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Carlstadt: Funkelnder Stern im Großstadt-Kosmos

VON JUTTA LAEGE UND THOMAS BUSSKAMP (FOTOS) - zuletzt aktualisiert: 06.02.2010 - 12:38

Sie ist übersichtlich und geradlinig und doch ein bisschen verwunschen und verwinkelt. Düsseldorfs kleinster Stadtteil, die Carlstadt, ist ein Schmuckstück – in jeder Hinsicht. In den sorgfältig restaurierten Altbauten leben Großstädter, die einen Sinn fürs Dekorative haben.

Die Geschäfte sind inhabergeführt, anspruchsvoll und individuell. Qualität, Geschmack und Kultur haben hier seit Jahren Konjunktur und werden zunehmend auch von Touristen entdeckt. Für die vielen Institute und Museen bräuchte es einen längeren Reiseaufenthalt.

Und wer sich für Architektur und Kunst interessiert, wird sich spätestens beim Blick in die Hinterhöfe und Ateliers in die Carlstadt verlieben. Sie ist ein kleiner Stern auf der Großstadtkarte, der sich im Schatten von Kö und Altstadt zum funkelnden Mikrokosmos entwickelt hat.

Die Vielfalt des Stadtteils wird schon am Carlsplatz deutlich. Der fest installierte Markt ist Drehscheibe für das tägliche Treiben in der Carlstadt. Hier decken sich qualitätsbewusste Kunden mit frischem Obst, Gemüse, Gewürzen, Fleisch und Fisch, Backwaren und Milchprodukten oder Blumen ein. Hier tummeln sich Angestellte aus den umliegenden Banken, Büros und Kanzleien in der Mittagspause.

Info

Historisches

Die Carlstadt ist ab 1787 planmäßig angelegt worden, weil Düsseldorf erweitert werden musste. Denn die Bevölkerung war ab 1750 sehr stark gewachsen.

Kurfüst Carl-Theoodor ließ die Stadterweiterung bis hin zu den neuen Befestigungen im Süden Düsseldorf nach den Prinzipien einer barocken Stadt mit schachbrettartig angeordneten Wohnblocks planen. Deshalb wurde dieser Stadtteil Carlstadt genannt.

Damit mglichst schnell Häuser errichtet wurden, gab es für Bauwillige Steuererleichterungen. Ein Identifikationspunkt ist die Maxkirche an der Schulstraße. Die Franziskaner hatten ihre Klosterkirche in ihrer jetzigen Form bereits 1740 fertiggestellt.

Es muss nicht immer Kaviar sein – eine zünftige Erbsensuppe oder ein Möhreneintopf am Stehtisch bei Dauser tun's doch auch. Hier geht es aber auch durchaus exotisch zu. Längst hat Obsthändlerin Hilde Weber spanische Kaki und chinesische Fuji-Äpfel auf dem Gabentisch. Das sei zu ihres Vaters Zeiten noch anders gewesen, erzählt sie. "Da gab's einen ganzen Tisch voll mit Blumenkohl und abends war der leer."

Seit Beginn der 1950er Jahre betreibt die Familie Weber auf dem Carlsplatz ihren Stand. "Wir sind hier groß geworden, haben hier gespielt", erinnert sich die Marktfrau. Auf dem Carlsplatz kennt man sich. "Wir haben auch viel zusammen gefeiert." Gemeinschaft wird in der Carlstadt groß geschrieben.

Auf der Hohe Straße hat sich vor einem Jahr Karen Berghoff mit ihrem "Coco 2nd" niedergelassen. Ein liebevoll ausgestattetes Ladenlokal in einem denkmalgeschützten Haus, das die Augen tanzen lässt – zumindest die weiblichen. Hier hängt die berühmte Designermarke Chanel zum immer noch stolzen aber eben nicht mehr ganz so stolzen Preis, weil Kostümchen, Schuhe oder Tasche schon einmal eine betuchte Besitzerin gehabt haben. "Ich habe mich bewusst für die Carlstadt entschieden, weil die Geschäfte so individuell sind und nicht so viel Konkurrenzdruck entsteht", erzählt Berghoff.

