Richrath: „Sie grölten und trugen Fackeln“
VON THOMAS GUTMANN - zuletzt aktualisiert: 30.01.2007Düsseldorf (RPO). Henny Dreifuss hat die Machtübernahme der Nazis erlebt. Nach Frankreich emigriert, entging sie unter falschem Namen der Deportation nach Auschwitz. Als Putzfrau horchte sie Besatzungssoldaten für die Resistance aus. Gestern erzählte die fast 83-Jährige davon in der Gesamtschule.
Bis zum 30. Januar 1933 lebte Henny Dreifuss, damals fast neun Jahre alt, ein „ganz normales Familienleben in Mannheim – mit meinen Eltern und meinem drei Jahre älteren Bruder“. Ab jenem Montag aber war alles anders: „Wir haben von unserem abgedunkelten Wohnzimmer aus beobachtet, was unten vor sich ging: Sie grölten und marschierten mit Fackeln durch die Straßen.“ Sie, das waren Nationalsozialisten, die heute vor 74 Jahren mit der Reichskanzlerschaft Hitlers die Macht in Deutschland übernahmen. Gestern erzählte Henny Dreifuss in der Bettine-von-Arnim-Gesamtschule von der Verfolgung, die sie und ihre Familie – wie Millionen andere, vor allen Juden – ausgesetzt waren und die ihre Eltern und ihr Bruder – wie Millionen andere – nicht überlebten.
Holocaust-Gedenktag
Eingeladen hatte die Bettine-von-Arnim-Gesamtschule Henny Dreifuss, die heute in Düsseldorf lebt, aus Anlass des weltweiten Holocaust-Gedenktags. Am 27. Januar 1945 befreiten sowjetische Truppen das Vernichtungslager Auschwitz.
Die „bald 83-jährige“ mit dem vollen grauen Haar und der coolen Brille spricht ohne Pathos. „Am Morgen nach Hitlers Machtergreifung haben manche Kinder zu mir gesagt: Wir spielen nicht mehr mit dir, weil du Jüdin bist.“ Die Verhaftungswelle nach dem Reichstagsbrand in der Nacht zum 28. Februar, der Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April, die Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 – die Zeitzeugin erwähnt nüchtern, was die etwa 160 Zehntklässler im Saal zumindest bruchstückhaft aus den Schulbüchern kennen dürften.
Im Oktober ’33 bereits emigrieren die Dreifussens nach Frankreich – der Vater, ein Sozialdemokrat, ahnt, dass die Drangsalierung und ersten Verfolgungswellen von Andersdenkenden und angeblich Andersartigen im „Dritten Reich“ erst der Anfang sind. „Warum ausgerechnet nach Frankreich“, fragt ein Schüler. Und bei aller Nüchternheit wird an diesem Vormittag zum ersten Mal der Abgrund offenbar, der sich auch fast ein ganzes Menschenleben „danach“ vor den NS-Verbrechen auftut: „Warum Frankreich“, wiederholt die überlebende Jüdin: „Ich hatte nie mehr Gelegenheit, mit meinen Eltern über diese Frage zu sprechen.“
In Frankreich lebt die Familie mit anerkanntem Flüchtlingsstatus, aber ohne Arbeitserlaubnis. Nach Kriegsausbruch wird der Vater als „Feindstaaten-Angehöriger“ nach üblicher völkerrechtlicher Praxis interniert. Als die Wehrmacht die Armée überrollt und der NS-Vernichtungsapparat über das kollaborierende Vichy-Regime Zugriff auf die in Frankreich lebenden Juden erhält, sitzen die Dreifussens „sozusagen in der Mausefalle“, wie die überlebende Tochter formuliert: Die Eltern werden nach Auschwitz deportiert und dort ermordet, der Bruder stirbt im Vernichtungslager Majdanek.
Flugblätter und Plakate
Und Henny Dreifuss selbst? Die junge Frau, die in einem Heim für Kinder von Emigranten arbeitet, schließt sich der Resistance an, überlebt dank falscher Papiere, die ihr die französische Widerstandsbewegung besorgt. Als Elsässerin mit deutschen Wurzeln putzt sie bei den Besatzungsbehörden, plaudert gezielt mit Wehrmachtsangehörigen, um etwas über deren Einstellung zum Krieg zu erfahren. Das fließt dann ein in Flugblätter und Plakate, mit denen die Widerständler die Soldaten „zum Nachdenken“ bringen wollen: „Schluss mit dem Krieg! Denkt an Eure Familien!“
„Was war das Schlimmste, was Sie in diesen Jahren erlebt haben“, fragt ein Schüler. „Da war so vieles, da fällt einem immer wieder etwas anderes ein“, antwortet Henny Dreifuss, und es scheint, als wolle sie sich und ihren jungen Zuhörern Einzelheiten ersparen. „Besonders schlimm war es, die Deportationszüge zu sehen“, erzählt sie dann aber doch: „Wir haben den durstigen Eingesperrten Wasser gereicht.“ Oder das morastige Lager, in dem 6500 Juden gefangen gehalten worden seien: „Dort sind viele gestorben, und die Eltern, die uns ihre Kinder fürs Heim anvertrauten, waren froh und erschüttert zugleich, dass sich ihr Weg und der ihrer Kinder trennte.“ Hörbar kämpft die fast 83-Jährige die Tränen nieder, die ihre Stimme zu ersticken drohen: „Später wurden diese Kinder bei Nacht und Nebel wieder aus dem Heim herausgeholt und zu ihren Eltern gebracht, um mit ihnen deportiert zu werden.“
Mehr als eine Stunde spricht Henny Dreifuss, über die Rückkehr nach Deutschland 1945, Bekanntschaften von einst, über alte Nachkriegs-Nazis und junge Neonazis. Die Zehntklässler sind mucksmäuschenstill, hören gebannt zu. Beifall. Noch eine Frage: „Woher nehmen Sie die Kraft, sich mit so etwas Schrecklichem immer wieder zu beschäftigen?“ Die freundliche alte Frau lächelt: „Aus solchen Momenten wie mit euch. Hört hin, macht euch Gedanken!“ Und wenn man Angst hat, wenn’s drauf ankommt? „Angst zu haben ist nicht schlimm. Leute, die sich nie ängstigen, sind geradezu gefährlich. Schlimm ist es, die Angst nicht zu überwinden.“
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