Wittlaer: Dorf zwischen Großstädten
VON GÖKÇEN STENZEL - zuletzt aktualisiert: 12.09.2010 - 12:06Grafen und wohlhabenden Bauern gehörte und gehört der Grund und Boden, auf dem Wittlaer liegt: Ein Stadtteil, in dem sich Urwüchsiges und Nobel-Modernes ergänzt. Ein Neubaugebiet kam vor elf Jahren hinzu.
Vieles, was zu Wittlaer gehört, gehört gar nicht zu Wittlaer. Sondern findet sich ganz in der Nähe. Der Flughafen etwa. Oder die Internationale Schule Kaiserswerth. Gleich weit – oder: nah – liegen die Zentren der Großstädte Duisburg und Düsseldorf, und schnell erreicht sind Krefeld, Ratingen, Essen. Alles Ziele, die deswegen zu Wittlaer gehören, weil sie für diejenigen, die neu nach Wittlaer ziehen, immer interessant sind: Manager mit ihren Familien, für die die Internationale Schule wichtig ist. Firmenbosse und Landespolitiker, die den Flughafen brauchen, ihn aber nicht unbedingt hören wollen. Höhere Beamte, Ärzte, Anwälte, Professoren, die in den nahen Städten, in ihren Verwaltungen oder ihren Universitäten arbeiten. Sie wohnen gerne, gediegen und diskret in Wittlaer, dessen ursprünglich nur landwirtschaftliche Bedeutung der Gast heute suchen muss. Er findet sie in den geschichtsträchtigen Höfen der alteingesessenen Familien – der Sonnens, der von Holtums und der Blanks zum Beispiel. Und er findet sie in den Feldern, die den Stadtteil einrahmen. „Wir wohnen hier wie in einem Wochenendhaus“, bringt es Karin Korff auf den Punkt. Sie lebt mit ihrem Mann Wilfried seit den 1970ern im Ort und genießt es, über die Äcker bis Duisburg zu schauen und am Rhein Richtung Düsseldorf zu laufen. „Wittlaerer mögen das Grün“, so Korff. Und doch seien die Großstädte eben ganz nah.#
Wissenswertes
Einwohner: 7429 davon Frauen: 3784
Einwohner unter 18: 1769 davon weiblich: 859
Einwohner über 60: 1439 davon Frauen: 832
Ausländer: 1124 davon weiblich: 614
Schüler: 541
Hartz IV Empfänger: 148
Fläche: 6,91 km2
Wohnungen: 2841 davon öffentlich gefördert: 340
Zahl der Kfz: 3338 davon privat: 3185y
Parkanlagen: Hans-Vilz-Weg (1,2 Hektar); Melbecksweg (0,2 Hektar);
Historisches Die katholische Kirche des Ortes, St. Remigius, wurde im 13. Jahrhundert fertiggestellt. Die Pfarrei wurde erstmals 1144 erwähnt.
Wittlaer selbst wurde 1975 nach einer Zeit im Amt Angerland nach Düsseldorf eingemeindet. Der Stadtteil umfasst auch Bockum, Froschenteich und Einbrungen, das älter ist und auf eine Familie „Einbrunger“ im 9. Jahrhundert zurückgehen soll.
Felder, Wege, Wälder
Korffs selbst zog es damals nach Wittlaer, „weil wir als Reiter viel Natur vorfanden“, wie sie erzählen. Felder, Wege, Wälder – das Umfeld, in dem Karin Korff mit Gleichgesinnten einen Reitverein gründete. Der Duisburg-Wittlaerer Reiterverein entstand vor 45 Jahren auf Gut Groß-Winkelhausen, wo er noch immer beheimatet ist. Der historische Hof wird heute von den Eigentümern Karl und Ursula Sonnen als Pensionsstall geführt.
Der Reitverein gehört zugleich zum geselligen Leben im Ort: Jeder, der länger in Wittlaer weilt, wird entweder Reiter, Schütze, Feuerwehrmann, Sänger im Kirchen- oder Kinderchor, Mitglied im Heimat- und Kulturkreis oder Sportler beim Turnverein Kalkum-Wittlaer – einem der größten Sportvereine der Stadt. Karnevalsfreunde gibt es ebenfalls.
Orte für die Geselligkeiten finden sich erstaunlich viele: Der Stadtteil hat etliche Gaststätten und Kneipen und dokumentiert auch damit seine Urwüchsigkeit, die manchmal im Nobel-Modernen unterzugehen droht. Gasthaus Peters mit Wirt Werner Peters gehört sicher in diese Traditions-Reihe, ebenso das uralte Lokal „Zur Linde“, das im Ortsteil Bockum steht (s. Info), und die Wirtschaft Schwenke, nur unter dem Namen „Aschlöksken“ bekannt. Auch das historische Restaurant Brand’s Jupp ist untrennbar mit Wittlaer verknüpft. Dort hängen etliche Bilder von Künstlern der Düsseldorfer Malerschule, die oft die typischen Niederrhein-Ansichten festgehalten haben.
Wittlaerer Jahrbücher
Apropos festhalten. Es gibt einen, der wie kein anderer Chronist und Gedächtnis des Ortes ist. Bruno Bauer gibt die Wittlaerer Jahrbücher heraus, gerade ist die 32. Folge in Vorbereitung, „und nicht ein Jahr wurde seitdem ausgelassen“, wie Bauer stolz berichtet. Die Bücher, die sich aus Beiträgen ortskundiger Autoren zusammensetzen, halten Historisches ebenso fest wie Namen und Entwicklungen; gerade ist die Festschrift „700 Jahre Bockum“ erschienen, die in einer Feierstunde am 25. September auf dem Bockumer Hof vorgestellt werden soll. „Viele, die jenseits des Grenzwegs wohnen, wissen gar nicht, dass sie Bockumer sind“, erzählt Bauer, der die Geschichte und die Geschichten Wittlaers lebendig hält.
Zur Geschichte des Stadtteils gehört, dass die Industriellen aus Duisburg und Düsseldorf um 1900 Wittlaer am Rhein als Wohnort für sich entdeckten, dass sie große Grundstücke erwarben, auf denen ihre Villen errichtet wurden – der entscheidende Schritt vom Bauerndorf zum Wohnort für gut Situierte. Das Neubaugebiet Einbrungen, das Ende der 90er auf den einstigen Feldern gegenüber Alt-Wittlaer entstand, war da bescheidener geplant. Häuser in Einfach-Bauweise und Sozialwohnungen in mehrgeschossigen Gebäuden empörten nicht nur die Alteingesessenen, sie ließen den Stadtteil auch auf das Doppelte seiner früheren Einwohnerzahl anwachsen. Allmählich wuchs Einbrungen über sich hinaus: Einfamilienhäuser holten junge Eltern in den Ort, Neu- und Altbürger veranstalteten Treffen, die U 79 band den Ortsteil an. Die Graf-Recke-Stiftung und andere Grundstückseigner verkauften Bauland; Kitas und Ärztehäuser entstanden. Am Schwarzbach wurde privat gebaut, und auch heute werden Baulücken hüben wie drüben geschlossen: Das Interesse am Wohnen in Wittlaer ist ungebrochen, der Ort wächst weiter.
Nächstes Baugebiet
Deshalb gehen viele Ortskundige davon aus, dass es ein nächstes Baugebiet geben wird: Froschenteich. Eine überdimensionierte Haltestelle der U 79 steht bereits – ein Vorbote? Die Felder vor Korffs Tür in Bockum sind allerdings gerade von Bau- zu Ackerland zurückgestuft worden. „Wir haben Glück, es bleibt grün“, sagt Karin Korff.
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