Angermund: Nördlicher geht es nicht
VON UWE REIMANN - zuletzt aktualisiert: 10.10.2003 - 12:32Angermund liegt mitten zwischen den Stadtzentren Düsseldorfs und Duisburgs. Ein ausgeprägtes Eigenleben sagt man den Bewohnern nach. Das zeigen auch die bunten, geschnitzten Straßenschilder, die es nur hier gibt.
Angermunder sind anders. Das behauptet der gemeine Bürger im hohen Norden Düsseldorfs von sich selbst, das ist aber auch den Stadtoberen im Düsseldorfer Rathaus durchaus bewusst. Warum wohl ist an der Angermunder Straße, an der entlang sich der Stadtteil über einige Kilometer links und rechts anschmiegt, am Ortsausgang ein Schild aufgestellt: "Innenstadt 11 Kilometer"? Es ist hier nicht selbstverständlich, dass damit die City Düsseldorfs gemeint ist. Der nördlichste Stadtteil der Landeshauptstadt liegt im Niemandsland von Düsseldorf, Duisburg und Ratingen. Exakt elf Kilometer ist es jeweils zu den Zentren Düsseldorfs und Duisburgs. "Viele Angermunder fahren deshalb in beide Zentren. Aber Ratingen ist uns hier auch nah", sagt Ferdinand Wolff.
Er ist so etwas wie einer der menschlichen Mittelpunkte Angermunds. Wer hier lebt, trifft irgendwann mal auf den gemütlichen Ex-Bäcker, der sein Unternehmen mit zahlreichen Filialen Ende 2008 verkauft hat. Er ist im Vorstand des ortsansässigen Handwerks- und Handelsvereins, Vorsitzender des Karnevalsvereins "De 11 Pille", Mitglied der St. Sebastianus Bruderschaft Angermund 1511, des Reitercorps und natürlich auch des Angermunder Kulturkreises. Er ist hier geboren und lebt schon immer im Dunstkreis der Graf-Engelbert-Straße ("Ich bin in meinem ganzen Leben nur 20 Meter umgezogen."). Die pittoreske Straße mit der neugotischen Kirche St. Agnes, grobem Pflastersteinen und zahlreichen mittelalterlichen Häusern bildet das historisch kleine Zentrum. Am Ende der Straße thront die alte Burg aus dem 12. Jahrhundert.
Die Burg Angermund
Im historischen Kern Angermunds steht die Burg Angermund. Die Burganlage geht auf eine Staufische Gründung aus den Jahren 1167 - 1191 zurück. Teile der Burg stammen aus dem 13. Jahrhundert. Sie war die nördlichste Bastion des Grafen von Berg und Sitz eines bergischen Kellners, dem die wirtschaftliche Verwaltung der umliegenden Güter oblag. Deshalb heißt sie auch Kellnerei. 1635 wurde der Torbau errichtet, 1780 das Herrenhaus. Von 1982 bis 1985 wurde die Burg zur Wohnanlage umgebaut. Noch heute umzieht ein Wassergraben den Burgbereich. Sie befindet sich heute in Privatbesitz und kann nicht besichtigt werden.
"Die alten Angermunder, die leben hier in diesem kleinen Bereich", sagt der 55-Jährige. Sie machten aber nur noch rund zehn Prozent der gut 6000 Bewohner aus. "20 Prozent sind aus Duisburg gekommen, 70 Prozent sind zugezogene Düsseldorfer", schätzt Wolff. Die mögen das dörfliche Angermund, dass zwischen Felder, Wiesen und Weiden eingebettet trotzdem durch die neue B8n eine schnelle Verbindung nach Düsseldorf und Duisburg hat. Kein Stadtteil hat so viel land- und forstwirtschaftliche Fläche, nirgendwo ist ein "Dörfchen" so eingebettet in viel Grün, alte Höfe und kleine Bäche. Am Ende der Straße "Auf der Krone" zum Beispiel liegt in Richtung Schloss Heltorf eine der schönsten Alleen der Region. Der angrenzende Park hat eine einzigartige Sammlung von seltenen Pflanzen, so Rhododendren und Azaleen oder 40 verschiedene Eichenarten aus Amerika.
Aber bei aller Romantik: Die Bahnlinie teilt den Ort massiv. Sie zerschneidet ihn in zwei Teile. Während an der historischen Graf-Engelbert-Straße und an der Angermunder Straße zahlreiche Geschäfte, ein Supermarkt und einige Frisöre, Arztpraxen, Kneipen und Dienstleistungsbetriebe angesiedelt sind, gibt es westlich der Trasse fast nur noch ruhige Wohnviertel, ausgenommen ein kleines Gewerbeareal an der Wacholderstraße. "Die Bahnlinie ist wie die Berliner Mauer", sagt Wolff. Der Druck auf die Deutsche Bahn, Lärmschutzwände zu bauen, eint die Angermunder westlich wie östlich der Schienen. Da sind sie eben alle Angermunder.
Und doch hat sich der Ur-Einwohner trotz der vielen Zuzüge von "Düsseldorfern" sein Eigenleben bewahrt. Das Prinzenpaar zum Beispiel. Noch immer widersetzen sich die Angermunder, auf ihre Majestäten zu verzichten und nur noch dem Düsseldorfer Prinz und der Venetia zu huldigen. Die Quittung: Ins Comitee Düsseldorfer Carneval dürfen sie nicht. Oder die Pflege der besonderen, aus Holz geschnitzten Straßenschilder, die es nur hier gibt und von den Angermundern in Eigenregie sauber gehalten werden. Die Schilder mit den roten Rosen tragen so entzückende Straßennamen wie "In den Blamüsen" oder "Hoppegarten". Am Letzteren wartet einer der schönsten Kinderspielplätze Düsseldorfs. Auf nachgebauten Piratenschiffen können Kinder richtig toben. Die Stadt weiß, warum sie ihn baute: Vor allem Familien mit Kindern zog es nach Angermund. Die eigenen Straßenschilder jedenfalls würde sich hier niemand nehmen lassen, weiß Wolff.
Da lugt sie wieder hervor, die Eigenwilligkeit der Angermunder, die mitunter zum Widerstand neigen kann. Die Geschichte beweist es: Gegen den Widerstand der Stadt Angermund ist 1930 durch die Zusammenlegung mit Breitscheid, Eggerscheidt, Hösel, Wittlaer und Kalkum das Amt Ratingen-Land gebildet worden (später "Angerland"). Der Wunsch, bei der vom Land NRW in Aussicht genommenen kommunalen Neuordnung den Status "Großgemeinde Angerland" zu erhalten, scheiterte am Eingemeindungshunger der benachbarten Großstädte Duisburg und Düsseldorf. 1975 wurde Angermund schließlich der Landeshauptstadt zugesprochen. Die Eigenständigkeit war futsch. Und das wurmt dort immer noch ein bisschen. Aber immerhin hat man zu beiden den nötigen Abstand: genau elf Kilometer.
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