Hilden: Linse als Ventil für Trauer
VON STEFANIE MERGEHENN - zuletzt aktualisiert: 15.09.2009Düsseldorf (RPO). In Kooperation mit dem Fabry-Museum und dem Kinderschutzbund fotografierten verwaiste Kinder Erinnerungsorte. Die so entstandenen Gedenkbücher können helfen, das Unfassbare begreifbarer zu machen.
Foto-Workshops für Jugendliche finden regelmäßig in der Alten Kornbrennerei des Wilhelm-Fabry-Museums statt. Doch in den Fotobüchern, die Museumspädagogin Dr. Sandra Abend und Fotograf Michael Ebert gestern präsentierten, steckt nicht nur technisches Know-How, sondern vor allem Gefühl: Die "Gedenkbücher" sind von Hildener Kindern erstellt, die ihre Mutter oder ihren Vater verloren haben.
"Die kreative Aufarbeitung kann helfen, traumatische Erfahrungen zu bewältigen", weiß Christa Cholewinski, die das Projekt mit betreute. Schließlich hat die Geschäftsführerin des Kinderschutzbundes die fünf Teilnehmer ausgewählt – Acht- bis 15-Jährige Halbwaisen, die von der ausgebildeten Trauerbegleiterin über einen längeren Zeitraum begleitet wurden.
"Welches Medium ist besser geeignet, Erinnerungen wachzuhalten, als die Fotografie?" Ausgehend von dieser These präsentierte der auch an zwei Fachhochschulen unterrichtende Privat-Dozent Ebert den Teilnehmern des für sie kostenlosen Kurses am ersten von zwei Sonntagen alte Ansichten der frühen Fotografie. So zeigt sein persönliches Lieblingsbild einer Dorfschule in Alaska aus dem Jahr 1910 "Menschen, die längst tot sind, aber durch das Foto wieder lebendig werden und uns ihre Geschichten weiterspinnen lassen". Die von den Kindern mitgebrachten Familienbilder dienten als Brücke in ihr eigenes Leben. Nach einer kompakten Einführung in die digitale Fototechnik wurden sie mit der Hausaufgabe entlassen, Plätze oder Gegenstände zu fotografieren, die sie mit dem verlorenen Elternteil in Verbindung bringen.
Christa Cholewinski begleitete die Kinder in der folgenden Woche an ihre persönlichen Erinnerungsorte. "Mit einem Blick fürs Detail, den ich mir von manchen meiner Studenten wünschen würde" (Ebert), sind ergreifende Ansichten entstanden. Da ist das aus Erde geformte Herz für "Dad", ein Stilleben der blauen und grünen Gießkannen auf dem Friedhof, ein Spielgerät, das die verstorbene Mutter mit entworfen hat oder die weißen Kiesel, die herzförmig ein Gänseblümchenfeld umrahmen. Auch kontemplativ anmutende Impressionen aus der Natur fügten die jungen Künstler ihren jeweils 24 Seiten starken Büchern hinzu, die sie am zweiten Sonntag layouteten.
Bilder gegen das Vergessen
Die Fotobücher wurden kostenlos vom Marktführer in Oldenburg hergestellt, deren Produktionsstätte Ebert besichtigt hatte. "Wenn auf ellenlangen Papierstrecken die Gesichter fremder Menschen an einem vorbeirasen, hat es fast etwas von dem himmlischen Buch des Lebens", findet der Hildener Fotograf. Für seine Kursteilnehmer wurde ihr Gedenkbuch zu einer Überlebens-Strategie. "Es war ein bewegender Moment, als wir die Bücher beim dritten Treffen austeilten", erinnert sich Abend. Da konnte das Unfassbare zaghaft "begriffen" werden.
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