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Langenfeld: „Mama riecht rot, mein Freund lila“

VON STEFANIE MERGEHENN - zuletzt aktualisiert: 07.04.2007

Düsseldorf (RPO). Bei Klängen sieht sie Formen, bei Gerüchen Farben: Die 17-jährige Langenfelderin Verena Krebs ist Synästhetikerin. Das gleichzeitige Empfinden unterschiedlicher Sinneseindrücke ist für Außenstehende irritierend und faszinierend zugleich, inzwischen aber neuropsychologisch erwiesen.

Wer bei bestimmten Gerüchen oder beim Hören verschiedener Tonarten konkrete Farben vor Augen hat, könnte Synästhetiker sein.  Foto: RPO
Wer bei bestimmten Gerüchen oder beim Hören verschiedener Tonarten konkrete Farben vor Augen hat, könnte Synästhetiker sein. Foto: RPO

langenfeld  Wenn Verena Krebs an den vergangenen Monat denkt, hat sie Orange vor Augen – und das nicht etwa wegen der Tulpen und Primeln in ihrer aufblühenden Heimatstadt. Januar ist schwarz, Februar grün und März eben orange – zumindest aus Sicht der 17-Jährigen: Die Schülerin am Konrad-Adenauer-Gymnasium ist Synästhetikerin.

Das bedeutet, dass die Zwölftklässlerin bei kalendarischen Rhythmen (Monate, Wochentage) bestimmte Farben und bei klanglichen Rhythmen bestimmte Formen vor Augen hat. „Wenn ich im Radio ein Lied höre, sehe ich die Töne als eine Art Streifen“, schildert die junge Langenfelderin. Bei ruhigen Abschnitten seien die Streifen dann schmaler. Eine Gabe, die der Saxophon-Spielerin beim Jugendblasorchester „Power of melody“ zu Gute kommt: „Ich merke mir die Rhythmen über Bögen, die ich dann vor Augen habe.“

Info

Zusammen empfinden

Synästhesie (griechisch: syn / zusammen und aisthesis / Empfindung) bezeichnet ein psychologisch-neurologisches Phänomen, bei dem die Stimulierung eines Sinnes spontan einen anderen (inadäquaten) Sinn mit erregt.

Die Schätzungen über den Anteil von Synästhetikern in der Weltbevölkerung klaffen weit auseinander – von 0,001 bis zu 0,5 Prozent. Auffällig ist, dass Synästhesien häufiger von Frauen als von Männern berichtet werden (Verhältnis etwa 8:1).

Die häufigste Erscheinung ist das Farbenhören, das bereits 1690 von dem Philosophen John Locke registriert worden war.

Das neuropsychologische Phänomen berührt bei Verena Krebs darüber hinaus ganz ausgeprägt den Geruchssinn. „Jeder Mensch hat ja einen bestimmten Eigengeruch, bei dem ich dann eine bestimmte Farbe vor Augen habe“, beschreibt Verena Krebs. Heißt konkret: „Mein Freund riecht lila, meine Mutter rot und mein Vater eher bräunlich.“ Ihre Eltern hätten schon früh registriert, dass sie ein gutes Gedächtnis habe: „Das liegt wohl daran, dass ich meine Erinnerungen systematisch speichere.“ Vor zwei Jahren sei ihre Mutter dann auf einen Artikel über Synästhesie gestoßen und hätte ihn ihr zu lesen gegeben mit den Worten: „Ich glaube, das hast du auch!“ Verena hingegen „hatte immer gedacht, jeder würde bei bestimmten Gerüchen oder Klängen entsprechende Farben vor seinem inneren Auge haben“.

Hohe Dunkelziffer

Wie viele Menschen Synästhetiker sind, lässt sich nicht genau beziffern. Die KAG-Schülerin glaubt, dass „die Dunkelziffer deshalb so hoch ist, weil Synästhetiker ja zunächst denken, das sei völlig normal“ – und deshalb auch nicht darüber reden. „Unnormal“ fühlt sich Verena Krebs freilich nicht: Schließlich hat Synästhesie weder etwas mit Halluzinationen noch mit Autismus zu tun, sondern ist ein wissenschaftlich erwiesenes Phänomen (siehe unten: „Jeder hat doppelten Sinn“).

Schweizer Forscher beispielsweise untersuchten eine einzigartige Klangwahrnehmung, die Hören, Sehen und Schmecken vereint: Wann immer die 27-jährige Flötistin Elisabeth Sulser Musik hört, schmeckt sie deren Intervalle auch auf der Zunge. Allein die Oktave, der einfachste Tonabstand, ist geschmacksneutral. Die große Terz schmeckt süß, die dazu passende kleine Sext wird als sahnig wahrgenommen. Diese harmonischen Intervalle schmecken offenbar angenehmer als dissonante Tonverhältnisse: Die große Sekunde und kleine Septime erscheinen der Probandin bitter, die ebenfalls „schräge“ große Septime und die kleine Sekunde sauer.

Zusätzlich erlebt Sulser die einzelnen Töne als Farben: Die mit absolutem Gehör ausgestattete Musikerin erkennt etwa den Ton C regelmäßig als „Rot“, ein Fis als „Lila“. Doch anders als diese bei Synästheten relativ häufige Doppelempfindung von Tönen und visuellen Eindrücken, auf die sich womöglich Begriffe wie „Klangfarbe“ oder „Farbton“ zurückführen lassen, ist „Musikgeschmack“ im wörtlichen Sinne extrem selten.

Ordnete eine erste klinische Studie Synästhesien 1812 noch pathologisch ein, blühte keine 100 Jahre später die Idee des Gesamtkunstwerkes auf, das verschiedene Künste und Sinneserfahrungen vereinigte. Heute unterscheiden die Neurologen bereits genuine und metaphorische Synästhetiker. Verena Krebs jedenfalls „würd’s komisch finden, wenn ich auf einmal keine Farben mehr sehen würde“.

Quelle: RP

 
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