Hilden: Mit jecker Taktik an die Macht
VON STEFANIE MERGEHENN, SHABIR SAAED UND DANIEL OELBRACHT - zuletzt aktualisiert: 12.02.2010Düsseldorf (RPO). Die Hildener ließen die Stimmung nicht einfrieren: Mehr als 100 Jecken feuerten das Prinzenpaar beim Sturm auf das alte Rathaus an. Rund 800 feierten anschließend im Partyzelt auf dem alten Markt beim Sparkassen-Empfang und nachmittags auf Einladung des CCH.
Der eigentliche Zerberus kam aus Bayern: "Dort ist Fasching zwar auch ganz schön, aber einen Rathaus-Sturm gibt's nicht", erzählt Hermann Schneider. Im bergischen Kittel der "Rathauspfeifen" half der Hausmeister gestern, die in einstündiger Arbeit gezimmerte Holzverkleidung in der Tür des alten Rathauses gegen die heranstürmenden Jecken zu verteidigen, was durch die Anfeuerung des Volkes "Wir sind die Narren, die Mauer muss weg!" noch erschwert wurde. An seiner Seite kämpften Polizeichef Wolfgang Busch, Erster Beigeordneter Norbert Danscheidt ("Wir setzen uns einfach gemütlich auf die Treppe und warten, bis die Narren erfroren sind"), Jugenddezernent Reinhard Gatzke ("Hiernach bin ich erstmal reif für einen Wellness-Urlaub") und eine achtköpfige Abordnung der Waldkaserne.
Karneval am Samstag
Große Hildener Karnevalsgesellschaft ab 10 Uhr Straßenkarneval auf der Mittelstraße.
Kniebachschiffer ab 18 Uhr Seeräuberball, Haus Tillmann, Richrather Straße.
Carnevals Comitee Hilden ab 18 Uhr Hilden-Helau-Party, Festzelt alter Markt.
Derweil versuchte Bürgermeister Horst Thiele, das immer zahlreicher strömende Narrenvolk vom Bürgerhaus-Balkon aus abzuwehren: "Hier ist geschlossen, wie bei Hertie!" Doch Prinzessin Hildania Simone I. hatte eine Geheimwaffe im Schlepptau – Thieles Gattin Elke als Geisel. Auch wenn der Verwaltungschef noch zögerte ("Das ist nicht meine Frau, die würde lauter um Hilfe schreien"), konnte Prinz Hildanus Markus I. gegen 11.20 Uhr das Narrenvolk vom Balkon des Bürgerhauses aus grüßen – zum Beispiel Oliver Vennedey. Trotz der Minusgrade fühlte sich der 39-Jährige ganz kuschelig warm in seinem dicken Hasen-Kostüm, das er seit dem letzten Osterfest besitzt. "Aber gefeiert wird nur heute", betont der Hildener, der am Wochenende lieber in die Eifel wandern geht.
Zeit zu feiern hatte das kleine Prinzenpaar gestern nicht: Sechs Empfänge hatten Jan und Laura schon hinter sich, bevor sie das Rathaus stürmten. Beim Sparkassen-Empfang im Partyzelt am alten Markt durfte Laura ihre Rede halten, die ihr Opa (und Prinzenführer) Johannes Caspary in der Nacht zuvor noch bis zwei Uhr geschrieben hatte. Dafür gab's "Strüßjer" vom Sparkassen-Vorstandsmitglied Josef Stopfer, der für die 800 geladenen Gäste 900 Liter Bier und 150 Flaschen Sekt geordert hatte.
Rudi Guthe (76) verzichtete in diesem Jahr sogar darauf, nach Düsseldorf zu fahren, weil es hier "deutlich friedlicher" zugehe als in der Hochburg des Karnevals. Und Aline Köckner, die mit ihrer Aqua-Fit-Gruppe gekommen war, bützte herzhaft einen vorbei eilenden Kompaniechef. "Tolles Kostüm", lobte die Möhne. "Von welcher KG seid ihr?" Knappe Antwort: "Von der Bundeswehr!" Wären die Soldaten gestern nicht selbst das Opfer gewesen, hätten sie die taktische Finesse des Manövers sicher zu schätzen gewusst.
Um Punkt 15.11 Uhr überlisteten die Karnevalisten die Bundeswehr und bejubelten mit dreifachem "Helau!" die Machtübernahme in der Waldkaserne. Es war eine klug durchdachte Operation des Prinzenpaares: Während Prinzessin Simone samt Hofstaat mit dem närrischen Volk vor dem Haupteingang stand und am Tor rüttelte, schlich sich Prinz Markus – bestens getarnt durch ein Barett auf dem Kopf – durch das Südtor auf das Gelände und überrumpelte die Soldaten.
Die versuchten noch, dem Treiben mit Geländewagen, Blaulicht, Sirene, Feuerwerk, einer Schutztruppe und Blasmusik Einhalt zu gebieten – vergeblich. In der Halle, in der sonst die Feldjäger ihre Wagen parken, saßen Soldaten und Jecken dann friedlich-fröhlich zusammen. "In der Kaserne kann man prima feiern", lobte denn auch Fabian Oeckenpöhler, der direkt von der Arbeit aus Düsseldorf nach Hilden gekommen war. Die unerklärliche Sicherheitslücke, so ein ranghoher Offizier, werde die Bundeswehr allerdings noch einige Zeit beschäftigen.
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