Lörick: Ein besonderes Düssel-Dorf
VON HANS ONKELBACH - zuletzt aktualisiert: 23.01.2010 - 10:12Die Landwirtschaft hat Lörick geprägt - und prägt es heute noch: Eindeutig sind die früheren Höfe erkennbar, einige werden noch betrieben. Heute ist der Ortsteil vor allem als Wohngebiet sehr begehrt.
In Lörick wohnt man nicht nur. Dort lebt man. Keinen Kontakt zu seinen Nachbarn zu bekommen, ist schwer. Schnell ist man eingebunden ins Dorfleben, lernt die Menschen kennen, viele auch schätzen, erfährt einiges von ihnen (und sie über einen selbst!), kann - so man denn will - an ihren Festen teilnehmen. Manchmal erinnert einen dieser Stadtteil an das gallische Dorf, das Asterix und Obelix berühmt machten: Sehr selbstbewusst und eigen, die Bewohner.
Wenn’s sein muss auch streitbar, übrigens auch nach innen. Denn zu glauben, dort sei immer Friede, Freude, Eierkuchen angesagt, wäre naiv. Nach außen jedoch wird meist Einigkeit demonstriert. Was unter anderem daran liegt, dass ein erheblicher Teil der Bevölkerung dieses etwas anderen Düssel-Dorfs miteinander verwandt, verschwägert ist und viele miteinander befreundet sind.
Willi Speit ist einer der alten Löricker. Und eine Art lebendes Lexikon über diesen Ortsteil. Er hat nie woanders gelebt, und wollte das auch nie. Aufgewachsen ist er in einem Haus gegenüber der alten Löricker Volksschule, die heute als Künstleratelier dient (in den frühen 80er Jahren hatte dort Anatol Herzfeld seine Werkstatt). Also kennt Speit das Dorf seit seiner Kindheit, und die meisten, die dort leben.
1967 gab es einen tiefen Einschnitt in seinem Leben, jedenfalls aus Sicht der Alteingesessenen: Er zog nämlich auf die andere Straßenseite der Oberlöricker Straße, verließ den alten Ortskern und baute sich ein Haus am Elfgenweg. Diese Siedlung (rund um Grevenbroicher Weg, Liedberger Weg, Glehner Weg) war größtenteils ein Siedlungsprojekt der Rheinbahn. Sie kaufte vor Jahrzehnten dort Ackerland auf und errichtete Häuser für ihre Mitarbeiter. Noch heute nennt der echte (also alteingesessene) Löricker diese „neuen“ Nachbarn (auch wenn sie schon Jahrzehnte dort leben) „Bahner“ - abgeleitet von „Rheinbahn“. Wer in diesem Begriff eine leichte Überheblichkeit hört, irrt sich nicht.
Historisches: Lurich oder Loh-Rike
Lörick hat eine wechselvolle Geschichte und gehört erst seit rund 100 Jahren zu Düsseldorf. Gemeinsam mit Heerdt, Oberkassel und Niederkassel band man sich damals an Düsseldorf. Und das taten einige höchst ungern, denn aufgrund jahrhundertealter Bindungen fühlte man sich eigentlich mehr nach Neuss hingezogen. Aber durch den Bau der Oberkasseler Brücke 1898 war Düsseldorf plötzlich ganz nah.
Der Name Lörick taucht als „Lurich“ erstmals um 1300 auf. Er geht möglicherweise auf das römische Lauriacum zurück, was „Besitz des Laurus“ bedeutet. Oder auf „Loh-Rike“ - althochdeutsch für bewaldeter, schmaler Rücken.