Wie auch sonst wäre es zu erklären, dass Einrichtungsläden, Kosmetikinstitute, Hairstylisten und selbst Hundebedarfs-Geschäfte mehrfach angesiedelt sind und buchstäblich nebeneinander existieren können. Der eine (Dog's Deli) bietet das Backbuch für Bellos Lieblingskuchen, der andere (Hundestolz) eben das Strasshalsband für Bellos Weibchen.

Was die Bedürfnisse von Frauchen und Herrchen betrifft, sind allerdings erstere in der Carlstadt leicht im Vorteil. Stilvolles für drüber und drunter, Extravagantes für Zuhause oder als Präsent – in Sachen Mode und Schmuck, Interieur und Design bietet die Carlstadt eine Vielzahl an Shoppingüberraschungen. Susanne Stute, Geschäftsführerin des Antiquitäten-Handels Heubel, findet die Carlstadt "so schön unaufgeregt." Das gehobene und auch prominente Publikum möge die Atmosphäre, glaubt sie, vor allem "weil hier keiner mit ihm angibt." Da könnten berühmte Bewohner wie Hape Kerkeling auch einmal unbelästigt über die Straße gehen und in den Geschäften stöbern.

Das Stöbern, oder besser Schnuppern lohnt, sich auch aus kulinarischer Sicht. Die Carlstadt ist die innerstädtische Wiege der Feinkost. Seit 125 Jahren versorgt die Familie Münstermann die Düsseldorfer mit Delikatessen aus aller Welt. Im Cave Portuguesa gibt's zu landestypischen Spezialitäten viel Dekoratives und Antikes zu entdecken.

Die Pata Negra wird auf einer hundert Jahre alten, blitzblanken bordeauxroten Schneidemaschine geschnitten. Ein echter Hingucker ebenso wie die Madonnen, die im Schaufenster stehen und die Gäste, die in das kleine Lädchen ziehen. Für Gaumenfreuden ist in der Carlstadt in jeder Kategorie gesorgt. Ob kleiner Snack im Kultbistro Zicke, feines Gebäck in "Engels Café", fernöstliche Thai-Kost im "Cha Cha", exotisches Mahl beim Inder "Mayur" oder Tapas & Tortillas beim Spanier "Jéronimos" – die Auswahl ist groß und meist erschwinglich.

Dass die Carlstadt ein Viertel für Genießer geworden ist, hat sie aber auch der Kunst verdanken. Galerien mit internationalem Renommé haben sich in der Bilker Straße eingerichtet. Gerne nennen die Galeristen sie den "Art Boulevard". Hier kommen Kunst, klassizistische- und Jugendstil-Architektur wunderbar zur Geltung. Susanne Stute mag diesen Teil der Carlstadt sehr. "Es gibt viele alteingesessene Künstler, wunderschöne Hinterhöfe sowie Ateliers und Galerien. Die Carlstadt ist eine wunderbare Kunst-Achse zwischen dem K20 und K 21."

Die endet genau genommen schon ein bisschen früher, also nicht unmittelbar am Ständehaus mit seiner modernen Sammlung, sondern an einem anderen Kunstwerk: Am Schwanenmarkt ehrt die Stadt ihren berühmtesten Sohn Heinrich Heine mit einer von Bert Gerresheim entworfenen Skulptur.

Sie erregt Aufsehen, weil der Künstler eine ungewöhnliche Perspektive fand und die Totenmaske des Dichters als Grundlage wählte. Dass die bronzene Hommage in der Carlstadt ihren Platz fand, ist ein hübsches Zugeständnis. Der Dichter wuchs in der Altstadt auf, ging aber in der Carlstadt zur Schule.


 
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