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Gastbeitrag von Gabriele Henkel: Zur Quadriennale: Eine Annäherung

zuletzt aktualisiert: 19.10.2010 - 08:04

Düsseldorf (RPO). Gabriele Henkel schaut für unsere Redaktion auf ihre ersten Kontakte mit Kunst und die Kunstgeschichte Düsseldorfs zurück. Bilder könnten therapeutische Fähigkeiten haben, sagt die Mäzenin: „Ein Tag mit Kunst ist ein guter Tag.“

Die Kunstsammlerin und Kennerin der zeitgenössischen Kunst, Gabriele Henkel, wurde vor kurzem aus einem Düsseldorfer
Krankenhaus entlassen. Dort hatte sie sich einer komplizierten Herzklappen-Operation unterzogen.  Foto: ddp
Die Kunstsammlerin und Kennerin der zeitgenössischen Kunst, Gabriele Henkel, wurde vor kurzem aus einem Düsseldorfer Krankenhaus entlassen. Dort hatte sie sich einer komplizierten Herzklappen-Operation unterzogen. Foto: ddp

Als Schülerin galt mein erster Besuch einer Ausstellung dem französischen Maler Pierre Soulages: Umwerfend. Das Kunstmuseum in Düsseldorf war mir schon ein wenig vertraut. Die großen Leinwände des Meisters der Ecole de Paris: dunkel, stark, geradezu plastisch. Tief beeindruckt und leicht verwirrt verließ ich den Ort der Irritation. Das Tor zum Kontinent der Abstraktion war aufgestoßen.

Der nächste Künstler, der mein Weltbild veränderte, war Norbert Kricke. Der Schöpfer geradezu schwereloser Drahtskulpturen und Rektor der Staatlichen Kunstakademie war ein Fass des Wissens und ein geistvoller Mann. Manifeste junger Künstler waren knapp, nicht unbedingt aggressiv. Man hatte sie, ungebildet, wie die meisten jungen Menschen waren, nicht verstanden und ihnen vermutlich kaum Beachtung geschenkt.

Info

Mehr zum Gastbeitrag

Der Text von Gabriele Henkel stammt auszugsweise aus der Festschrift „Kunstgegenwärtig, Erinnerungen an die Gegenwart“ zur Quadriennale (52 Seiten).

Die Kunstmäzenin ist eine von zehn Gastautoren, darunter Hans- Heinrich Grosse-Brockerhoff, Siegfried Gohr und Brigitte Kölle.

In den 1950er Jahren ging für eine Weile im Westen die Sonne auf. Die ZERO-Künstler Mack, Uecker und Piene verscheuchten mit ihren Arbeiten die Düsternis des Tausendjährigen Reiches, das in zwölf Jahren Deutschland in Schutt und Asche gelegt hatte. Der Holocaust verstörte mit Recht das Gewissen der jungen Republik. Mehr als 50 Millionen Tote lasteten auf dem deutschen Gewissen, falls vorhanden. Der Krieg, dessen Ende so sehnlich von der Zivilbevölkerung erwartet wurde, hatte Familien auseinandergerissen und Völkerwanderungen von Ost nach West zur Folge, Gemüter verstört und nachdenkliche Menschen in ein Vakuum gestürzt. Und die Flüchtlinge aus dem östlichen Teil des Landes waren heimatlos.

"ZERO ist gut für Dich", verkündete alsbald der Kunsthandel.

Kunst als Befreiung: Das war den jungen Künstlern und Sammlern sehr bewusst. Möglich, dass sie absichtslos der Generation der Väter half, aufzuatmen, Überlebenden, die nicht auf den Schlachtfeldern Europas geblieben waren.

Hat die Kunst therapeutische Möglichkeiten? In besten Fällen ja. Sollte man dies manifestieren? Besser nicht: Sicher ist ein Tag mit Kunst ein guter Tag. Das heißt nicht, dass man den Anblick eines schwarz-braunen Bildes von Soulages verabreichen konnte wie ein Medikament, wenngleich das strahlende Weiß, das gelegentlich seine Gemälde umgibt, stärker wirken könnte als weiße Tabletten. Placebo?

