Unterrath: Moderner Stadtteil mit Liebe zur Tradition
VON SONJA SCHMITZ - zuletzt aktualisiert: 24.07.2010 - 11:38Dass Rath und Unterrath mehr als nur Nachbarn sind, verrät schon der Name. Tatsächlich erinnern die beiden Stadtteile an Geschwister, die ein gemeinsames Erbe teilen und sich doch mehr oder weniger voneinander unabhängig gemacht haben.
„Wir sind ja eigentlich die Rather“, sagt Heinz Baumgarten. Was der 83-jährige Unterrather, der sich intensiv mit der Geschichte des Stadtteils beschäftigt hat, damit meint: Der Ursprung von Rath liegt im heutigen Unterrath. In unmittelbarer Nachbarschaft, wo die Kirche St. Maria unter dem Kreuze liegt, erinnert der Straßenname „Am Königshof“ daran, dass sich dort einmal ein Hof befand, der dem König auf seinen Reisen durch das Land als Herberge diente. Solch ein Königshof war gleichzeitig auch ein Verwaltungs- und Gerichtszentrum und zog weitere Höfe an. 904 wurde der Rather Königshof erstmals urkundlich erwähnt. Bekannt ist auch, dass er im Dreißigjährigen Krieg unterging. Nahe des Königshofs stand außerdem ein Nonnenkloster, das ebenfalls längst verschwunden ist. Übrig geblieben ist allein das Haus St. Josef gegenüber der Kirche, in dem bis heute geistig und körperlich behinderte Menschen leben und das noch von den Nonnen ins Leben gerufen wurde.
Das frühere Rath war viel größer als heute und entsprach etwa dem heutigen Stadtbezirk 6. Die Rede von „Unterrath“ begann, als der Bahnhof Unterrath an der Bahnlinie zwischen Derendorf und Kalkum eingerichtet wurde. Drei Jahre später, 1891, wurde der Name für den Stadtteil festgeschrieben. Mit der Industrie, die sich zu der Zeit in Rath ansiedelte, trennten sich die Wege der beiden Stadtteile. „Rath ist eher städtisch geprägt, Unterrath ländlich“, sagt Heinz Baumgarten, dessen Großvater Bauunternehmer war und nicht nur Häuser, auch Kirchen und Fabriken in beiden Stadtteilen gebaut hat. Viele Siedlungen in Unterrath entstanden erst nach dem Ersten Weltkrieg. Beispielsweise die Häuser gegenüber der Kirche von St. Bruno an der Kalkumer Straße. „Die Siedlungen wurden gezielt in Erbpacht gebaut. Die Bewohner mussten Kleinvieh halten - Hühner, Gänse und Kaninchen - Gemüse im Garten ziehen und eine Futterküche haben“, erzählt Baumgarten.
Verbunden mit den zahlreichen ausgedehnten Siedlungen war aber auch die Tatsache, dass in Unterrath ein richtiges Zentrum fehlte. Das empfinden viele Unterrather bis heute noch so. Auch wenn die Mehrzahl der Geschäfte sich an der Kalkumer und Unterrather Straße angesiedelt hat, und die Stadtbücherei und das Schwimmbad ebenfalls dort angesiedelt sind. So haben es die Einzelhändler trotz der Straßenbahnhaltestellen vor der Tür nicht leicht. Autofahrer nutzen oft den großen Supermarkt an der Ulmenstraße, mit der Bahn ist man schnell auf der Nordstraße.
Doch die eingefleischten Unterrather sorgen dafür, dass der Stadtteil nicht auseinanderfällt. In einer Vielzahl von Vereinen setzen sie sich für die Gemeinschaft ein. Ein Beispiel, das stadtweit für Schlagzeilen sorgte: Die St. Sebastianus-Schützenbruderschaft rief zur öffentlichen Hilfsaktion auf, als ein Baby und ein 49-jähriger Schützenbruder an Leukämie erkrankten. 5000 Menschen spendeten Blut, mehr als 200 000 Euro kamen zusammen. Schon nach einer Woche wurde für beide ein genetischer Zwilling für eine Knochenmarkspende gefunden. Die Aktion wurde ein großer Erfolg. Beiden Patienten geht es heute gut.
Der größte Verein im Stadtteil ist der Bürgerverein Unterrath 1909 und Lichtenbroich. Mit mehr als 1000 Mitgliedern zählt er zu den größten Vereinen in Düsseldorf. Seine Geburtsstunde war 1909, als die damals selbständige Landgemeinde Rath mit den Stadtteilen Rath, Unterrath und Lichtenbroich nach Düsseldorf eingemeindet wurde. Diesem Schritt standen viele Unterrather kritisch gegenüber. Sie befürchteten, dass ihre Interessen gegenüber denen der Großstadt untergehen würde. Und so gründeten sie den Verein, um sich für die Lebensqualität im Stadtteil zu engagieren.
Bis heute hat der Bürgerverein in seinem Eifer nicht nachgelassen. Wenn ein Projekt erfolgreich abgeschlossen ist, nimmt sich die Vorsitzende Erika Prill gleich das nächste vor. „Zu tun ist immer was“, sagt die pensionierte Bankerin, die mit dem so genannten Ruhestand nicht viel anfangen konnte. So setzt sie heute ihre Tatkraft im Bürgerverein ein und freut sich, wenn die Arbeit des Vereins Früchte trägt.
Wer durch Unterrath spaziert, kommt an zahlreichen Denkmälern vorbei, die der Verein gestiftet hat, um Unterraths Geschichte lebendig zu halten. Dazu gehört nahe der Kirche St. Maria unter dem Kreuze der Folklorebrunnen mit mehr als 100 Figuren sowie eine Mönchs-Statue im Kartäuser Park, die an das ehemalige Kloster der Kartäusermönche erinnert. Der Verein setzte sich auch dafür ein, dass das Therapiebad im Haus St. Josef erhalten blieb und die A 44 nicht durch Lichtenbroich geführt wurde.
Dass den Unterrathern ein Zentrum fehlt, an dem sie sich treffen können, hat dem Bürgerverein keine Ruhe gelassen. Eines der ältesten Gebäude des Stadtteils ist die ehemalige Gaststätte Klinke an der Unterrather Straße. Das Haus steht heute leer, aber der Platz davor ist nach beharrlichem Drängen des Bürgervereins neu gestaltet worden. Zweimal in der Woche ist dort Markt, Vereine und andere Initiativen können ihn nutzen, um Feste zu feiern. Ein Fest, zu dem sich stets die Unterrather treffen - auch einige von denen, die weggezogen sind -, ist die Hahnekirmes auf dem Schützenplatz. Ein Fest für die ganze Familie, das auch bei Rathern beliebt ist.
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