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Hilden: Besuchstermin im Pflegeheim

VON BERND BUSSANG - zuletzt aktualisiert: 04.12.2010 - 10:52

Düsseldorf (RPO). Im Hildener Haus Ahorn der Graf-Recke-Stiftung hat der angemeldete Gast einen positiven Eindruck vom Alltag der psychisch schwer kranken Bewohner. Auf den ersten Blick deutet nichts darauf hin, dass dort, wie interne Pflegeprotokolle belegen, Bewohner Opfer massiver Gewalt wurden.

Das Pflegeheim Haus Ahorn in Hilden.  Foto: RP, Christoph Göttert
Das Pflegeheim Haus Ahorn in Hilden. Foto: RP, Christoph Göttert

Adventsgestecke, Weihnachtssterne aus Papier, aus einer Plastikhülle leuchtet elektrisch ein munterer Schneemann. Warm empfängt das Haus Ahorn der Graf-Recke-Stiftung Besucher. Der Aufenthaltsraum der gerontopsychiatrischen Pflegestation wirkt hell und freundlich. Kicker und Klavier stehen verlassen da, und auch der Riesenteddybär am Boden lässt eher auf ein Jugendheim schließen.

Doch die Menschen, die schweigend und in sich versunken an den Tischen sitzen, sind alt und psychisch schwer erkrankt. Dass sie Gefahr laufen könnten, jederzeit Opfer eines unkontrollierten Gewaltausbruchs zu werden, ist schwer vorstellbar.

Pflegeprotokolle, die der Rheinischen Post vorliegen, beschreiben aber genau solche Szenen. Minuziös haben Pflegekräfte aufgeschrieben, wie alte Menschen von aggressiven Mitbewohnern geschlagen und gedemütigt werden. Dabei reicht die Bandbreite der dokumentierten Gewalttaten von der Ohrfeige bis hin zum massiven sexuellen Übergriff (wir berichteten).

Lange Gänge mit großen Fenstern und Halteleisten führen zu den Wohngruppen und bieten den Bewohnern Bewegungsraum. In Tippelschritten kommt uns bei der angemeldeten Presse-Visite ein alter Mann entgegen und reicht jedem freundlich die Hand. Verschlossene Türen gibt es innerhalb des Hauses offenbar nicht. Auch die Wege hinaus in den verschneiten und umzäunten Garten sind frei. "Wir wollen Normalität herstellen, hier soll Leben stattfinden", sagt Peter Jaspert, Geschäftsführer des Heimträgers Dorotheenpark der Graf-Recke-Stiftung.

Eine scheinbare Normalität, die ihren Preis hat. Denn viele der Bewohner sind dement, können ihr Verhalten längst nicht mehr steuern und sind per richterlichem Beschluss eingewiesen worden. Verlaufen sie sich in Gängen, im Garten und auf Zimmern, dauert es mitunter längere Zeit, bevor sie von den Pflegekräften vermisst und wieder zurückgeholt werden.

Mit dieser Freiheit steigt das Risiko. Den Pflegeprotokollen und den Aussagen einer Pflegekraft zufolge verletzen sich die Bewohner des Hauses Ahorn häufig selbst oder eben auch andere. "Wir bewerten das Risiko eines Sturzes geringer, als dass wir die Folgen einer Fixierung in Kauf nehmen wollen, denn das bedeutet Bewegungslosigkeit", beschreibt der Theologische Vorstand der Graf-Recke-Stiftung, Ulrich Lilie, die offizielle Pflege-Philosophie des Hauses Ahorn.

Fixiert wurde aber doch – unsachgemäß, wie der RP vorliegende Fotos dokumentieren. Das Festbinden an dafür ungeeigneten Stühlen oder Rollstühlen sei inzwischen verboten worden, betont Lilie. Doch bleibt der Eindruck: Wenn tagsüber weiter nur bis zu vier Mitarbeiter – und nur einer in der Nacht – etwa 40 Patienten in einem Wohngruppen-Block waschen, füttern, pflegen und beaufsichtigen, ist leicht vorstellbar, dass die verwirrten, teilweise aggressiven alten Menschen festgebunden werden.

Andernfalls drohen sie aus dem Blickfeld der Pfleger zu geraten. Und das kann ebenfalls fatale Folgen haben, wie die Pflegeprotokolle ausweisen: Der massive sexuelle Übergriff eines Bewohners auf eine wehrlose alte Frau auf einem der Flure wurde erst entdeckt, als er bereits im vollen Gange war. Eine mögliche Vergewaltigung wurde gerade noch verhindert. Ein Einzelfall, wie die Hausleitung betont?

Apricot-Töne und moderne Ahornmöbel bestimmen den Raum einer Wohngruppe. Dort ist an diesem Tag niemand gefesselt. Die Atmosphäre wirkt friedlich. Auf den Tischen brennen Kerzen in weihnachtlichen Glashaltern. Aus den Boxen eines CD-Players dringt halblaut Popmusik.

Doch das idyllische Bild täuscht: Ja, gewaltsame Übergriffe auch gegen das Personal gehörten zum Pflegealltag, räumt Lilie ein. Von einem Pflegeskandal in seinem Haus will er aber nichts wissen. "Der eigentliche Skandal ist, dass unsere westliche Gesellschaft sich damit abgefunden hat, dass ihre alten Menschen nicht adäquat versorgt werden."

Quelle: RP

 
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