Wissenswertes
- Einwohner insgesamt 7396
(Düsseldorf gesamt 585054)
davon Frauen 4058 - Einwohner unter 18 Jahren 1098
(Düsseldorf gesamt 87 579)
davon weiblich 551 - Einwohner über 60 Jahre 2479
(Düsseldorf gesamt 145558)
davon weiblich 1593 - Ausländer 1620
(Düsseldorf gesamt 100572)
davon weiblich 761 - Schüler 505
(Düsseldorf gesamt 49715) - Hartz-IV-Empfänger 240
(Düsseldorf gesamt 44999) - Fläche 2,66 km2
(Düsseldorf gesamt 217 km2) - Wohnungen 3972
davon öffentlich gefördert 179 - Zahl der Kfz 5705
davon privat 2551
Speit grinst breit, wenn er das hört. Natürlich kennt der Mann sämtliche Befindlichkeiten seiner Löricker. Nicht zuletzt, weil er im Brauchtum des Dorfes eng vernetzt ist - und dreimal Schützenkönig war. Beim dritten Mal durfte er sich daher Schützenkaiser nennen. Er hat’s gern gemacht, und seine Ehefrau Erika stand hinter dem Gatten. Aber ein viertes Mal, das macht sie klar, wird’s das wohl nicht geben. Vielleicht trägt ja mal einer der jungen Leute die Kette des Königs. Nachwuchssorgen haben die Kompanien innerhalb der St. Sebastianus-Schützenbruderschaft jedenfalls nicht, sagt Speit und versucht dabei, Schäferhundmischling Leo daran zu hindern, seine Leine zu zerkauen.
Der Rüde gehört Sohn Stefan, aber da der beruflich verhindert ist, geht der Senior mit dem Vierbeiner Gassi. Das tun die beiden gern, denn die Rheinwiesen sind perfekt für weite Wanderungen oder kleine Spaziergänge. Keiner in Lörick ist weiter als ein paar Minuten Fußweg vom Rhein entfernt. Vor allem diese Nähe zum Strom schätzen die Bewohner.
Und der Fluss hat den Ortsteil geprägt: Das Hotel Fischerhaus (gehört zum Restaurant Hummer-Stübchen) war früher eine Kneipe der Rheinfischer und die Besatzung der Treidelkähne. Die andere Prägung kam von der Landwirtschaft: Nach dem Krieg waren es zwei Dutzend Bauern, und heute noch gibt es vier Betriebe, die - ganz oder in Teilen - von dem leben, was der Boden hergibt. Die Architektur des Dorfes ist auf jeden Fall ländlich: Es gibt mehrere Scheunen, und die Bauweise der Häuser zeigt, dass es früher einmal Bauernhöfe waren.
Dennoch: Ein Dorf im Wandel. Heute ist es eines der beliebtesten Wohngebiete Düsseldorfs, und der knappe Baugrund hat die Preise auf Rekordniveau getrieben. Rein theoretisch allerdings nur - denn der Löricker an sich verkauft seinen Grund nicht, sondern hortet ihn für die Kinder und Enkel. Da ist man durchaus pragmatisch. Pragmatisch auch der Blick auf die Nachbarn. Dass es im Ort eines der berühmtesten Restaurants Deutschlands gibt, macht viele stolz.
Was allerdings nicht unbedingt bedeutet, dass sie dort auch essen: Der Löricker an sich ist häufig sparsam und hat seinen Wohlstand nicht vom Ausgeben. Das gilt natürlich nicht für alle. Problemlos wird auch jenes Etablissement mit dem harmlosen Namen „Foto-Studio“ akzeptiert - obwohl jeder weiß, dass es in diesem Haus um alles mögliche, aber nicht um Fotos geht. Kein Problem: Alles läuft diskret, Autos mit fremden Kennzeichen fallen wegen des benachbarten Zwei-Sterne-Gourmet-Tempels eh nicht auf - was soll’s also. Da ist man tolerant.
Nicht tolerant ist man dagegen, wenn’s an die vermeintlich gemeinsamen Interessen geht. Das erlebte seinerzeit der inzwischen verstorbene OB Erwin, als er auf die Idee kam, sich für die olympischen Spiele 2012 zu bewerben und vorschlug, das olympische Dorf in Lörick zu bauen. Harter Widerstand schlug ihm entgegen - ganz wie im gallischen Dorf: Gemeinsam stritt man gegen das, was da von draußen kommen sollte- und nie kam.
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