Hilden: Attacke aufs Zwerchfell
VON HEIKE STRATE - zuletzt aktualisiert: 20.01.2009Düsseldorf (RPO). "Machensichmafrei, bitte": Kabarettist Ludger Startmann praktizierte in der Hildener Stadthalle. Das Sprachrohr des Ruhrpott-Milieus ließ kein Thema unbehandelt – und erntete donnernden Applaus.
Bestens aufgelegt begrüßte Dr. Ludger Stratmann pünktlich seine große Fangemeinde in der ausverkauften Hildener Stadthalle. Trotz geschlossener Parkhäuser in der gesamten Umgebung und "freier Platzwahl" im Saal fand ein jeder gut gelaunt einen behaglichen Platz im "Wartezimmer vonnem Dokter". Denn in dieses begleitete das Publikum den "Jupp", Dr. Stratmanns Alter-Ego, nach seiner Rede "vorm Kleingärtnerverein Bottrop Bakenbrock Süd". Schließlich musste der bekennende Erste-Klasse-Hypochonder Jupp mal wieder "nachm Aazt".
Kaum im Wartezimmer mit den roten Stühlen angekommen, macht Jupp in der ersten Reihe des Publikums auch schon den "Werner" aus ("Werner, bis du dat? Ich seh dat getz gar nich so richtich!"). Und "Werner" nickt, so wie er das, auf Anweisung vom Jupp, für den Rest der Vorstellung immer wieder tun wird, unterstützt von "Elli", die auch bald unter den Wartenden entdeckt wird. Stratmann hat ein Talent, innerhalb kürzester Zeit seinem Publikum sehr nahe zu kommen. Als wartender Patient ist er unglaublich mitteilsam hinsichtlich aller möglichen und unmöglichen Krankheiten. Und das Publikum genießt es. Immerhin wird jeder in die Lage versetzt, im Dunkel des Saales Mithörer der unausweichlichen Gespräche zwischen dem wartenden "Stamm"-Patienten Jupp und den ihm offenbar mehr oder weniger bekannten Mit-Wartenden zu werden.
Biografisches
Dr. Ludger Stratmann praktizierte mehr als 20 Jahre lang in seiner Bottroper Allgemeinarztpraxis. Seit über zehn Jahren feiert er als "Dr. Stratmann" und als "Jupp" Erfolge. Er hat ein eigenes Theater in Essen (Stratmanns Theater), gastiert aber auch in sämtlichen Kabaretthochburgen Deutschlands. Bekannt wurde Stratmann in 75 Sendungen als Thekenwirt "Jupp" bei "Mittwochs in ..." im WDR-Fernsehen.
Da bleibt kein Thema unbehandelt. Sei es die eigene Befindlichkeit (der Kreislauf am Morgen – "Wat is dich schäbbich in de Kopp!"), die Bussi-Bussi-Aversion aufgrund frühkindlicher Traumata durch Tante Lenis Küsserei "mit ihre Strauchtomaten-Lippen", die Ersatzteil-Krankengeschichte "vonne Omma mit irm Gebiss aus Bangladesch und der Titanik-Hüfte", die Nikotinsucht von Kater Max oder die Lästerei über "den Mann von der Frau Doktor Fiesinger", der ist nämlich "Autist, der teilt sich nich mit, da wirste nix von gewahr".
Der Jupp ist einfach das Sprachrohr des Ruhrpott-Milieus, liebenswert, unbeschwert und mit dem ungewollten Drang, Fremdwörter zu verballhornen. Dabei ist der Ruhrpott-Slang nur sympathisches Mittel zum Zweck: Wer hat nicht hin und wieder insgeheim Freude am Lästern, wer hat noch nie den Besserwisser raushängen lassen, wenn es darum geht, sich als bestens informiert zu präsentieren? Und verspürt nicht jeder eine gewisse Schadenfreude, wenn sich ein solcher Mensch in den Unwägbarkeiten der Sprache verstrickt?
Es ist diese warme Menschlichkeit, die das Publikum so sehr begeistert, dass es diesen begnadeten Comedian aus Bottrop am Ende mit "standing ovations" feiert.
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