicht mehr stehen konnte und dennoch beim Marathon weitergelaufen ist. Später kam dann die Diagnose Darmkrebs.
Wie hat sich Ihr Leben verändert?
Hille Erwin: Für mich ist es vor allem die Tatsache, dass ich jetzt alles alleine machen und entscheiden muss. Zum Beispiel alleine in ein Restaurant essen zu gehen. Ich bin aber auch nicht gerne alleine zu Hause, dann fange ich an zu grübeln. Ich bin deshalb bewusst sehr viel unterwegs. Mir fehlt auch der Austausch mit meinem Mann beim Frühstück. Wir haben ja jeden Morgen die Zeitungen diskutiert.
Markus Erwin: Wir haben in der Familie ja schon immer zusammengehalten. Seit dem Tod meines Vaters sind wir aber noch enger zusammengerückt, sehen uns noch öfter, bewusster, außerhalb des Alltagsstresses.
Wo fehlt Ihr Vater?
Angela Erwin: Obwohl er so viel arbeitete, war er schon immer da, wenn wir ihn brauchten. Wenn wir Hilfe oder Rat brauchten, konnten wir ihn immer anrufen und fragen. Nun ist unsere Mutter in diese Rolle getreten.
Hille Erwin: Den ganzen privaten Ablauf innerhalb der Familie hatte ich schon immer organisiert. Ich war ja früher auch viel allein, weil mein Mann viel unterwegs war. Aber es ist ein riesiger Unterschied, wenn man weiß, jemand kommt abends, auch wenn es spät ist.
Der Tag der Trauerfeier – können Sie sich an alles erinnern?
Markus Erwin: An alles. Weil alles so organisiert war, hatte ich diesen Tag auch nicht als absoluten Trauertiefpunkt erlebt. Aber als abends alles vorbei war, traf ich mich mit meinen besten Freunden. In dieser Runde konnte ich richtig trauern.
Angela Erwin: An so einem Tag möchte man nicht nach Hause kommen und die Einsamkeit spüren.
Sie haben an jenem Tag in der Tonhalle eine sehr emotionale, sehr private Rede gehalten. Würden Sie es rückblickend noch einmal so machen?
Angela Erwin: Ja, denn es war absolut richtig. Unsere Intention war, dass wir in dem ganzen Protokollarischen unsere und seine private Seite deutlich machen wollten. Ich habe diese Rede allein für meinen Vater gehalten. Ich habe gar nicht wahrgenommen, wie viele Leute in der Tonhalle saßen und wie sie reagierten. Viele kamen anschließend zu mir und sagten, dass sie ganz neue Einblicke in sein privates Leben bekommen haben.
Als Joachim Erwin noch lebte, waren viele Menschen freundlich zu Ihnen, weil Sie sich Kontakte zum OB erhofften. Geht man anders mit Ihnen um?
Hille Erwin: Es hat sich natürlich etwas geändert. Ich genieße es, nicht mehr so im Fokus zu stehen. Im Karnevals-Förderverein stehe ich ja auch in der Öffentlichkeit, werde jetzt jedoch als Frau Erwin und nicht als Frau des Oberbürgermeisters wahrgenommen. Es passiert aber immer noch, dass ich abends in eine Taxi steige und der Fahrer fragt "Nach Hause?" und weiß die Adresse.
Angela Erwin: Nein, die Leute verhalten sich uns gegenüber wie immer. Das freut mich.
Denisa Richters und Hans Onkelbach führten das Interview
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