Lageberichte der Gestapo: Zitate aus Düsseldorfer Akten
zuletzt aktualisiert: 17.01.2010 - 10:01Düsseldorf (RPO). Von der Gestapo-Stelle Düsseldorf existieren Lageberichte, die von 1934 bis 1936 monatlich für die Zentrale in Berlin verfasst wurden. Außerdem entstanden bis Kriegsende 70 000 Personenakten – der größte erhaltene Bestand in der Bundesrepublik. Auszüge aus den Originalen vermitteln einen Eindruck vom Ton der Schreiben.
Lagebericht, März 1935:
"Die Haltung und Einstellung der katholischen Geistlichen wird immer aggressiver. Sie erklärt unter Hinweis auf das Neuheidentum, dass sie nicht nachlasse in ihrem Kampf und ihn bis zum endgültigen Siege durchführen werde. In der bekannt geschickten Weise wird mit Sentenzen und Bibelsprüchen gearbeitet und immer auf die Gefahr hingewiesen, dem der katholische Glaube ausgesetzt sei. Daher ist es kein Wunder, wenn sich die gläubige Bevölkerung immer enger um ihren ,Hirten' drängt, und der Einfluss der Geistlichen immer größer wird. Im Bewusstsein dieser Tatsache ist die oben betonte aggressive Haltung des Klerus verständlich; sonst könnte es beispielsweise heute nicht mehr vorkommen, dass ein Kaplan als Religionslehrer seinen Kindern verbietet, ihn mit dem Deutschen Gruß zu grüßen und diese bei Übertretung dieses Verbots körperlich züchtigt. Im Verfolg dieses Vorfalls stellte die Ortspolizeibehörde fest, dass der Kaplan auch die Lehrer der Schule mit "Guten Tag" grüßte. Weiter habe ich darauf hingewiesen, dass in Predigten der Begriff ,Führer' und der Gruß ,Heil' kritisch beleuchtet wurde. Stets kam dabei die Bemerkung, dass nur Jesus Christus der Führer und dieser auch nur das Heil sei."
Lagebericht, April 1935
"Am Ende des ersten Vierteljahres erscheint es gewisser Umstände wegen erwähnenswert, dass in den verflossenen drei Kalendermonaten von der Staatspolizeistelle Düsseldorf in ihrem Bereich über 1200 Personen wegen kommunistischer Tätigkeit festgenommen worden sind. [...] Ohne Observation sind keine Beweismittel heranzuschaffen, um die festgenommenen Funktionäre zu überführen. Weder gutes Zureden noch energische Ermahnungen, die Wahrheit zu sagen, haben Erfolg. [...] In einem solchen Stadium der polizeilichen Untersuchungen muss zwangsläufig zu Maßnahmen gegriffen werden, die allein eine erfolgreiche Aufklärungsarbeit verbürgen.
Personenakte Max L.
Eintrag einer Denunziation, 1941: "Der Volljude, Max L., Düsseldorf, Hallbergstraße 37, stört seit einigen Tagen bereits vor fünf Uhr morgens mit Absicht meine Nachtruhe durch besonders lautes Bedienen der unter meinem Schlafzimmer gelegenen Zentralheizung. Als Parteimitglied erstatte ich hiermit pflichtgemäß Anzeige. Heil Hitler!"
Aufgrund dieses Briefes notiert der Gestapo-Beamte Georg Pütz: "Über den Juden L. sind schon verschiedentlich Klagen geführt worden, dass er ein freches und herausforderndes Benehmen habe. Wie weiter bekannt wurde, hat er etwa um Weihnachten 1941 mit der deutschblütigen Hausangestellten Z. ein Gespräch geführt."
Ein späterer Eintrag zum politischen Lebenslauf von L. lautet: "Wurde am 20.3.1942 wegen Nichttragens des Judensterns und provozierenden Verhaltens deutschblütigen Personen gegenüber in Schutzhaft genommen. Überführung in ein KZ ist beantragt."
Am 5. Mai 1942 wurde von der Staatspolizeistelle Düsseldorf Antrag auf Schutzhaft, Lagerstufe III gestellt. Am 27. Mai 1942 folgte der Erlass des Schutzhaftbefehls vom Reichssicherheitshauptamt. Gründe: "Er gefährdet nach dem Ergebnis der staatspolizeilichen Feststellungen durch sein Verhalten den Bestand und die Sicherheit des Volkes und Staates."
Personenakte Selma G.
Eintrag zur Begründung ihrer Schutzhaft, 1940: "Ihr Verhalten beweist, dass sie sich skrupellos in echt jüdischer Manier über bestehende Verordnungen und Gesetze hinwegsetzt." Die Frau habe sich mit einem jüdischen Bekannten in ein "arisches" Lokal begeben. Laut einem weiteren Eintrag wurde sie am 6. Juli 1940 in das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück gebracht. Am 16. März 1942 wurde der Staatspolizei Düsseldorf der Tod der Inhaftierten mitgeteilt. Todesursache: "Akute gelbe Leberatrophie". In einem Vermerk heißt es: "Es wird gebeten, die Mutter vom Ableben der G. zu verständigen und ihr bekannt zu geben, dass die Leiche auf Staatskosten eingeäschert wird. Eine Besichtigung der Leiche ist aus hygienischen Gründen nicht möglich. Die Urne kann von der Kommandantur des KL. Ravensbrück zur Überführung schriftlich angefordert werden.
Zitiert aus Beständen des Landesarchivs NRW, Abteilung Rheinland, sowie aus dem Buch "Der Elendsweg der Düsseldorfer Juden" von Herbert Schmidt
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