Das Hämmern von Nägeln auf Holzplatten, primäres Arbeitsmaterial von Uecker, verursacht dem Betrachter keinen Schmerz. Im Gegenteil: Kreisrunde Arbeiten, auch quadratische Nagelfelder, weiß auf weiß, die Nagelköpfe gestrichen, haben seit Jahrzehnten eine poetische Ausstrahlung. ZERO leuchtete, Befreiung vom konventionellen Tafelbild? Mack drängte mit seinen Rotationen zur Leichtigkeit des Seins, später strahlten seine Stelen in der Wüste und in seinen Gärten auf Ibiza.

Otto Piene, der dritte ZERO-Künstler, gilt als Wegbereiter der Licht- und Feuerkunst und der Sky-Art-Aktionen. Auch er bekämpfte mit seinen Weggenossen die Schatten des Tausendjährigen Reiches. Drei Künstler, denen sich andere in Frankreich, Belgien und Italien verwandt fühlten, waren keine gnadenlosen Revolutionäre. Sie liebten die Strenge der russischen Suprematisten. Sie schufen eine Flut von eigenwilligen Arbeiten, begleitet von Pamphleten ohne Geschrei, eine helle Welt der Freiheit, der Fantasie und des Geistes. Jeder auf seine Weise: sublim, radikal.

Den Künstlern im Rheinland ging es nicht um die große Formzerstörung des Kubismus. Sie arbeiteten ernst und spielerisch zugleich. Jean-Pierre Wilhelm, später Alfred Schmela verkauften in ihren Galerien die frische Kunst. Es gab keine Neue Sachlichkeit, auch keine Mutter Ey. Der junge Kunsthistoriker und Maler Konrad Lueg, später bekannt als Kunsthändler Konrad Fischer, veranstaltete mutig jedes zweite Jahr mit dem Kunstkritiker Hans Strelow die Avantgarde-Ausstellungen Prospect in der Kunsthalle. Joseph Beuys und der Maler Konrad Klapheck wurden Professoren an der Kunstakademie.

An Beuys entzündeten sich bald die Gemüter, insbesondere das des damaligen Wissenschaftsministers Johannes Rau. In between glitt wie eine sanfte Welle durch Ateliers, Galerien und durch das Szenelokal "Creamcheese". Beuys wurde zum Ärgernis, die Dissonanzen schärfer. In der Eat-Art-Galerie von Daniel Spoerri am Burgplatz hängte er Heringsgerippe auf eine Wäscheleine. Der Fettstuhl: ein Ärgernis. Nahezu alles, was Beuys zeichnete, entwarf und schrieb, wurde zum Skandal. In der Akademie hob der Professor mit dem Hut den Numerus clausus auf. Seine Klasse schwoll an, wurde unüberschaubar. Rau ließ nicht locker. Die Klasse wurde geschlossen. Den Prozess gewann Beuys trotzdem.

Im Rheinland wehte inzwischen internationaler Wind, für das bürgerliche Lager verwirrend und zugleich befreiend. Kunst wurde öffentlich diskutiert: mit Begeisterung und Entrüstung. Sammlungen entstanden, zum Beispiel die über die Grenzen Deutschlands hinaus berühmte Sammlung Lenz. Beuys und Uecker gelang mit Ausstellungen und Ankäufen ihrer Arbeiten im westlichen Ausland der Sprung in das Herz der Moderne: in das Museum of Modern Art in New York. Günther Uecker als Erstem.

Irrtümer gibt es seit der Entstehung der Kunst. Sie aufzuzeigen wäre an dieser Stelle nicht angemessen. Das Licht der Kunstszene leuchtete weit und reduzierte auf seine Weise absichtslos den ungerechten Grauschleier der Bonner Republik. Die ZERO-Künstler pusteten spielerisch, aber nachhaltig viel Staub aus Bonn ins Bedeutungslose.

Immer wieder wird in Düsseldorf der Staub weggepustet. Von der Kunst. Von den Künstlern. In der Akademie. In den Museen und Galerien. So wie gerade die Akademie unter dem neuen Rektor sich wieder verjüngt. Wie das neu-eröffnete K20 die legendäre Sammlung neu präsentiert und im K20 mit jungen Künstlern kontrastiert. So wie das KIT sich dem Nachwuchs widmet. Und so gilt auch heute weiterhin für Düsseldorf: Ein Tag mit Kunst ist ein guter Tag.

Alles zur Quadriennale lesen Sie in unserem Special. 

Quelle: RP

 
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